Norderstedt

Von der Armenkolonie zum lebendigen Stadtteil

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 Norderstedts Ortsteil Friedrichsgabe zwischen der Quickborner Straße und Bahnhofstraße. Herz des ehemaligen Dorfes ist die Johanneskirche.

Norderstedts Ortsteil Friedrichsgabe zwischen der Quickborner Straße und Bahnhofstraße. Herz des ehemaligen Dorfes ist die Johanneskirche.

Foto: TA CAPS / Thorsten Ahlf

Friedrichsgabe feiert die 200 Jahre seines Bestehens mit einem Festumzug und Sommerfest im August.

Norderstedt.  Sie kamen aus Altona, und sie waren arm. Um sie aus dem großen Elend an der Elbe herauszuholen, siedelte der Sozialreformer und Kaufmann Johann Daniel Lawaetz 20 Altonaer Familien 1821 auf die Pinneberger Harksheide um, dänisches Land, und gründete Frederiksgabe, die „Gabe“ des Dänen-Königs Frederik VI und Herzogs von Holstein. Der wollte ohnehin das platte Land besiedeln, und Lawaetz’ Armendorf kam ihm gerade recht.

Gut 200 Jahre später stehen Oberbürgermeisterin Elke Christina Roeder, Eckhard Wallmann, der Pastor der Friedrichsgaber Johanneskirche, die Stadtpräsidentin Kathrin Oehme sowie Wolfgang Berghofer und Dieter Schramm von der Initiative „Friedrichsgaber Runde“ um eine kleine Eiche versammelt, die sie gerade an einem geschichtsträchtigen Ort eingegraben haben. An der Ecke Quickborner Straße und Dreibeekenweg stand schon einmal eine sogenannte „Friedenseiche“. Sie wurde nach dem deutschen Sieg beim Deutsch-Französischen Krieg 1870/21 gepflanzt, ein Anlass, der im Rückblick den Ersten und Zweiten Weltkrieg auslöste und heute kritisch gesehen wird.

Nun soll die Baumpflanzung ein feierliches Ereignis, den Auftakt zum 200-Jahr-Fest des Dorfes Friedrichsgabe markieren. „Hier war die Dorfmitte, nicht weit entfernt war die Dorfschule“, sagt Eckhard Wallmann, Pastor der Johanneskirche. Er hat gemeinsam mit Peter Reimann ein Buch über die Geschichte Friedrichsgabes geschrieben, das am 28. August zur Jubiläumsveranstaltung erscheinen soll. Ein zweites Buch, „200 Jahre Friedrichsgabe – 50 Jahre Norderstedt“ mit Bürger-Geschichten, planen die Hobby-Historiker Gerd Meincke mit Klaus Dreger.

Geschichten aus den vergangenen 200 Jahren gibt es einige zu erzählen. Friedrichsgabe ist das jüngste der vier Dörfer, die Norderstedt bilden. Die 20 umgesiedelten Familien aus Altona sollten selbstständig von der Landwirtschaft leben und sich damit von Almosen und Armut befreien. Vor allem aber sollten sie der Altonaer Armenkasse nicht mehr zur Last fallen. Betuchte Altonaer Bürger unterstützten daher das Armen-Projekt des „Entwicklungshelfers“ Lawaetz. Die 20 Armenfamilien bekamen Grund und Boden entlang der heutigen Quickborner Straße, und so bildete sich dort der Dorfplatz.

Die armen Familien verlegten sich bald aufs Torfstechen

Doch Frederiksgabe stand auf Heideboden, der wenig Ernte brachte, weil er so mager war wie seine Bewohner. Die Neu-Dörfler mussten sich noch andere Einkommensquellen sichern. Wo Heide ist, ist oft auch Torf, und schon wie die Glashütter bauten auch deren neue Nachbarn Torf ab und verkauften ihn in die Hansestadt Hamburg. Diese Konkurrenz aber mochten die Glashütter so gar nicht, und die nachbarschaftlichen Beziehungen froren ein. Bis heute, wie Peter Hinsch, ehemaliger Gastwirt von „Onkel Hannes“ an der Ulzburger Straße in Friedrichsgabe, jüngst erzählte: „Wir mochten die Glashütter nicht, und die mochten uns nicht.“ Den Torf transportierten die Frederiksgaber auf einem Holzwagen, dem Steertpoggkarren.

