Pandemie

Braucht Norderstedt ein Corona-Schnelltestzentrum?

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Annabell Behrmann
Stephanie Suhrbier, Inhaberin der Erlengang-Apotheke, kritisiert die Stadt.

Stephanie Suhrbier, Inhaberin der Erlengang-Apotheke, kritisiert die Stadt.

Foto: Christopher Herbst

Apotheker und Ärzte sehen die Stadt in der Verantwortung, die CDU fordert ein Zentrum. Was Oberbürgermeisterin Roeder sagt.

Norderstedt.  Die Forderungen nach einem Corona-Testzentrum in Norderstedt werden immer lauter. Dazu hat der am Mittwoch gefasste Beschluss der Bundesregierung weiter beigetragen. Allen Bürgerinnen und Bürgern soll demnach ab Montag, 8. März, mindestens einmal pro Woche ein kostenloser Schnelltest ermöglicht werden.

Diese sollen in Testzentren, von niedergelassenen Ärzten, Apothekern oder anderen vom Land oder der Kommune beauftragten Dritten vorgenommen werden. Eine Umsetzung dieser neuen Teststrategie stellt die Beteiligten in Norderstedt mit seinen 80.000 Einwohnern vor Herausforderungen.

Apothekerin: "Wir brauchen dringend ein Testzentrum"

„Wir brauchen dringend ein Testzentrum in der Stadt“, fordert Lotte Schuhr, Inhaberin der Spitzweg-Apotheke. Den meisten Apotheken stünden gar nicht die Räumlichkeiten zur Verfügung, die nötig wären, um vor Ort zu testen, meint Schuhr. „Ich bräuchte einen extra Raum mit einem separaten Zugang. Diesen habe ich aber nicht, die Kunden kommen alle durch den Haupteingang in die Apotheke.“ Sollte es einen positiven Fall geben, müsste der Infizierte an den anderen Kunden, die häufig hochbetagt sind und Vorerkrankungen haben, vorbeilaufen. „Das kann ich nicht verantworten“, sagt Schuhr.

Bis jetzt führen lediglich vier von 21 Apotheken in Norderstedt Schnelltests durch. Bereits seit der Öffnung von Kitas und Grundschulen vor fast zwei Wochen können sich Lehrkräfte, Kita-Mitarbeiter sowie Kindertagespflegepersonen kostenlos testen lassen. Mit einem mobilen Testteam besucht Lotte Schuhr sieben verschiedene Kitas pro Woche und testet 130 Erzieherinnen. Noch mehr Tests seien kaum zu stemmen. „Das ist schon hart an der Grenze“, sagt sie. Die Mutter dreier Kinder im Kita-Alter erledigt ihre alltägliche Arbeit, die in der Apotheke natürlich neben den Testungen weiterhin anfällt, am Wochenende.

Kostenlose Schnelltests? "Ich sehe die Stadt in der Verantwortung"

Stephanie Suhrbier versteht nicht, wie die Regierung einfach Beschlüsse fassen kann, ohne vorher mit den Betroffenen zu sprechen. „Wir müssen die Möglichkeit haben zu planen“, sagt die Inhaberin der Erlen-Apotheke in Norderstedt, die mit einem dreiköpfigen mobilen Team derzeit 200 Lehrkräfte und Erzieher pro Woche testet.

Schon die kostenlose Verteilung von FFP2-Masken für Menschen über 60 sei zunächst chaotisch abgelaufen. Denkbar wäre für Suhrbier, dass Schnelltests nach Vorlage von Gutscheinen durchgeführt werden. Die Bundesregierung hat jedoch noch kein Konzept bekannt gegeben. „Ich sehe die Stadt in der Verantwortung, uns bei dieser Aufgabe zu unterstützen. Ein Testzentrum ist eine gute Möglichkeit, flächendeckend zu testen.“

Arzt stellt Teststrategie infrage: "Man hätte vorher mit Hausärzten sprechen sollen"

Guido Reisewitz ist einer von 25 Hausärzten in Norderstedt, der seinen Patienten Schnelltests anbietet. Der Arzt stellt die Sinnhaftigkeit der Teststrategie des Bundes allerdings infrage: „Warum soll ich einmal in der Woche alle asymptomatischen Menschen testen?“ Viel sinnvoller sei es aus seiner Sicht, Schnelltests dort anzubieten, wo sie wirklich gebraucht werden – etwa in Altenheimen.

