Prozess

Oberstleutnant a. D. stach Nachbarn nieder

| Lesedauer: 3 Minuten

Foto: Peter Steffen / dpa

Im Berufungsprozess um eine Messerattacke in Boostedt kämpft der 66 Jahre alte Angeklagte um Bewährung.

Kiel/Boostedt.  Zwei Jahre und drei Monate Haft wegen gefährlicher Körperverletzung – so ahndete vor einem Jahr das Amtsgericht Neumünster die Messerattacke eines ehemaligen Bundeswehroffiziers (66) auf einen Nachbarn (69). Der Angeklagte legte Berufung gegen das Urteil ein. Nun kämpft er in zweiter Instanz vor dem Kieler Landgericht um eine Bewährungsstrafe.

Sein Jagdmesser führte der Pensionär nach eigenen Angaben „seit sieben Jahren immer am Mann“ in der Gürteltasche mit sich. Den Einsatz der griffbereiten Waffe bei dem Vorfall im April 2019 nannte der frühere Major der NVA vor Gericht einen „Fehler“. Er habe im Affekt und unter Alkoholeinfluss gehandelt, als der Nachbar auf ihn losgegangen sei.

„Er hat mir so heftig in die Rippen gestoßen, dass mir die Luft wegblieb und ich zu Boden gegangen bin“, sagte der Ex-Offizier. Zuvor habe ihn der Nachbar, mit dem er schon länger im Streit liege, „mit dem Auto als Waffe“ beim Rückwärtsfahren in der gemeinsam bewohnten Sackgasse in Boostedt touchiert. „Er traf mich am Knie, es gab einen furchtbaren Schmerz.“

Das Opfer des Bauchstichs nimmt als Nebenkläger am Prozess teil. Der ehemalige Banker schildert die folgenreiche Begegnung ganz anders. Demnach fuhr er gegen 21.50 Uhr mit seiner Ehefrau und einer Nachbarin nach einem Theaterbesuch nach Hause, als der Angeklagte ihm zweimal kräftig von hinten auf die Heckklappe des bereits stehenden Pkw schlug.

Anlass des Streits war offenbar das Erbe einer Nachbarin

Der Zeuge stieg aus, um den Angeklagten „zur Freigabe der Durchfahrt aufzufordern“. Zu keiner Zeit habe er den Fußgänger gefährdet. Trotzdem sei der Angeklagte mit dem Ausruf „Wolltest du mich umbringen?!“ auf ihn losgegangen. Und habe völlig überraschend sofort zugestochen. „Das war richtig heimtückisch.“ Zweimal will der Schwerverletzte den Angreifer zurückgeschubst haben, bevor er die Flucht ergriff. „Ich sah die Entschlossenheit in seinen Augen“, erinnert sich der sportliche Endsechziger. Eine mehr als 40 Meter lange Blutspur habe er hinterlassen, bevor er zur Not-OP in die Klinik kam. Bis heute litten er und seine Familie unter den psychischen Folgen. So sei man in der Wohnstraße „nur noch im verriegelten Pkw“ unterwegs.

Hintergrund des Streits soll das Erbe einer wohlhabenden Nachbarin (90) gewesen sein. Beide Männer kümmerten sich um die Witwe, halfen in Haus und Garten beziehungsweise bei den Finanzen. Dann bekam der Ex-Offizier mit, dass der Ex-Banker schon seit Jahren ihre Vorsorgevollmacht hatte, und zog sich zurück. Vom Nebenkläger fühlte er sich im Wohnviertel als „Erbschleicher“ verunglimpft.

Nach der Testamentseröffnung erfuhr der Angeklagte, dass die Verstorbene kurz vor ihrem Tod seinen Erbanteil gestrichen hatte. Fühlte er sich vom späteren Opfer um eine fünfstellige Summe gebracht? „Ich wusste das nicht“, beteuert der Ex-Soldat. Ihm sei es nicht um das Erbe gegangen. Für den Prozess hat die Kammer zwei weitere Verhandlungstage angesetzt.

( gey )

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Norderstedt