Einer, der dieses „Idyll“ vielfach malte und zeichnete, war der Friedrichsgaber Künstler Heinz Knopp, der viele St.-Pauli- und Hafenbilder malte und an den Schulen und Rathäusern der Ursprungsgemeinden Norderstedts Kunst im öffentlichen Raum schuf – einer der wenigen bekannten Friedrichsgaber. Auch die Frederiksgaber nahmen wie die Glashütter auf dem Rückweg Schutt, Schiet und Küchenabfälle aus der Hansestadt mit aufs Land und fütterten mit dem, was die Hamburger nicht mehr aßen, ihre Schweine und düngten damit ihre Felder.

Aber es reichte trotzdem nicht, um die oft großen Familien zu ernähren. Die Frederiksgaber brauchten noch andere Einnahmequellen. Das Dorf lag so weit auf dem einsamen Land, dass sie noch andere, nicht so saubere Geschäftsfelder entdeckten. Sie holten für ihre hungrigen Mäuler so manchen Wildbraten aus dem Wald oder besserten ihre Haushaltskassen mit Schmuggel vom dänischen Holstein in die Hansestadt auf.

Das gefiel weder der dänischen noch der preußischen Obrigkeit. 1873 erklärte Frederik das von Lawaetz gegründete Armen-Projekt für beendet und vereinte die Armensiedlung Frederiksgabe mit Dreibeken, Haslohfurth und Meeschensee zur Gemeinde Friedrichsgabe. 1840 hatte Frederiksgabe 108 Einwohner. Durch den Zusammenschluss mit den umliegenden Dörfern zu Friedrichsgabe wuchs das Dorf auf 300 Einwohner und erhielt den Status einer selbstständigen Gemeinde. Um 1900 lebten 400 Bürger im Dorf, und in den 1920er-Jahren erlebte es sogar einen kleinen Boom.

Nazi und Schlachtermeister Lührs terrorisierte das Dorf

Dann wurde es auch in Friedrichsgabe dunkel. Die Nazis konnten in dem Dorf zuerst nur schwer Fuß fassen. Doch im Juli 1930 gründete sich eine NSDAP-Ortsgruppe. Schon bei der drei Monate späteren Reichstagswahl erhielt die Nazi-Partei 171 Stimmen und wurde mit 46,1 Prozent stärkste Partei. Bei den Reichstagswahlen im Juli 1932 stimmten 53,4 Prozent der Wähler für Hitler.

Gründer und Ortsgruppenführer der Friedrichsgaber NSDAP war Schlachtermeister Karl Lührs. Doch auch in Friedrichsgabe lebten nicht nur Nazis, sondern auch Sozis aller Couleur. Eine Legende hält sich bis heute: In der NS-Diktatur harkten viele Friedrichsgaber ihre traditionell mit gelbem Sand ausgelegten Gartenwege nicht nur sonnabends, sondern jeden Abend, um am Morgen sehen zu können, ob sie belauscht wurden.

Karl Lührs hat nach der NS-Machtübernahme 1933 politische Gegner bespitzelt, verraten und misshandelt. Er überfiel mit seinen Schergen die SPD-Ortsgruppe und ließ 300 Bücher der Bibliothek verbrennen. Und er drangsalierte den ehemaligen SPD-Bürgermeister Helmut Klute, drängte dessen Nachfolger Willi Bahde aus seinem Amt und setzte sich auf den Bürgermeisterstuhl.

Am 23. Mai 1945 verhaftete ihn die britische Militärbehörde. Helmut Klute erhielt sein Amt als Bürgermeister zurück. Er lebte an der Quickborner Straße 107, die Stadt hat eine Straße nach ihm benannt.

Als Friedrichsgabe zu Norderstedt wurde, brachte das Dorf der Stadt exakt 6729 Einwohnerinnen und Einwohner ein.

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