„Aber die politische Entscheidung wurde getroffen, nun muss sie organisiert werden. Aber man hätte vorher mit den Hausärzten sprechen sollen.“ Laut Regierung sollen niedergelassene Ärzte nicht nur bei den Schnelltes­tungen aushelfen, sondern ab Ende März/Anfang April auch in ihren Praxen impfen. „Zu testen, zu impfen und ganz ‚normale‘ Patienten zu behandeln, kann ich mir nur vorstellen, wenn der Tag 48 Stunden hat“, sagt Reisewitz, der deshalb die Einrichtung eines Testzentrums befürwortet.

Norderstedts Oberbürgermeisterin setzt auf Selbsttests

Dass die Stadt Norderstedt schon bald eine solches Zentrum eröffnen wird, ist allerdings unwahrscheinlich. „Da die Landesregierung in Kiel nach den Bund-Länder-Beschlüssen noch berät – beziehungsweise beraten wird –, wie bestimmte Neuerungen regional umgesetzt werden können, kann die Stadt Norderstedt zum jetzigen Zeitpunkt keine Aussagen dazu machen, inwieweit die Stadtverwaltung gegebenenfalls handelnd tätig werden müsste“, sagte Fabian Schindler, stellvertretender Pressesprecher der Stadt.

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

Am Rande der Eröffnung des Impfzentrums am Montag sagte Oberbürgermeisterin Elke Christina Roeder (SPD) dem Abendblatt, eher eine Verfechterin von Selbsttests zu sein, die jeder zu Hause durchführen kann – „wie Zähneputzen“. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt, dass die Regierung den Bürgern Schnelltests anbieten will. Diese werden nur von geschultem Fachpersonal durchgeführt.

CDU fordert Testzentrum für Norderstedt

Tests spielen eine wichtige Rolle in der Öffnungsstrategie des Landes. Fahrstunden sollen beispielsweise mit einem negativen Ergebnis eines Schnell- oder Selbsttests ab kommender Woche wieder möglich sein. Das Selbsttest-Set für zu Hause gibt es laut Aldi ab Freitag im Discounter zu kaufen. Drogerieketten wollen nachziehen. Auch Apotheken bieten künftig Selbsttests an.

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Die CDU-Fraktion hat am Dienstag in der Stadtvertretung einen Dringlichkeitsantrag gestellt, unter anderem mit der Forderung, ein Schnelltestzentrum in Norderstedt einzurichten. Weil SPD, FWuD und AfD aber dagegen stimmten, wird über den Antrag erst Ende April diskutiert. Aus Sicht von Peter Holle viel zu spät. „Eine Stadt wie Norderstedt mit 80.000 Einwohnern braucht ein Testzentrum. Sich dagegen zu stemmen, finde ich fast schon fahrlässig“, sagt der CDU-Fraktionsvorsitzende. Norderstedt hätte genügend leerstehende Räumlichkeiten zur Verfügung, wie etwa das Kulturwerk oder die „TriBühne“, in der sich bereits das Impfzentrum befindet.

In Henstedt-Ulzburg gibt es ein privates Testzentrum

In Norderstedts Nachbargemeinde Henstedt-Ulzburg betreibt das private Unternehmen „First and Safe“ seit Mitte Februar ein Testzentrum. Derzeit werden 150 bis 200 Abstriche pro Tag von medizinischen Fachkräften genommen. „Wir können unsere Kapazitäten aber auf bis zu 200 Tests in der Stunde hochfahren“, sagt Geschäftsführer Christian Leder.

Die Räumlichkeiten der Gewerbeimmobilie am Kirchweg seien groß genug, Personal ausreichend vorhanden. Die Öffnungszeiten sollen ausgeweitet werden. Bisher hat das Testzentrum montags, mittwochs, freitags und sonnabends geöffnet, dienstags und donnerstags sind mobile Teams unterwegs. Termine können telefonisch oder online unter www.corona-test-hu.de vereinbart werden. Auch Bürgerinnen und Bürger aus dem Umland, etwa Norderstedt, nutzen diese Möglichkeit. Bereits eine „fast dreistellige“ Zahl an Infektionen konnte in den vergangenen zwei Wochen auf diese Weise aufgedeckt werden, berichtet Leder. „Dadurch konnten Infektionsketten verhindert werden.“

Der Geschäftsführer betont, wie wichtig professionell durchgeführte Schnelltests seien. „Selbsttests bergen ein hohes Risiko, wenn sie falsch gehandhabt werden. Man kann nicht einem Maurer sagen, dass er ab morgen eine Krankenschwester ist.“ Selbsttests könnten zudem einfach manipuliert werden. „Wer ein negatives Ergebnis haben möchte, bekommt auch eins.“

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