Norderstedt

Falsch befüllt? Dann bleibt die Biotonne stehen

| Lesedauer: 7 Minuten
Burkhard Fuchs
Die Norderstedter Müllwerker führen auf ihren Abfuhrtouren jetzt Sichtkontrollen durch und lassen Biotonnen –  wie diese hier in Harksheide –  stehen, wenn sich darin offensichtlich Fremdstoffe wie Plastik befinden.

Die Norderstedter Müllwerker führen auf ihren Abfuhrtouren jetzt Sichtkontrollen durch und lassen Biotonnen – wie diese hier in Harksheide – stehen, wenn sich darin offensichtlich Fremdstoffe wie Plastik befinden.

Foto: Burkhard Fuchs

Grund für das rigorose Vorgehen der Stadt Norderstedt ist eine Verschärfung der Bioabfall-Verordnung. Bürger sind ratlos.

Norderstedt. Das Norderstedter Betriebsamt nimmt ab sofort gezielt Bioabfallsünder aufs Korn. Wer seine braune Mülltonne nicht nur mit Speiseresten, anderen organischen oder Gartenabfällen befüllt, sondern etwa Plastik, Glas, Metall, Kunststoff, Granulat, Restmüll oder andere Fremdstoffe darin entsorgt, wird sich künftig ärgern. Denn die Tonne wird dann einfach von den Müllwerkern – so voll sie auch sein mag – stehengelassen.

So ist es bereits jetzt bei den Abfalltouren Anfang März geschehen, zum Beispiel im Stadtteil Harksheide. In einer Wohnstraße blieben gleich mehrere Bioabfalltonnen ungeleert zurück. Der Deckel war aufgeklappt und der vermeintliche Bioabfall ragte mit Plastiktüten heraus. Dazu war ein Zettel an die Tonne geheftet mit der Aufschrift: „Stehengeblieben! Das hat gute Gründe.“ Darunter war einer dieser Gründe angekreuzt: „Der Behälter war falsch befüllt.“ Oder „Der Behälter war überfüllt oder zu schwer.“ Oder: „Der Inhalt war flüssig oder festgefroren.“

Biotonne: Bürger müssen Fehler selbst erkennen

Ein betroffener Bürger aus der dortigen Reihenhaussiedlung, der nun seine volle Biotonne wieder bis zum nächsten Abholtermin im Garten stehen lassen muss, versteht das nicht. „Ich weiß nicht genau, was ich falsch gemacht habe“, sagte er dem Abendblatt-Reporter. „Ich hätte mir gewünscht, dass mir erklärt worden wäre, warum meine Tonne falsch befüllt war. Dann könnte ich es besser nachvollziehen und beim nächsten Mal richtig machen.“

So müsse er nun raten, ob es etwa die Bioplastikfolie, die Zusammensetzung des Bioabfalls oder etwas anderes war, das zu der behördlichen Beanstandung in aller Öffentlichkeit geführt hat.

Auf dem Hinweiszettel an der Mülltonne heißt es noch: „Sie haben Fragen dazu? Wenden Sie sich gerne an ihr Abfall-Service-Center im Betriebsamt.“ Dazu sind eine Telefonnummer und eine E-Mail-Adresse notiert.

Stadtsprecher: Noch viel Informationsbedarf wegen Biotonne

Stadtsprecher Bernd-Olaf Struppek bestätigt: „Viele Rückmeldungen von Bürgern und Bürgerinnen der Stadt, teils auch Beschwerden, haben uns gezeigt, dass zu diesem Thema noch viel Informationsbedarf besteht. Und das, obwohl in den vergangenen Monaten und Jahren, auch in Norderstedt, vielfach berichtet und mithin informiert worden ist“, wundert er sich.

„Als Stadt bedauern wir, wenn wir Menschen verärgern, die sehr wohl an einer ‚sauberen‘ Mülltrennung im Sinne von Natur- und Umweltschutz mitwirken wollen, aber aus Unwissenheit in bestimmten Detailfragen ihre Biotonne ‚fehlerhaft‘ befüllt haben. Wir werden nochmals verstärkt Informationen in Richtung der Menschen der Stadt geben – zum Beispiel, indem wir Flyer verteilen werden, und zwar möglichst an alle Haushalte.“

Es gilt ein neuer Grenzwert von Fremdstoffen im Bioabfall

Hintergrund dieses plötzlichen und rigorosen Stehenlassens der Bioabfalltonnen ist eine Verschärfung der Bioabfall-Verordnung, die demnächst in Kraft treten soll, heißt es auf Nachfrage vom Betriebsamt dazu. So lag der bisher erlaubte Grenzwert von Fremdstoffen im Bioabfall bei fünf Prozent der Abfallmenge. Künftig werde dieser für alle Körnungen des Bioabfalls auf ein Zehntel dieses Werts, also auf 0,5 Prozent der Trockenmasse des Inhalts, begrenzt sein, so Stadtsprecher Bernd-Olaf Struppek.

