Norderstedt

Einzelhändler zwischen Frust und Freude

| Lesedauer: 8 Minuten
Jörg Riefenstahl
Tausende Frühblüher stehen bereit: Gartencenter-Inhaber Jörn und Nina Schmidt von Jenkel-Gartenbau in Tangstedt freuen sich auf Montag.

Tausende Frühblüher stehen bereit: Gartencenter-Inhaber Jörn und Nina Schmidt von Jenkel-Gartenbau in Tangstedt freuen sich auf Montag.

Foto: Jörg Riefenstahl

Das Geschäftsleben in Norderstedt und der Region nimmt ab Montag langsam wieder Fahrt auf – doch nicht alle Läden dürfen öffnen.

Norderstedt/Tangstedt.  Endlich ist es soweit: Am Montag dürfen Gartencenter, Blumenläden, Friseure und Nagelstudios in Schleswig-Holstein wieder öffnen. Damit hält ein Stück Normalität Einzug in das von Kontaktbeschränkungen und Hygienevorschriften geprägte Geschäftsleben im Lockdown.

Das führt zu Freude und Aufbruchstimmung auf der einen Seite – aber auch zu Frust bei Einzelhändlern und Dienstleistern, die ihre Geschäfte weiter geschlossen halten müssen. Das betrifft vor allem Bekleidungs- und Schuhgeschäfte. Aber auch Kosmetikstudios und Fahrradhändler, die gerade jetzt zum Saisonbeginn besonders gefragt sind. Ein Stimmungsbild.

Im Friseursalon Ryf Of Switzerland im Herold-Center in Norderstedt haben Salonleiterin Romina Blum und ihre drei Mitarbeiterinnen alle Hände voll zu tun. Ware auspacken, einsortieren, putzen, terminieren. ,,Wir stehen in den Startlöchern und freuen uns, dass es wieder losgeht“, sagt Romina Blum. Ihr Terminbuch ist prall gefüllt. Wer jetzt noch einen Termin ergattern will, kann bestenfalls auf eine Lücke hoffen. ,,Der Ansturm ist noch größer als nach dem ersten Lockdown. Unsere Gäste haben uns sehr vermisst“, sagt die Salonleiterin.

Hygiene wird bei Ryf großgeschrieben – mit Trennwänden, Gummihandschuhen, Abstand halten und Desinfektion von Werkzeugen und Flächen. Die Berufsgenossenschaft hat die Hygienevorschriften für Friseursalons noch einmal verschärft. ,,Wir tragen jetzt alle FFP2-Masken. Und unsere Gäste müssen eine medizinische Maske tragen“, sagt Romina Blum. Neu ist auch, dass sehr viel gelüftet wird. Zudem muss jeder Kunde seine Kontaktdaten und Aufenthaltszeit angeben. Bis zu vier Kunden gleichzeitig können so bei Ryf sicher bedient werden. Die Friseurmeisterin ist sich ihrer Sonderstellung durch die Öffnung und der Verantwortung für ihre Kundschaft bewusst. ,,Es wäre wünschenswert, wenn auch andere Geschäfte im Center eine Öffnungsperspektive bekommen“, sagt sie.

Danach sieht es aber nicht aus. Textil- und Schuhgeschäfte bleiben vorerst dicht. Bei Deichmann im Herold-Center wird gerade die Winterware gegen die Frühjahr/Sommerkollektion getauscht. ,,Die Lage im Non-Food-Einzelhandel in Deutschland ist ernst“, sagt Michele Leyendecker, Leiterin Unternehmenskommunikation von Deichmann in Essen. ,,Auch für unser Unternehmen bedeutet der Corona-Lockdown eine absolute Ausnahme. Wir haben weiterhin alle 1200 Deichmann-Filialen in Deutschland geschlossen.“

Wenn man seine Geschäfte schließen muss und keinen Umsatz mehr generiert, die Kosten aber weiterlaufen, sei dies ,,für alle Anbieter – egal, ob klein oder groß – eine unglaubliche wirtschaftliche Herausforderung“, betont die Unternehmenssprecherin. ,,Auch für ein kerngesundes, starkes und leistungsfähiges Unternehmen wie Deichmann. Unser oberstes Ziel in der Corona-Krise ist die Sicherung der Arbeitsplätze. Wir brauchen daher dringend als gesamter Handel eine wohldurchdachte Öffnungsstrategie, um den rund 200.000 Unternehmen der Branche und ihren 1,6 Millionen Beschäftigten endlich wieder eine Perspektive zu geben.“

Von der Novemberhilfe gab es nur eine Abschlagszahlung

Von einer Öffnungsstrategie dürfen Fahrradhändler und Kosmetiksalons in Norderstedt vorerst weiter träumen. Während Friseure und Nagelstudios öffnen, bleiben sie geschlossen. ,,Ich darf Fingernägel machen, Nagelmodellage und Pediküre. Aber keine Kosmetik“, erzählt Christine Deck. Die Fachkosmetikerin und ehemalige Profitänzerin ist Inhaberin von Beauty Moments, einem kleinen Kosmetiksalon in Norderstedt. ,,Auch Friseure sind relativ dicht dran am Kunden. Den Unterschied verstehe ich nicht. Bei Kosmetik ist der einzige Unterschied, dass der Kunde keine Maske trägt“, sagt die Norderstedterin.

