Norderstedt

Schulöffnungen: Freude bei Kindern – Sorge bei Eltern

| Lesedauer: 10 Minuten
Annabell Behrmann, Christopher Herbst und Jörg Riefenstahl
Mia, Henry und Lea (alle 6, v.l. ) aus der 1b der Grundschule Am Heidberg nach ihrem ersten Schultag. Sie freuen sich, dass der Unterricht endlich wieder losgeht.

Mia, Henry und Lea (alle 6, v.l. ) aus der 1b der Grundschule Am Heidberg nach ihrem ersten Schultag. Sie freuen sich, dass der Unterricht endlich wieder losgeht.

Foto: Jörg Riefenstahl

In vielen Kreisen des Nordens öffnen die Schulen wieder. Doch es gibt gemischte Gefühle. Karin Prien (CDU) verteidigt den Schritt.

Norderstedt.  Endlich wieder Schule: Nach drei Monaten Lockdown hat in Norderstedts Grundschulen am Montag wieder der Präsenzunterricht begonnen. Auch die Kitas sind wieder geöffnet. Viele Kinder freuen sich über den Kontakt zu Freundinnen und Freunden, während Eltern sich fragen, wie lange denn diesmal geöffnet bleibt. Und bei der Organisation der Schnelltests fühlen sich die Apotheken allein gelassen.

Nach Lockdown: Öffnung der Schulen in Norderstedt

Bei strahlendem Sonnenschein standen die Schülerinnen und Schüler der Grundschule Am Heidberg am Montagmorgen in Kohorten auf dem Schulhof und warteten auf den Unterrichtsbeginn. ,,Die Kinder haben sich riesig auf diesen Tag gefreut. Die Motivation, wieder in die Schule zu gehen, ist bei ihnen sehr hoch“, sagte Schulleiterin Ingke Rehfeld.

Von 440 Schülern waren fast alle da. ,,So etwas erleben wir nur selten. Wir haben lediglich fünf Abmeldungen von Eltern bekommen, die sich entscheiden haben, ihre Kinder vorsichtshalber zu Hause im Homeschooling zu belassen, da ihre Kinder oder sie selbst oder Angehörige zu einer vulnerablen Gruppe gehören.“

Das Bildungsministerium stellt es den Eltern frei, ihre Kinder in der aktuellen Situation in die Schule zu schicken oder weiterhin zu Hause lernen zu lassen. In dem Fall bekommen die Kinder Unterrichtsmaterial und Arbeitsblätter wie bisher für eine Woche per E-Mail von den Lehrkräften zugesandt. Oder die Eltern holen sogenannte Lernpakete in der Schule ab. Video-Unterricht auf der Lernplattform LMS, wie er an vielen Hamburger Grundschulen seit Längerem, aber nicht immer störungsfrei angeboten wird, ist in der Erprobung.

Wäre Wechselunterricht ein besseres Modell?

An der Grundschule Harksheide-Nord beobachtete Dennis Hoyer, Vorsitzender des Schulelternbeirats, die Öffnung mit Skepsis. Vor einer Woche sei es noch eine gute Idee gewesen, aber „wenn man jetzt auf die Entwicklung der Infektionszahlen schaut, bin ich mir nicht mehr so sicher“. Hoyer hätte es besser gefunden, die Kinder im Wechselunterricht starten zu lassen. „Allerdings gibt es immer ein Für und Wider. Ich möchte nicht in der Haut der Politiker stecken.“

Seine Tochter besucht die dritte Klasse. „Sie kann lesen, schreiben und rechnen. Aber ich mache mir Sorgen um die Erstklässler, die den Grundstoff noch nicht durchgenommen haben. Sie brauchen den Kontakt zu den Lehrern. Was wird die Pandemie für Auswirkungen auf sie haben?“

Viele Eltern lassen es sich nicht nehmen, ihre Sprösslinge nach dem ersten Schultag persönlich abzuholen. ,,Mir hat besonders gut gefallen, dass ich alle meine Freunde endlich wiedergesehen habe“, sagte Lea (6) aus der Klasse 1b am Heidberg. ,,Meine Tochter hat sich wahnsinnig auf diesen Tag gefreut und seit zwei Wochen die Tage heruntergezählt“, verrät ihre Mutter Antje Göldner. Sie bleibt allerdings skeptisch, ob die Öffnung der Schulen zu diesem Zeitpunkt wirklich richtig gewesen ist. ,,Man weiß nicht, ob es gut geht.“