„Das heißt für die Aufbereiter, dass nur Bioabfälle kompostiert werden dürfen, die nach der mechanischen Aufbereitung die genannten Grenzwerte einhalten.“ Die Anlagenbetreiber würden diesen Reinhaltungsdruck an die Anlieferer weitergeben, die in der neuen Gesetzesvorlage zudem ausdrücklich zu diesen „Sichtkontrollen“ des Bioabfallinhalts aufgefordert sind.

Sogenannte Bioplastiktüten sorgen für Verwirrung

Dies könnte die Kompostierung der 6200 Tonnen Bioabfalls, die aus den Norderstedter Haushalten im Jahr eingesammelt werden, erheblich teurer und aufwendiger machen. Zusätzliche Kontrollen wären nötig, und womöglich würde der Kompost in der nicht normgerechten Form nicht mehr zu vermarkten sein.

„Sollten die Kompostierungsanlagen nach Inkrafttreten der Novelle ihre Anlagentechnik aufrüsten müssen, um den Störstoffanteil zu senken, werden sich diese Kosten auf die Gebühren auswirken“, so Struppek. „Daher ist es das Bestreben der Stadt, die Fremdwürfe im Bioabfall zu senken.“

Vor allem die sogenannten Bioplastiktüten sorgen offenbar für Verwirrung. Immer mehr Bürger entsorgten ihre Küchenabfälle in diesen angeblich zu 100 Prozent kompostierbaren Tüten aus Kunststoff. Diese „kompostierbaren“ Tüten würden zwar irgendwann auch verrotten, was aber für den Prozess einer Qualitätskompostherstellung wesentlich zu lange dauere und auch keine Nährstoffe mitbringe, warnt die Stadtverwaltung.

Das schade dem Reinheitsgebot des Bioabfalls erheblich, der ausschließlich aus organischen Abfällen bestehen soll. „Diese Beutel müssen dann kostenintensiv und aufwendig aus dem Müll aussortiert werden, damit der Biomüll sachgerecht weiterverwertet werden kann“, erklärt Rolf Apfeld vom Betriebsamt der Stadt Norderstedt.

Alternative: Bioabfall in Zeitungspapier entsorgen

Es gebe zudem bessere Alternativen, sagt Apfeld: Der Bioabfall könnte ebenso gut in Zeitungspapier und Papiertüten entsorgt werden, ohne dass sich der Bürger die Hände schmutzig machen müsse. Zudem hätte Papier den Vorteil, dass es die Feuchtigkeit des Bioabfalls aufsauge und die Gerüche binde und neutralisiere.

Mit Papier ausgekleidete Sammelgefäße leisteten dabei „gute Dienste und können anschließend problemlos über die Biotonne entsorgt werden“. Wer weiter seine Bioabfälle in einer Plastiktüte sammeln möchte, möge bitte nur „den tatsächlich biologisch kompostierbaren Inhalt wie Gemüsereste in der Biotonne entleeren“, so der Leiter des Fachbereichs Abfall und Verwaltung. Die Plastiktüte gehöre in die Restmülltonne, so Apfeld.

Grundsätzlich seien die Norderstedter Bürger aber schon recht gute Mülltrenner, betont Stadtsprecher Struppek. „Über die vergangenen Jahre hinweg gibt es einen relativ konstanten Anteil von etwa 1,5 Prozent Fremdstoffanteil für den Bereich der Einfamilien-, Doppel- und Reihenhäuser.“ Ein höherer Störstoffanteil lasse sich im Bereich der Mehrfamilienhäuser beobachten. „Hier liegt der Anteil regelmäßig bei durchschnittlich etwa fünf Prozent.“

Die Stadt beteiligt sich an der Kampagne „Wir für Bio“

Um den Fremdstoffanteil am Bioabfall zu senken, haben die Abfallentsorger vor einigen Jahren die Kampagne „Wir für Bio“ gestartet, der sich auch die Stadt Norderstedt und der Wege-Zweckverband des Kreises Segeberg (WZV) angeschlossen haben. 13 der 60 Entsorgungsbetriebe, die bundesweit dabei mitmachen, kommen aus Schleswig-Holstein.

Gemeinsames Ziel ist es, die Bevölkerung aufzuklären und zu mehr Achtsamkeit bei der Abfalltrennung zu bewegen. „Die Botschaft: Biomüll kann mehr! Das richtige Trennen von Biomüll ist ein aktiver Beitrag zum Klimaschutz. Macht mit und trennt euch von Plastiktüten und kompostierbaren Plastiktüten“, heißt es auf der Homepage dieser im Nachbarkreis Pinneberg initiierten Kampagne.

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