Flüchtlinge

Angekommen in Norderstedt: Zwei Geflüchtete erzählen

| Lesedauer: 7 Minuten
Catharina Jäckel
Kidane Legisha Meharzghi hat sich in Norderstedt ein neues Leben aufgebaut.

Kidane Legisha Meharzghi hat sich in Norderstedt ein neues Leben aufgebaut.

Foto: Catharina Jäckel

Habibola Samadi und Kidane Legisha Meharzghi haben In Norderstedt Arbeit und Freunde gefunden – die Angst um ihre Familien bleibt.

Norderstedt.  „Ich liebe alles in Norderstedt! Ich möchte hier nicht mehr weg“, sagt Habibola Samadi. Der 30-Jährige flüchtete 2014 mit seiner Schwester und deren Kinder zu Fuß aus Afghanistan. Im selben Jahr flüchtete auch Kidane Legisha Meharzghi aus ihrer Heimat Eritrea, und baute sich in Norderstedt ein neues Leben auf. Sie beide sprechen fast fließend Deutsch, haben Freunde gefunden und eine Arbeit. Mirghani Khiri vom Willkommen-Team in Norderstedt begleitete sie auf ihrem teils schwierigen Weg. Er lebt seit 1962 in Deutschland, und flüchtete selbst mit 24 Jahren aus Ägypten. Für viele Geflüchtete ist er einfach nur „Onkel Khiri“. Der 83-Jährige möchte zeigen, dass Geflüchtete ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt nutzen. Seine „Schützlinge“ arbeiteten mittlerweile unter anderem als Karosserieschlosser, im Supermarkt, bei einem Fahrradhändler, im Restaurant oder als Ärzte im Krankenhaus. „Ich finde es wirklich lobenswert, dass so viele versuchen, sich vom Jobcenter loszulösen. Für mich ist es ein tolles Resultat auch von meinem persönlichen Einsatz und ich freue mich, dass meine Unterstützung und Hilfe nicht umsonst war“, sagt Khiri.

Habibola Samadi hat in Norderstedt eine Ausbildung zum KFZ-Mechatroniker gemacht. „Mit der Berufsschule habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Schule besucht“, sagt er. Als der 30-Jährige im Februar 2014 nach Deutschland kam, wurde er zunächst ins Aufnahmelager in Neumünster geschickt. In Norderstedt war er einer der ersten afghanischen Flüchtlinge.

Die meisten Geflüchteten stammen nach Informationen der Stadt aus Afghanistan, Syrien und dem Irak. 2014 kamen 231 Asylsuchende in Norderstedt an, 2015 stieg die Zahl auf 625 an, 2016 waren es 510 Geflüchtete. In den vergangenen Jahren wurden jeweils nur etwa 200 Personen in Norderstedt untergebracht. Wie die meisten Geflüchteten verbrachte Habibola Samadi die ersten Monate in einer Notunterkunft. „Damals gab es noch kein Willkommen-Team, sondern nur ein paar Freiwillige wie Mirghani, die mir beim Einleben helfen konnten. Das war sehr schwierig.“ Ihm fehlte vor allem der Kontakt zu den Menschen. „Ich wäre depressiv geworden. Ich wollte versuchen, mit Leuten zu sprechen“. Die deutsche Sprache brachte sich Samadi selbst bei. „Ich habe mir dazu einen kleinen Fernseher gekauft und hauptsächlich durch Kinder-Sendungen Deutsch gelernt“, sagt er. Auf den Straßen habe er Leute angesprochen, und gefragt, ob er sie ein Stück begleiten und sich mit ihnen unterhalten darf. „Damals waren die Leute noch sehr nett. Heute ist das nicht immer der Fall“, sagt er.

Nach vier Monaten durfte er seinen ersten Job in einer Waschstraße antreten. „Ich wollte kein Geld vom Sozialamt haben“, so Samadi. Kurz darauf wurde er befördert. In Norderstedt arbeitete er zunächst als Lackierer, bevor er eine Ausbildung zum KFZ-Mechatroniker bei Lüdemann und Zankel in Henstedt-Ulzburg begann. „Ich liebe Autos, mein Onkel und mein Opa sind KFZ-Mechatroniker und hatten eine Werkstatt in Kabul“, sagt er. Derzeit ist er bei Amazon in Kaltenkirchen angestellt – natürlich als Auslieferungsfahrer. „Wegen Corona gibt es nicht viel Arbeit. Aber das ist besser als nichts.“

Die Taliban bedrohen Samadis Familie in Afghanistan

Seit Juli 2016 wohnt er in seinen eigenen vier Wänden in Norderstedt-Mitte. „Da hatte ich Glück. Ich habe einer afghanischen Familie geholfen, und habe sie als Übersetzer zum Sozialamt begleitet“, erzählt er. Der Mitarbeiter hatte zufällig eine Sozialwohnung zu vergeben. Samadi sagte sofort zu, ohne die Wohnung nur einmal besichtigt zu haben.