Vorerst ist die Zeit der Notbetreuung vorbei

Henry und Mia (beide 6) besuchen ebenfalls die 1b und freuen sich, dass die Zeit der Notbetreuung endlich vorbei ist. ,,Ich finde es toll, dass zum ersten Mal wieder richtig Schule war. Endlich waren alle wieder da!“, sagte Henry. Sein Vater Moritz Austen hat keine Bedenken gegen den Präsenzunterricht. Mia ist glücklich, dass sie wieder in der Schule lernen kann – obwohl der Unterricht in Nebenfächern wie Sport und Musik weiterhin eingeschränkt ist.

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Die Schulelternbeiratsvorsitzende Christine Landau betrachtet den Unterrichtsbeginn mit gemischten Gefühlen. Ihr Sohn besucht die vierte Klasse. ,,Er war anfangs ganz euphorisch. Dann kam die Angst, wie es wohl sein wird, nach drei Monaten Isolation plötzlich wieder alle auf einmal wiederzusehen.“ Einige Schüler der höheren Klassen hätten Zweifel, ob sie den entgangenen Lehrstoff überhaupt noch aufholen können. Und: ,,Viele Eltern haben Angst, dass es mit der Schule ganz schnell wieder vorbei sein kann.“

Der Auftakt in den sechs Kitas des Trägers „Der Kinder wegen“ sei „ganz ruhig“ verlaufen, wie Geschäftsführer Ulf Bünning berichtet, obwohl die Einrichtungen zu 90 Prozent ausgelastet gewesen seien. „Bis auf wenige Ausnahmen hatten die Kinder keine Startschwierigkeiten.“ Ab dem heutigen Dienstag sollen die Erzieherinnen und Erzieher zweimal wöchentlich getestet werden. Zunächst führen die Corona-Schnelltests noch Mitarbeiter der Spitzweg-Apotheke durch, die dafür extra in die Einrichtungen kommen. Ab der kommenden Woche sollen sich die Kita-Mitarbeiter dann selbst testen können. „Die Apotheken können als Multiplikatoren dienen und unsere Leute schulen. Das würde die Logistik erheblich vereinfachen.“

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Doch Bünning hat auch Bedenken. Er rechnet damit, dass eine erhebliche Anzahl von unbemerkten Infektionen aufgedeckt und der Inzidenzwert, auf den vor allem die Entscheidungsträger schauen, dadurch „massiv“ in die Höhe getrieben wird. „Durch die veränderte Teststrategie muss auch mit dem Inzidenzwert anders umgegangen werden“, fordert Bünning. Es sei logisch, dass die Infektionszahlen bei flächendeckender Testung steigen würden. Wenn die Inzidenz maßgebend sei, müssten die Einrichtungen schon bald wieder schließen. „Wie lange geht das gut?“, fragt er.

Die Frage nach der Verfügbarkeit der Tests treibt auch Ingke Rehfeld um. ,,Wir haben die entsprechenden Bögen an das Kollegium weitergegeben. Jetzt warten wir darauf, dass uns die Apotheken mitteilen, welche für die Tests bereit stehen und für uns zuständig sind.“

Land übermittelt Infos zum Testprogramm kurzfristig

Dabei war die Botschaft: Grundschulen und Kitas kehren zum Regelbetrieb zurück, dazu kann die Belegschaft zu ihrem Schutz zweimal die Woche einen Schnelltest machen. Genauso auch Tagespflegepersonen. Doch von einer funktionierenden Infrastruktur, geschweige denn einem Anmeldesystem, ist man noch weit entfernt. Leidtragende sind die Apotheken.

