Bundestagswahl

SPD: Norderstedter Betriebsrat wird Bundestagskandidat

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Burkhard Fuchs
Segebergs Kreisvorsitzende Katrin Fedrowitz beglückwünscht den gewählten SPD-Bundestagskandidaten Bengt Axel Bergt aus Norderstedt für den Wahlkreis Segeberg-Stormarn-Mitte.

Segebergs Kreisvorsitzende Katrin Fedrowitz beglückwünscht den gewählten SPD-Bundestagskandidaten Bengt Axel Bergt aus Norderstedt für den Wahlkreis Segeberg-Stormarn-Mitte.

Foto: Burkhard Fuchs

Der Norderstedter Bengt Axel Bergt soll den Wahlkreis Segeberg-Stormarn-Mitte für die Genossen nach 20 Jahren wieder zurückholen.

Norderstedt.  Die SPD des Kreises Segeberg und Stormarn-Mitte geht mit einem Arbeitnehmervertreter in die Bundestagswahl Ende September. Die 95 von 120 anwesenden Delegierten wählten am Sonnabend in der Norderstedter Moorbekhalle Bengt Axel Bergt zum Direktkandidaten für den Wahlkreis 008.

Der 38 Jahre alte Betriebsratsvorsitzende des Windenergie-Anlagenherstellers Nordex am U-Bahnhof Ochsenzoll, der seit 2013 in Norderstedt lebt, setzte sich nach drei Stunden Sitzungsmarathon gegen vier Mitbewerber durch.

Bergt erhielt im zweiten Wahlgang 48 Stimmen. Dahinter landete der Norderstedter Tobias Schloo mit 30 Stimmen. Ohne Chance blieben Miriam Huppermann aus Bad Oldesloe mit zwölf und Jens Kahlsdorf aus Norderstedt mit fünf Stimmen. Tobias Weil aus Ellerau zog nach nur sechs Stimmen im ersten Wahlgang seine Kandidatur zurück.

Er sei „überrascht und stolz auf die Vielfalt der Kandidatenauswahl“, sagte Bundestagskandidat Bergt unmittelbar nach seiner Nominierung. „Jetzt müssen wir uns rasch zusammensetzen und eine Strategie entwickeln, um im Wahlkampf in die Vollen zu gehen“, kündigte er an. „Mein Ziel ist es, den Wahlkreis direkt zu gewinnen.“ Das dürfte aber ebenso schwer werden, wie für ihn als Neuling einen aussichtsreichen Listenplatz auf der Kandidatenliste der Landes-SPD für die Bundestagswahl zu erreichen.

Denn zuletzt gelang es Franz Thönnes, zuvor Gewerkschaftssekretär, aus Ammersbek im Kreis Stormarn, 1998 und 2002 den Wahlkreis für die SPD direkt zu holen. Danach gewann viermal hintereinander der CDU-Mann Gero Storjohann aus Seth im Kreis Segeberg den Wahlkreis. Zuletzt mit einem Vorsprung von fast 14 Prozentpunkten und 26.390 Stimmen vor dem SPD-Kandidaten Alexander Wagner aus Bad Segeberg.

Strikte Hygiene- und Abstandsregeln im Saal

Segebergs Kreisvorsitzende und Norderstedter Parteichefin Katrin Fedrowitz eröffnete die Versammlung in der größten Norderstedter Sporthalle, die ganz strikt unter Corona-Hygienebedingungen ablief. Jeder Delegierte bekam eigens seinen Platz zugewiesen, der in weitem Abstand zum nächsten Genossen lag. Auch im Sitzen mussten alle Teilnehmer eine Schutzmaske tragen. Nur die Redner nahmen sie kurz ab, während sie ins Mikrofon sprachen, das jedes Mal aufs Neue mit einer Plastikfolie bedeckt wurde. Zwei Wahlkreisveranstaltungen zuvor hatte der Kreisverband der SPD mit seinen 1275 Mitgliedern wegen der Corona-Bestimmunen kurzfristig wieder abgesagt.

In jeweils knapp zehnminütigen Ansprachen stellten sich die fünf Bewerber nacheinander vor. Dabei ragten Bergt und der erst 28 Jahre alte Schloo als Favoriten heraus. Der gebürtige Brandenburger Bergt betonte, „für ein klimaneutrales Deutschland kämpfen“ zu wollen - „nicht weil es gerade angesagt ist oder wir Bock drauf haben, sondern weil wir dazu verdammt sind.“ Wenn bis 2040 die Stromversorgung nicht auf Sonne und Wind umgestellt wäre, sei die Klimakatastrophe nicht mehr aufzuhalten.

Der öffentliche Nahverkehr und die Kinderbetreuung müsse für die Bürger und Eltern kostenlos sein, fordert Bergt. Auch die Bürgerversicherung sollte endlich eingeführt werden. Als freigestellter Betriebsratschef verkörpere er „die DNA der SPD“ und wisse, „wie man Mehrheiten schafft und auch harten Widerstand überwindet“, sagte Bergt. „Lasst uns zusammen den Neustart wagen und den Wahlkreis zurückholen und dabei nicht auf Koalitionen schielen.“

Landesvorsitzende Midyatli begrüßt die Wahl von Bergt

Der Norderstedter Stadtvertreter und Vorsitzende des Sozialausschusses, Schloo, sprach „Gerechtigkeit und

Solidarität“ das Wort. Niemand in der Gesellschaft dürfe zurückgelassen werden. Bezahlbarer Wohnraum sollte als Grundrecht verankert werden. „Kommunen dürfen nicht mehr allein gelassen werden.“

Wie geschehen beim Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz, wo die nötige Finanzierung durch den Bund ausgeblieben sei, so Schoo. Ein Argument, das Norderstedts Oberbürgermeisterin Elke Christina Roeder, die unter den Delegierten war, offenbar überzeugte. Vor der Auszählung der Stimmen nach ihrem Favoriten befragt, sagte sie: „Es sollte jemand werden, der die Interessen der Kommunen vertritt.“

In der Befragung musste Kandidat Kahlsdorf erklären, warum er 60 Jahre lang gewartet hätte, um in die SPD einzutreten. Seine CDU-Ratsmitgliedschaft bis 2005 sei „ein Fehlgriff“ gewesen, sagte der Unternehmer und versuchte witzig zu sein, indem er behauptete: „Die SPD ist so hilfsbereit, dass sie bei Problemen helfen will, die es ohne die Sozis gar nicht gäbe.“ Es lachte allerdings niemand in der Halle, die offenbar nicht beheizt war und zunehmend kälter wurde.

Am Schluss hatten alle frierend in ihre Jacken gehüllt. Probleme mit der Akustik und der Lautsprecheranlage sorgten für wiederholten Ärger. Zum Teil waren die Redner kaum zu verstehen. „Die ,TriBühne’ wäre zu teuer gewesen“, begründete Katrin Fedrowitz die Auswahl des Tagungsortes.

Glückwünsche für Bergt kamen von der SPD-Landesvorsitzenden Serpil Midyatli: „Als freigestellter Betriebsrat eines großen Windenergieunternehmens kennt Bengt Bergt die Bedürfnisse von Beschäftigten und die Situation in dieser für den Norden sehr wichtigen Branche genau. Gerade bei den aktuell laufenden wirtschaftlichen Umbrüchen brauchen wir Politiker mit seiner Erfahrung und Perspektive im Bundestag. Damit ist das Team der SPD Schleswig-Holstein für die Bundestagswahl perfekt.“

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