Die Situation in seinem Heimatland bereitet ihm derweil weiterhin Sorgen. Mitte Januar, erzählt er, hätten die Taliban gedroht, seiner Familie etwas anzutun, sollte der 30-Jährige nicht zurückkehren. Seine Ehefrau, seinen neunjährigen Sohn und seine elfjährige Tochter musste er in Afghanistan zurücklassen. Seit seiner Flucht steht er nur über Whats-App mit ihnen in Kontakt.

„Habibola hat es gerade sehr schwer“, sagt Khiri über seinen Schützling. „Die Familienzusammenführung ist nicht so einfach, weil er nur geduldet ist. Wie soll man in dem Zustand arbeiten und sich integrieren, wenn die Gedanken immer bei der Familie sind?“

Samadi sei in der Stadt sehr beliebt. Der neue Norderstedter Bürger stand sogar schon in der Hamburgischen Staatsoper auf der Bühne. Er sang 2019 im Gefangenenchor bei Giuseppe Verdis Oper „Nabucco“ mit. „Ich habe immer gearbeitet, ich bezahle meine Wohnung und Steuern und habe ein einwandfreies Führungszeugnis – und trotzdem droht mir die Abschiebung. Jetzt brauche ich Hilfe“, sagt er. Denn Samadi hat große Pläne: Er würde gerne Lebensmittel wie Reis aus Afghanistan und Pakistan importieren und seinen eigenen Laden in Norderstedt eröffnen.

Auch Kidane Legisha Meharzghi nennt Norderstedt ihr neues Zuhause. Sie flüchtete im November 2014 allein aus Eritrea. Ihre Geschwister leben noch heute in dem autoritär regierten Land. Im April 2015 kam sie in Norderstedt an. „Ich habe zum Glück Englischkenntnisse und konnte schnell mit den Menschen in Deutschland in Kontakt treten“, sagt die 43-Jährige. „Ich habe außerdem eine Frau aus dem Kosovo kennengelernt, die meine Freundin wurde. Gemeinsam haben wir jeden Tag etwas unternommen – ich saß nie einfach nur in meinem Zimmer“, erzählt sie und lacht herzlich. Mit den Mitarbeiterinnen des Willkommen-Teams habe sie von Anfang an Gottesdienste in der Falkenbergkirche besucht, und im Chor gesungen. Dadurch lernte sie die für sie vollkommen neue Sprache und fand schnell Freunde.

Kidane hat in Norderstedt auch die Liebe gefunden

Mit den „älteren deutschen Frauen“ gehe sie auf Konzerte oder spazieren. Auch zum gemeinsamen Kaffeetrinken hätten sie sich häufiger verabredet. „Wegen Corona haben wir uns jetzt seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen, aber wir telefonieren“, sagt sie. Nach neun Monaten in Norderstedt erhielt Meharzghi ihre Aufenthaltserlaubnis, durfte Deutschkurse an der Volkshochschule besuchen und legte die B2-Prüfung ab. „Es war auch für mich sehr wichtig, so schnell wie möglich zu arbeiten“, sagt sie. Die 43-Jährige engagierte sich zunächst ehrenamtlich im Jugendhaus in Norderstedt und arbeitete für jeweils wenige Monaten bei verschiedenen Unternehmen. Seit etwa eineinhalb Jahren ist sie bei dem Reinigungsunternehmen Sitex in Hamburg angestellt. Ihr Schichtleiter Vladjan Pesic schätzt seine Mitarbeiterin: „Sie ist sehr fleißig! Natürlich gibt es Kulturunterschiede, aber dass wir uns trotzdem alle verstehen, macht uns hier bei Sitex zu etwas Besonderem.“

In Norderstedt hat Meharzghi nicht nur Freunde gefunden, sondern auch einen festen Partner. 2018 verliebte sie sich. Kurz darauf fand das Paar eine Zweizimmerwohnung in Garstedt. Kidane Legisha Meharzghi sagt, sie ist angekommen: „Ich habe auch viele Verwandte in Frankfurt, aber ich möchte gerne in Norderstedt bleiben, hier bei meinen Leuten fühle ich mich wohl.“

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