Prozess

Commerzbank-Mitarbeiterin räumt Sicherheitsmängel ein

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Thomas Geyer

Foto: Arne Dedert / dpa

Prozess um Geldautomaten-Sprengung mit Zeugenaussagen fortgesetzt. Täter konnten erst mithilfe eines Hubschraubers festgenommen werden.

Kiel/Bad Bramstedt . Im Prozess um die Sprengung eines Geldautomaten in Bad Bramstedt hat die 1. Strafkammer des Kieler Landgerichts weitere Zeugen vernommen. Im Mittelpunkt der Aussagen stand der hohe Sachschaden, den die beiden Angeklagten in der Nacht zum 29. Juli 2020 in der Filiale der Commerzbank anrichteten. Eine Polizeibeamtin schilderte die dramatische Flucht der Täter im gestohlenen Audi-SUV.

Wie berichtet, erbeuteten die aus Marokko stammenden Niederländer insgesamt 158.000 Euro Bargeld, bevor sie nach einer halsbrecherischen Verfolgungsjagd mit Hubschraubereinsatz als Geisterfahrer auf der Autobahn 7 festgenommen werden konnten. Die 22 und 26 Jahre alten Männer müssen sich wegen Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion verantworten. Der Ältere ist bereits wegen dreier solcher Taten vorbestraft. Er saß am Steuer des hochmotorisierten Fluchtwagens. Ihm wird auch Nötigung und Straßenverkehrsgefährdung vorgeworfen.

Nach Aussage einer leitenden Mitarbeiterin der Commerzbank-Verwaltung in Hamburg überstieg der hohe Sachschaden durch die Sprengung die Summe des gestohlenen Bargelds. „Wenn alles gemacht werden würde“, müsse die Bank 198.000 Euro investieren. Die Explosion habe Wände und Decken beschädigt. Die Sanierung sei allerdings von der Geschäftsführung in Frankfurt noch nicht genehmigt worden, schränkte die Zeugin ein.

Derzeit läuft der Betrieb in der Filiale nach Aussage der Bankerin weiter – dank provisorischer Sofortreparaturen am Gebäude, die sich auf rund 14.000 Euro beliefen. Die Kosten für einen neuen Geldautomaten schätzte die Zeugin auf 60.000 bis 70.000 Euro. Ob die Filiale in Bad Bramstedt erhalten bleibt, scheint somit offen. Wie bereits Ende Januar berichtet, plant die Commerzbank einen radikalen Personalabbau von fast 10.000 Vollzeitstellen bis 2024. Fast die Hälfte der Filialen müsste demnach schließen.

Verteidiger stellt Wert des Geldautomaten infrage

Die Verteidigung zweifelte den von der Bankerin bezifferten Umfang des Sachschadens an. „Da baue ich ‘ne neue Bank von“, flachste Rechtsanwalt Martin Schaar, der auch den Wert des zerstörten Geldautomaten infrage stellte. Bei Ebay will der Kieler Rechtsanwalt ein preisgünstiges Gebrauchtmodell gefunden haben. Für 2590 Euro könne man den angeblich funktionstüchtigen Geldautomaten abholen.

Strafverteidiger Jan Kürschner fragte die Zeugin, warum sich die Geldautomat-Sprengungen immer wieder auf die Commerzbank konzentrierten. Außer Bad Bramstedt waren im Norden Filialen in Kiel, Wahlstedt, Elmshorn, Kaltenkirchen, Maasholm und Itzehoe betroffen. Hier waren teilweise Landsleute der Angeklagten am Werk, die ebenfalls in gestohlenen Luxus-Karossen zum Tatort fuhren. Die Zeugin räumte Sicherheitsprobleme der betroffenen Geräte ein. Ihre Schwachstelle sei eine leicht zu öffnende Frontklappe.

Die Höhe des Schadens hat Auswirkungen auf das Strafmaß. Das Gericht signalisierte Entgegenkommen, nachdem die Zeugin von der Commerzbank keine Angaben zum Modernisierungsanteil an der genannten Bausumme von rund 200.000 Euro machen konnte. Hier werde man sich auf einen Annäherungswert verständigen, sagte der Vorsitzende Sven Heitmann.

Angeklagte durchbrachen auf der Flucht eine Polizeisperre

Über die spektakuläre Verfolgungsjagd, die sich die Täter mit der Polizei lieferten, berichtete eine 30 Jahre alte Beamtin. Im Bereich Norderstedt saß sie am Steuer eines Streifenwagens, als die Automatensprengung gemeldet wurde. Als das Fluchtfahrzeug auf der Bundesstraße 432 an ihr „vorbeischoss“, nahm sie mit ihrem Kollegen im Mercedes-Van die Verfolgung auf.

Die Angeklagten durchbrachen eine Polizeisperre, konnten sich auch an einer Autobahnraststätte zunächst drei Verfolgern durch gewagte Fahrmanöver in ihrem PS-starken Fahrzeug entziehen. Plötzlich sei der Fluchtwagen quer vor ihr gestanden, berichtete die Zeugin: „Es war wie ein Angebot, ihn abzurammen“, sagte sie.

Die Entscheidung zum Crash habe sie in Millisekunden treffen müssen – und sich mit Rücksicht auch auf die eigene Gesundheit gegen das riskante Manöver entschieden, so die Beamtin. „Ich hätte von 80 bis 100 km/h abbremsen müssen. Die Aktion hätte auch gut im Krankenhaus enden können.“ Als die Täter plötzlich wendeten und als Falschfahrer auf die Autobahn einbogen, habe man die Verfolgung abgebrochen.

Mithilfe eines Hubschraubers gelang schließlich die Festnahme. Bei weiteren Zeugenaussagen beschränkte sich das Gericht auf die Verlesung von Protokollen. Der Prozess wird fortgesetzt.

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