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

So wie jene am Erlengang in Friedrichsgabe. Inhaberin Stephanie Suhrbier (29) hatte sich freiwillig auf eine Anfrage der Apothekerkammer gemeldet, war bereit zu helfen. „Am besten wäre es gewesen: Das Land plant, gibt es dann an Städte und Kreise weiter, die es verteilen. Und dann hätte man sich letzte Woche mit allen interessierten Apothekern und Ärzten zusammensetzen müssen.“ So kam es nicht. Am Freitag verschickte das Gesundheitsministerium eine Liste mit Apotheken, die Schnelltests machen würden. „Ab 9 Uhr standen die Telefone nicht mehr still.“

So hatte es sich Suhrbier nicht vorgestellt. Zumal: „Für Tests in der Apotheke haben wir keine Kapazitäten, wir gehen in die Kitas und Schulen. Pro Stunde schaffen wir etwa zehn bis zwölf Personen. Der Abstrich dauert nicht lange, das sind mit einem Gespräch vier, fünf Minuten, das Ergebnis ist in 15 Minuten da.“ Sie hat Absprachen mit Kitas aus der näheren Umgebung getroffen, auch die Grundschule Friedrichsgabe und eine Tagesmutter könnte sie übernehmen. Allerdings nicht persönlich, und auch nicht das Apothekenpersonal. „Ich kann keine Angestellten dafür abstellen.“ Ihr Vater, ein pensionierter Zahnarzt, hilft ihr, dazu eine Kinderkrankenschwester aus dem Bekanntenkreis. „Wir probieren unser Möglichstes.“

Apotheken stoßen personell an ihre Grenzen

Ähnlich läuft es bei der Spitzweg-Apotheke. Inhaberin Lotte Schuhr kann nur die Kitas von „Der Kinder wegen“ übernehmen, weitere Anfragen hat sie an Hausarztpraxen verwiesen. Eine Schulung für die korrekte Anwendung der Tests haben sie, Suhrbier und Christoph Steinhart von der Vitalhus-Apotheke (Stormarnstraße), am Wochenende rasch gemacht. Zu dritt wird eine komplette Abdeckung nicht möglich sein, auch nicht zusammen mit den Arztpraxen. Erst recht nicht, wenn ab März die gesamte Bevölkerung einen Anspruch auf Schnelltests hat.

Die Stadt braucht ein Testzentrum, sagt Schuhr. „Vielleicht könnte man das Impfzentrum nutzen. Ich dränge darauf, dass wir uns alle an einen Tisch setzen, dass wir die Tests so organisieren, dass es möglichst viele Schultern tragen.“ Auch Suhrbier hofft auf ein Zentrum. „Aber dafür bräuchte man einen ordentlichen Raum mit Einbahnstraßensystem. Dazu kommen Miet- und Personalkosten. Das stampft man nicht mal so eben aus dem Boden.“

Rahmenvertrag mit Apothekerkammer – Testzentrum für Norderstedt?

Ob alle Kitas und Schulen Tests vereinbart haben, ließ sich am Montag nicht überblicken. Sozialdezernentin Anette Reinders verweist darauf, dass das Land einen Rahmenvertrag mit der Apothekerkammer geschlossen hat. Ob Norderstedt ein kommunales Testzentrum aufbauen dürfte, dessen Kosten dann auch noch übernommen würden, ist unklar.

„Ich hätte mir persönlich gewünscht, dass es nicht so überstürzt passiert, dass auch über andere Modelle wie einen eingeschränkten Regelbetrieb nachgedacht wird. Aber ich sehe die Kinder, sehe die Notwendigkeit. Der Druck ist hoch.“ Aus ihrer Sicht wären Tests in den Einrichtungen oder sogar zu Hause am besten.

Eher keine Option ist das Corona-Testzentrum von „First & Safe“ in Hen­stedt-Ulzburg. Dafür ließen sich dort über 100 Kita- und Schulkräfte aus der Gemeinde und den Nachbarkommunen testen, „wir waren ab 6.30 Uhr morgens hier“, so Geschäftsführer Christian Leder. Am Wochenende hatte das Unternehmen ein kurzes Infovideo in sozialen Medien verbreitet mit der Einladung, sich für Tests anzumelden. Die Resonanz war groß. „Auch aus Kaltenkirchen und Kisdorf hatten wir viele Anfragen.“

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