Während Kosmetiksalons in Bayern am 1. März wieder öffnen dürfen, zögert Schleswig-Holstein mit der Freigabe. ,,Ich habe Visier, FFP2-Maske, Plexiglasscheiben und so weiter. Wir wünschen uns, dass wir wieder öffnen dürfen“, sagt Christine Deck. Von der Novemberhilfe hat sie eine Abschlagszahlung für einen Monat bekommen. ,,Das reicht gerade für Miete und Strom. Wann soll der Rest kommen?“, fragt sich die junge Mutter. Ihre Tanzfitnesskurse liegen coronabedingt auf Eis. Kürzlich hat die Profitänzerin den ehemaligen Tagesschausprecher Jan Hofer als Teilnehmer der RTL-Tanzshow ,,Let’s Dance“ vorbereitet. ,,Würde ich nur Kosmetik machen, wäre ich längst Pleite“, sagt die Norderstedterin.

Im Verkaufsraum von Velo Tech in Norderstedt stehen reihenweise nagelneue Fahrräder und E-Bikes. Wer eins haben will, muss es online bestellen. Und kann es im Laden abholen. Ideal ist das nicht. ,,Wer ein Fahrrad kauft, will sich beraten lassen, das Fahrrad anfassen, es anpassen lassen und Probe fahren. Das ist wichtig“, sagt Velo-Tech-Inhaber Holger Gloy. Seit 26 Jahren verkauft der Norderstedter Fahrräder. ,,Radfahren ist systemrelevant. Viele wollen nicht mehr ins Auto steigen oder öffentliche Verkehrsmittel benutzen, um zur Arbeit zu fahren. Sie satteln um, fahren E-Bike. So etwas kauft man nicht online, sondern im Laden!“ Jedes dritte verkaufte Rad bei Velo Tech ist mittlerweile ein E-Bike. Gerade jetzt zum Saisonbeginn sei es für ihn wichtig, dass er neben seiner Reparaturwerkstatt auch endlich wieder seinen Laden öffnen darf.

Schützenhilfe erhält der Fahrradhändler von Mitarbeiterinnen im Tee- und Gewürzpavillon im Herold-Center. Tee- und Weinhändler gelten als Lebensmittelgeschäft – und sind von Schließungen verschont geblieben. ,,Ich finde es übertrieben, dass die Fahrradläden geschlossen sind“, sagt Teeverkäuferin Carola Narjes. ,,Sie könnten Termine vergeben, nur einen Kunden zur Zeit hereinlassen. Das ließe sich doch koordinieren. Fielmann schafft es auch.“

Primeln und Stiefmütterchen warten auf Abnehmer

Blumenhändlerin Renate Wulff ist froh, dass sie ihren Laden am Montag wieder öffnen darf. Mit einer Einschränkung: ,,Ich finde es einerseits toll, dass wir wieder aufmachen. Aber die Mutation macht uns schon Angst“, sagt die Inhaberin von Blumen Peters in Norderstedt. Seit eine ihrer Mitarbeiterinnen vor längerer Zeit an Corona erkrankt war, hat sie vor dem Virus großen Respekt. Click & Collect habe bei ihr sehr gut funktioniert, sagt Renate Wulff. Die Vorstellung, dass von Montag an täglich 50 bis 60 Kunden – nacheinander – in ihren kleinen Blumenladen kommen, findet sie ,,etwas unheimlich“.

Platz ohne Ende gibt es in Gartencentern wie Obi in Norderstedt oder bei Jenkel in Tangstedt, die ebenfalls am Montag wieder öffnen. Bunte Pflanzenteppiche aus Tausenden Frühblühern erstrecken sich bei Jenkel über 2500 Quadratmeter Verkaufsfläche in den Gewächshäusern. Hinzu kommen 3000 Quadratmeter Außenbereich für Stauden und Bäume. ,,Wir haben den Platz, um Abstand zu halten“, sagt Inhaberin Nina Schmidt, die den Familienbetrieb 1980 von ihrem Urgroßvater übernommen hat und mit ihrem Ehemann Jörn Schmidt gemeinsam führt. 70 desinfizierte Einkaufswagen stehen für maximal 140 Kunden bereit.

Primeln, Stiefmütterchen, Hornveilchen und Co. müssen jetzt oder nie an den Mann oder die Frau gebracht werden. ,,Wir können damit nicht zwei oder drei Wochen warten. Wir brauchen den Platz für die nächste Pflanzengeneration, die wir gerade heranziehen“, sagt Jörn Schmidt. Zahllose Weihnachtssterne aus dem Vorjahr musste er bereits vernichten.

85 Prozent Umsatzrückgang verzeichnet die Tangstedter Gärtnerei mit 40 Mitarbeitern im Lockdown. Während Gartencenter in Nordrhein-Westfalen und in Hessen schon seit 16. Dezember wieder durchgängig geöffnet haben, haben die Schmidts und ihr Team die Zeit im Lockdown genutzt, neben der Pflanzenzucht Renovierungsarbeiten zu erledigen. ,,Wir sind ohne Kurzarbeit durchgekommen“, sagt Nina Schmidt. ,,Die Freude ist groß, dass wir nun endlich wieder öffnen. Wir fühlen mit denen, die noch nicht aufmachen dürfen. Aber wir bleiben vorsichtig. Die Mutation ist nicht zu unterschätzen!“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Norderstedt