Häusliche Gewalt

Frauenhaus Norderstedt sucht Wohnung für Frauen in Not

| Lesedauer: 3 Minuten
Andreas Burgmayer
Das Betreuerinnen-Team des Norderstedter Frauenhauses.

Das Betreuerinnen-Team des Norderstedter Frauenhauses.

Foto: Michael Schick

Die Kreispolitik stellt der Einrichtung dafür zusätzliche 90.000 Euro in Aussicht – Diskussion um ein zweites Frauenhaus nimmt Fahrt auf

Norderstedt.  177 Frauen mit 218 Kindern. 395 Opfer häuslicher Gewalt. Und keines von ihnen fand 2020 Zuflucht im Frauenhaus Norderstedt. Leiterin Anita Brüning muss die Zahl im Jahresbericht des Asyls noch einmal nachschlagen. Weil sie selbst nicht fassen kann, dass dies Fakt ist. Aber tatsächlich mussten Brüning und ihr Team im Corona-Jahr 2020 all die Frauen und Kinder abweisen, weil im Frauenhaus kein Platz war. Alle 28 Plätze ausgebucht. Auch jene fünf in einer zusätzlich angemieteten Wohnung. Auch noch der letzte Quadratmeter Zuflucht ist vergeben.

Dass die Not der Frauen groß und der Platzmangel im Frauenhaus prekär ist, bringt nun Bewegung in die politische Diskussion. Ein Dringlichkeitsantrag der CDU-Fraktion für mehr Unterstützung des Norderstedter Frauenhauses wurde im Sozialausschuss des Segeberger Kreistages einstimmig verabschiedet. Die Zustimmung im Hauptausschuss und Kreistag dürfte sicher sein, sagt der CDU-Kreistagsabgeordnete Christian Mann.

Dem Träger des Frauenhauses, der Diakonie Hamburg-West/Südholstein, wird für den Zeitraum von April bis Dezember 2021 für den Betrieb und Einrichtung von weiteren externen Plätzen und Aufstockung der Personalkosten, ein Zuschuss in Höhe von 90.000 Euro gewährt. „Dabei soll die Kreisverwaltung mit dem Träger prüfen, ob die Möglichkeit besteht, auch Wohnungen außerhalb von Norderstedt mit entsprechender Betreuung anzumieten“, sagt Mann. Gleichzeitig sollen alle amtsfreien Gemeinden und Ämter des Kreises um eine Rückmeldung gebeten werden, inwieweit schon Wohnungen für Frauen vorgehalten werden und ob die Bereitschaft besteht, bei der Einrichtung von externen Plätzen finanzielle Unterstützung zu leisten.

„Wir halten eine dezentrale Unterbringung der Frauen grundsätzlich für sinnvoll. So könnten viele Frauen näher ihres normalen Lebensumfeldes unterkommen“, sagt Mann. Wichtig sei es auch, die Verweildauer der Frauen im Norderstedter Haus zu verkürzen. Derzeit liege sie bei 106 Tagen, der Durchschnitt aller anderen Frauenhäuser im Land liege bei 70 Tagen. Deswegen soll nun das Projekt „Frauen Wohnen“ des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Schleswig-Holstein im Kreis Segeberg intensiviert werden. Dafür soll der Kreis 25.000 Euro ausgeben.

Anita Brüning freut sich über die zusätzliche Unterstützung für Frauen in Not durch den Kreis Segeberg. Wobei sie das nun auch vor das nächste Problem stellt: Sie muss eine Wohnung finden und das passende Personal für die Betreuung. „Da hoffe ich sehr auf die Unterstützung durch die Stadt oder die Wohnungsbaugesellschaften“, sagt Brüning. Und auch für die Ausstattung der Wohnung müsse man sorgen. „Letztes Jahr hatten wir da noch Spenden von Ikea bekommen“, sagt Brüning.

Der Aufwand für die dezentrale Unterbringung der Frauen in Wohnung ist aus Sicht von Brüning auch eher ein Argument gegen diese Form der Hilfe für Frauen in Not. Tatsächlich würde Brüning deswegen mittelfristig lieber für den Bau oder den Kauf einer Immobilie für ein zweites Frauenhaus in der Region plädieren. Brüning: „Dann hätten wir auch mehr Platz für unsere Arbeit in der Prävention und in der Täterarbeit.“

In der Kreispolitik hat die Diskussion um ein zweites Frauenhaus längst begonnen. SPD und Grüne sind für den Bau des Hauses und fordern den Landrat auf, in Verhandlung mit dem Land zu treten. Denn entschieden werden kann darüber nur in Kiel.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Norderstedt