Corona-Lockerungen

Ansturm auf den Norderstedter Einzelhandel

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Annabell Behrmann und Catharina Jäckel
„Wer weiß, wie lange die Geschäfte noch offen bleiben.“: Alexander Tisch hat am Montag für seine beiden Töchter gleich fünf Paar neue Schuhe gekauft.

„Wer weiß, wie lange die Geschäfte noch offen bleiben.“: Alexander Tisch hat am Montag für seine beiden Töchter gleich fünf Paar neue Schuhe gekauft.

Foto: Annabell Behrmann

Viele Hamburger nutzten gleich am Montag die Chance, in Schleswig-Holstein einkaufen zu gehen. Teilweise bildeten sich Warteschlangen.

Norderstedt.  Das Leben kehrte am Montag zurück ins Norderstedter Herold-Center: Vor der C&A-Filiale im Obergeschoss bildete sich eine gut 50 Meter lange Schlange, die Modemarke lockte mit Rabatten von bis zu 70 Prozent. Auch sonst war das Einkaufszentrum gut besucht. Center-Manager Thomas Krause drehte zufrieden seine Runden durch die Ladenstraßen. Das Sicherheitspersonal achtete darauf, dass sich die Kunden an die Einbahnstraßenregelung hielten und sich nicht zu nahe kamen. „Wir sind froh, dass es wieder losgeht. Der Einzelhandel ist gut vorbereitet, und ich zähle auf die Grundvernunft der Menschen“, sagte Krause.

Seit dieser Woche dürfen die Geschäfte in Schleswig-Holstein wieder öffnen, weil der Inzidenzwert für Corona-Neuinfektionen unter 50 liegt. In Hamburg hingegen müssen die Läden bei einem Wert von knapp unter 80 weiter geschlossen bleiben, sie dürfen mit Kunden lediglich Termine nach dem Click- &-Meet-Prinzip vereinbaren.

Obwohl Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher appellierte, von Shoppingausflügen ins Umland abzusehen, fuhren viele Hamburger am Montag nach Norderstedt. „Es ist schön, einfach mal rauszukommen und etwas anderes zu sehen“, sagte Melanie M., die mit ihrer 15-jährigen Tochter Lina und deren Freundin Anna durchs Herold-Center bummelte. Die Hamburgerinnen trugen zwei große Tüten mit neuer Kleidung bei sich. „Das ist Balsam für die Seele. Wir kaufen lieber in Geschäften anstatt im Internet ein.“

Um die 2000 Kundinnen und Kunden sind im Herold-Center zugelassen

Alexander Risch schleppte gleich fünf Paar neue Sneaker für seine beiden Töchter (zwölf und neun) aus dem Schuhgeschäft Deichmann. „Nichts passte mehr“, sagte Risch. Seine Töchter seien aus den alten Schuhen herausgewachsen. Online zu bestellen, kam für ihn nicht infrage. „Das halte ich nicht für ökologisch sinnvoll.“ Der Hamburger, der an der Landesgrenze wohnt und auch sonst regelmäßig im Herold-Center einkauft, wollte die Chance nutzen. „Und wer weiß, wie lange die Geschäfte noch offen bleiben.“

Denn Fakt ist: Sollte die Sieben-Tage-Inzidenz in Schleswig-Holstein an drei aufeinanderfolgenden Tagen auf über 50 Neuinfektionen ansteigen, müssen die Geschäfte wieder schließen und dürfen nur Click & Meet anbieten. „Ich kann nicht in die Kristallkugel schauen. Aber ich bin guten Mutes – das Hygienekonzept wird gut angenommen“, sagte Center-Manager Krause. Um die 2000 Kundinnen und Kunden sind im Einkaufszentrum gleichzeitig zugelassen. Sollten zu viele Menschen an der U-Bahnhaltestelle Garstedt aussteigen, um ins Herold-Center zu gelangen, würde der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) auf die Situation reagieren. „Wir haben die Haltestelle im Blick“, sagte Christoph Kreienbaum, Sprecher des HVV. Sollten die Bahnsteige zu überfüllt sein, könnte die U 1 notfalls durchfahren oder die Zugänge würden reguliert werden. „Bis jetzt sieht es aber entspannt aus“, so Kreienbaum.

Paradox war am Montag hingegen die Lage im Einkaufsquartier am Schmuggelstieg. Hier verläuft die Landesgrenze zwischen den Geschäften. Während die Händler auf der Hamburger Seite ihren Kunden nur Click & Meet anbieten durften, machten die Kollegen wenige Meter weiter nördlich in Norderstedt das spontane Bummeln und Shoppen wieder möglich. Die Norderstedterinnnen und Norderstedter blieben trotzdem zurückhaltend. Auch die erwarteten Einkaufstouristen aus Hamburg wagten sich nur vereinzelt über die Tarpenbek. Vor einigen wenigen Läden bildeten sich zeitweise kurze Schlangen. Beispielsweise vor „Tee & Zeit“. Laut Inhaberin Ute Homfeld herrschte normaler Betrieb. Bis zum Mittag bediente sie etwa 20 Kunden. „Aus wirtschaftlicher Sicht ist das toll, aber natürlich habe ich gemischte Gefühle durch die vielen Kontakte.“ Familie Lukas stockte an diesem Montag ihren Teevorrat auf. „Es ist richtig schön, mal wieder rauszukommen“, sagte Benjamin Lukas. Seine Frau Natascha freute sich, „endlich wieder zu shoppen“. Ihr Sohn durfte sich zur Feier des Tages ein Lego-Feuerwehrauto im Spielzeugladen „Nils Traumfabrik“ aussuchen. Die Familie hatte während des Lockdowns kaum online eingekauft und möchte jetzt die kleinen Läden unterstützen. „Wir sind aber trotzdem vorsichtig und wollen uns nicht anstecken“, so Benjamin Lukas.

Viele Kunden wollen die kleinen Geschäfte unterstützen

Kristina Hopp steuerte ebenfalls den Teeladen an. Die junge Frau wohnt eigentlich in Hamburg, verbringt ihren Urlaub aber derzeit bei ihren Eltern in Norderstedt. „Ich habe das Gefühl, das Leben wacht wieder auf, und ein bisschen Normalität kehrt zurück.“ Auch ihr ist es wichtig, die kleinen Geschäfte zu unterstützten. „Deswegen bin ich nicht ins Herold-Center gefahren.“

„Nils Traumfabrik“, das Fachgeschäft für Spielzeug und Kinderbekleidung gehörte am Montag zu den beliebtesten Anlaufstellen am Schmuggelstieg. Mitarbeiterin Susanne Zelaß war zufrieden. „Die Leute überrennen uns nicht, sondern kommen eher in Schüben“, sagte sie. Viele Kundinnen und Kunden seien noch vorsichtig. Zwar dürfen bis zu acht Personen gleichzeitig im Laden sein, einige warteten aber trotzdem draußen, bis jemand rauskomme. „Da hat sich schon ein anderes Bewusstsein entwickelt“, so Zelaß.

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