Kreis Segeberg

Rantzauer Forst wird zum Schilderwald

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Burkhard Fuchs
Anwohner Wilfried Breckwoldt am neuen Ortsausgangsschild an der Ecke Jägerstraße, Syltkuhlen. „Bin ich jetzt noch Norderstedter?“

Anwohner Wilfried Breckwoldt am neuen Ortsausgangsschild an der Ecke Jägerstraße, Syltkuhlen. „Bin ich jetzt noch Norderstedter?“

Foto: Burkhard Fuchs

23 neue Tempo-50-Schilder und sechs Ortstafeln am Rantzauer Forst – die Anwohner fühlen sich wie in Schilda.

Norderstedt.  Über allen Wipfeln lag Ruh’ im Rantzauer Forst und in der Garstedter Feldmark – und rund um die Straßen Syltkuhlen, Rantzauer Forstweg, Waldweg und Buckhorn und den dort anrainenden Häusern. Doch plötzlich brach ein Schildersturm los. Und am Ende trauten die Anwohner ihren Augen kaum: Plötzlich hingen in ihren Straßen und vor ihren Häusern 23 nagelneue Tempo-50- und sechs frische Ortseingangs- und Ausgangsschilder. Im Forst war über Nacht ein Schilderwald gewachsen – und keiner konnte sich erklären, warum. Ein typischer deutscher Fall behördlicher Überregulierung?

Die Anwohner, die dort zum großen Teil seit Jahrzehnten leben, waren jedenfalls völlig überrascht und ganz aus dem Häuschen. Mit Blick auf Ortsausgangsschilder fragten sich einige: Ja, wohne ich jetzt außerhalb der geschlossenen Ortschaft und bin ich dann überhaupt noch ein Bürger der Gemeinde?

An Kreuzungen stehen gleich vier Tempo-50-Schilder

So wie zum Beispiel Hans-Peter Krohn, der am Lehmkuhlen einen Reiterhof betreibt. „Ich rätsele, ob ich noch zu Norderstedt gehöre“, sagt der Unternehmer. „Das alles hat mich schon ein bisschen überrascht. Ich weiß gar nicht, was los ist.“ Die Lage in den zwischen Grün und Forst liegenden Straßen in der Garstedter Feldmark ist nun kompliziert.

So ist der Lehmweg ebenso wie die Jägerstraße und Harthagen jetzt jeweils von Anfang bis Ende durch Ortsausgangsschilder gekennzeichnet worden. An allen Abzweigungen stehen neue Tempo-50-Schilder. An den Kreuzungen gleich jeweils vier auf einmal. Knapp zwei Dutzend Tempo-50-Schilder sind es insgesamt. Auch Anlieger Arne Reimers wundert sich über den plötzlichen Schilderwald. „Ich kann das überhaupt nicht nachvollziehen“, sagt er. „Das muss einer gemacht haben, der überhaupt keine Ahnung hat.“

Bisher ging es auch ohne die ganzen Orts- und Tempo-50-Schilder. Nun sorge der Schilderwald laut den Anwohnern dafür, dass immer mehr Autofahrer den Nachbarort Hasloh im Kreis Pinneberg anders anfahren: Statt wie bisher über die gut ausgebaute Verbindung Syltkuhlen, Dorfstraße und Kirschenallee nun plötzlich auch über die Jägerstraße, den Waldweg und den kaum mit dem Fahrzeug zu passierenden Wehlenhold, ganz dicht an der A 7 vorbei zur Friedrich-Ebert-Straße. Alles scheint sehr verwirrend zu sein.

Anwohner Detlev Lüdemann dachte schon, es handele sich um einen Aprilscherz. „Ist nur ein bisschen früh dafür. Aber es wundert mich schon, was die da in der Verwaltung machen“, sagt der Anwohner vom Syltkuhlen. Ähnlich geht es auch Nachbar Wilfried Breckwoldt, inzwischen Landwirt im Ruhestand, der seit 67 Jahren auf dem 50-Hektar Hof in Garstedt lebt. Und der wurde vor 51 Jahren Norderstedt und dem Kreis Segeberg zugeschlagen. „Der ganze Bereich hier war immer eine geschlossene Ortschaft“, sagt Breckwoldt. Die neuen Schilder hält er deshalb für völlig überflüssig. „Ich verstehe den Sinn und Zweck nicht.“

Theoretisch hätten Autofahrer Tempo 100 fahren dürfen

Zeit also, die Stadtverwaltung Norderstedt um Aufklärung zu bitten. Das übernimmt die Sprecherin Nina Wrage. Offenbar gab es aus Richtung Hasloh kommend an manchen Straßen oder Sträßchen über Jahre kein Ortseingangsschild. Streng genommen befanden sich also Autofahrer hier außerhalb einer geschlossenen Ortschaft – obwohl es sich faktisch um eine geschlossene handelte.

„Somit galt für diese Fahrer eine Höchstgeschwindigkeit von Tempo 100. Für die Fahrzeugführer, die aus der anderen Richtung kamen, galt wiederum die Höchstgeschwindigkeit innerorts von Tempo 50.“ Mit der 1600 Euro teuren neuen Beschilderung gebe es nun endlich „eine einheitliche Regelung für das Gebiet“. Wrage räumt ein, dass die Stadt es versäumt habe, die Anwohner in Kenntnis zu setzen. Deren Sorgen, dass sie durch das Setzen der Schilder plötzlich nicht mehr auf Norderstedter Gemarkung leben würden, zerstreut Wrage.

Nach der Straßenverkehrsordnung dürften Ortseingangsschilder „nur dort aufgestellt werden, wo die geschlossene Bebauung beginnt“, so die Stadtsprecherin. Hierzu zählten nicht sogenannte Splittersiedlungen oder einzelne Höfe, wie in der Feldmark. „Die Stadtgrenze wird durch das Setzen von Ortstafeln nicht verändert, diese geben nur das Ende der geschlossenen Bebauung wieder.“

Auslöser des Schildersturms waren wohl einige Fußgänger

Jedoch – was ist der übergeordnete Sinn der Schilderaktion? Warum jetzt? Warum so massiv? Hatte es Probleme durch die fehlende Beschilderung im Bereich der Straßen gegeben? Gar Unfälle?

Der Norderstedter Polizeiverkehrsexperte Kai Hädicke-Schories stellt klar: „Der Bereich Syltkuhlen und Rantzauer Forst ist absolut kein Unfallschwerpunkt. Wir haben da 0,0 Unfälle in den letzten Jahren gehabt.“

Der auslösende Faktor für den plötzlichen Schilderwald waren laut Hädicke-Schories offenbar zahlreiche Spaziergänger, die sich über die in den Straßen angeblich zu schnell fahrenden Fahrzeuge bei der Stadtverwaltung beschwert hatten. Die Stadt habe die Polizei aufgefordert, dieses subjektive Empfinden der Bürger mit Geschwindigkeitsmessungen zu überprüfen.

Dabei sei dann aufgefallen, dass die Verkehrslage im Bereich des Rantzauer Forstes unübersichtlich sei. „Theoretisch hätte man an einigen Stellen Tempo 100 fahren können“, erklärt Hädicke-Schories. Um also Rechtssicherheit zu schaffen, habe somit die komplette Beschilderung überprüft und überarbeitet werden müssen. Ähnliches sei vor einigen Jahren aufgrund von Beschwerden im Bereich der Waldstraße/Oadby-and-Wigston-Straße geschehen.

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