Musik

Auf den Spuren eines fast vergessenen Komponisten

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Katja Engler
Die Gambistin Simone Eckert aus Ellerhoop.

Die Gambistin Simone Eckert aus Ellerhoop.

Foto: Privat

Simone Eckert aus Ellerhoop vom Ensemble Hamburger Ratsmusik hat das Werk Diedrich Beckers erforscht. Was sie herausfand.

Ellerhoop.  „Denn Du errettest mich von der schädlichen Pestilenz!“, lautet eine Zeile aus einem Werk des fast vergessenen schleswig-holsteinischen Komponisten Diedrich Becker (1623–1679). Die Zeilen passen erstaunlich gut in die Zeit der Corona-Pandemie, sie stammen aus dem Psalm 91.

Das fast 400 Jahre alte Vokalwerk dazu hat das Ensemble Hamburger Ratsmusik gerade in der Ahrensburger Schlosskirche für eine neue CD aufgenommen, die nächstes Jahr herauskommen soll. Dort war Becker Organist. Als künstlerische Leiterin des Ensembles arbeitet die Gambistin Simone Eckert aus Ellerhoop seit Monaten daran, seine erhaltenen Werke zu sichten und daraus Aufführungsmaterial für die Praxis herzustellen. Die Hubertus-Wald-Stiftung, die Sparkassenstiftungen Schleswig-Holstein/Stormarn und das Spendenparlament des Landes haben das Forschungsprojekt finanziert.

Eckert beschäftigt sich seit 30 Jahren mit vergessenen Komponisten

„Niemand hat bisher die Vokalmusik des Komponisten erforscht und bearbeitet“, sagt die Musikwissenschaftlerin. Becker sei als Hamburger Ratsmusiker in der Nachfolge von William Brade und Johann Schop tätig gewesen, „sie waren für die städtische Repräsentationsmusik zuständig und sehr vielseitig. Fast alle von ihnen spielten Geige, Gambe und Zink, manche auch noch Laute oder Fagott“, sagt Simone Eckert, die sich seit nunmehr 30 Jahren mit der Historie vergessener, oft norddeutscher Komponisten beschäftigt und schon viele Schätze gehoben hat.

Beckers Notenblatt ist ordentlich, aber klein und eng beschrieben. Die digitalen Ausgaben der Noten, die Simone Eckert aus Bibliotheken in Berlin, Dresden und Kopenhagen zusammengetragen hat, sind mit ihren Randbemerkungen nicht leicht zu entziffern.

Becker arbeitete in Schweden, in Celle, Ahrensburg, Hamburg

Viel ist nicht mehr erhalten zur Person Diedrich Beckers. Simone Eckert geht es in ihrer Forschungsarbeit darum, das Wissen um die Musik des 17. Jahrhunderts zu erweitern: „Wir suchen nicht nur nach den Leuchttürmen. Die paar übrig gebliebenen Konzerte von Diedrich Becker zeigen, wie in dieser Zeit gedacht, gefühlt und gelebt wurde. Die wesentlichen Dinge sind dieselben geblieben. Das hat etwas Beruhigendes“, sagt sie. Zwar sei Becker als Komponist von Sonatensammlungen für Instrumente bekannt, bis jetzt kenne aber niemand seine Werke für Sänger und Instrumentalensembles. Das wird sich bald ändern.

Diedrich Becker war bei einem Aristokraten in Schweden engagiert, Mitglied der Celler Hofkapelle und Organist an der Ahrensburger Schlosskirche. Dann ging er als Ratsmusiker nach Hamburg, wo er englische, später auch italienische Musiker kennenlernte. Sogar zwei Trauer- und Begräbnismusiken aus dem Jahre 1678 sind erhalten, die direkt nach Pinneberg führen. Becker hatte eine davon für den dänischen Gesandten und Pinneberger Beamten Johann Helms geschrieben, das vergilbte Deckblatt mit einem Engelsköpfchen war in Glückstadt gedruckt worden.

Beckers erste Ehe war von Unglück überschattet

Privat ist über Becker noch weniger bekannt als über seinen beruflichen Werdegang. Seine erste Ehe, die er in Ahrensburg schloss, war von Unglück überschattet: Fünf seiner sechs Kinder starben früh, bei der Geburt des sechsten starb auch seine Frau. Später heiratete Becker ein zweites Mal, auch aus dieser Ehe gingen Kinder hervor. Zudem war er Pate bei dem wichtigsten nordeuropäischen Instrumentenbauer des 17. Jahrhunderts, Joachim Tielke. Von ihm hat Simone Eckert ihre Gambe, die aus dem Jahr 1685 stammt.

Handwerklich und künstlerisch sei Diedrich Becker „auf der Linie seiner Zeitgenossen“, sagt Eckert. Und: „Musik ist gut, wenn wir sie tausendmal gespielt haben, wir sie aber noch immer mögen.“ So sei es auch mit Diedrich Becker, dessen Werke das Ensemble Hamburger Ratsmusik bald einem internationalen Publikum und anderen Musikern bekannt machen will. Speziell hervorzuheben sei das Verhältnis zwischen Wort und Ton, seine Musik sei raffiniert und tänzerisch, die Vokalwerke schlicht und ergreifend, die Trauermusik plastisch und getragen, sagt Simone Eckert. Aber Becker muss auch eine gehörige Portion Humor gehabt haben, denn „fromme Lieder fürs Zuchthaus“ sind ebenfalls aus seiner Feder überliefert. Die Editionsarbeit hat Simone Eckert allein gemacht, daraus ist Notenmaterial entstanden, mit dem das Ensemble die Arbeit aufgenommen hat.

Manchmal wirken Fehler wie ein Gewürz

Im Zuge dessen werden auch mal Fehler entdeckt. Damit hat es aber etwas Spannendes auf sich: „Zweifel und Fehler erschließen sich erst aus der Praxis“, sagt die Gambistin. „Manchmal bringen nämlich gerade die sogenannten Fehler Glanz und ein Aufhorchen. Sie wirken dann wie ein Gewürz.“

Fünf Sänger, die als gefragte Spezialisten sogar in der Corona-Zeit gut gebucht sind, konnte Simone Eckert für die Aufnahmen gewinnen, darunter Mirko Ludwig, ein ehemaliges Mitglied der Chorknaben Uetersen, der eine der wenigen sehr hohen Tenorstimmen besitzt. Viele Konzerte und Tourneen musste das Alte-Musik-Ensemble im vergangenen Jahr absagen, fast ein dreiviertel Jahr lang durften die Musiker nicht auftreten. Wenn ihre Diedrich-Becker-CD nächstes Jahr herauskommt, wird die Pandemie hoffentlich überstanden sein.

Ein Diedrich-Becker-Konzert des Ensemble Hamburger Ratsmusik ist auf YouTube unter https://youtu.be/NVNjzsj2Szc zu sehen.

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