Bad Bramstedt

„Seestern“ schließt nach 60 Jahren

| Lesedauer: 6 Minuten
Catharina Jäckel
Ein Bild, das jetzt der Vergangenheit angehört: „Seestern“-Mitarbeiterinnen drehen Rollmöpse. Im Jahr 1960 hatte August Kelle den Betrieb in Hamburg gegründet, 1970 erfolgte dann der Umzug nach Bad Bramstedt.

Ein Bild, das jetzt der Vergangenheit angehört: „Seestern“-Mitarbeiterinnen drehen Rollmöpse. Im Jahr 1960 hatte August Kelle den Betrieb in Hamburg gegründet, 1970 erfolgte dann der Umzug nach Bad Bramstedt.

Foto: Seestern

Der Fischfeinkosthersteller aus Bad Bramstedt hat den Betrieb eingestellt. Inhaber hat alte Rezepte an Nachfolgebetriebe weitergegeben.

Bad Bramstedt.  Am Vormittag des 31. Dezember 2020 erfüllte zum letzten Mal der Duft nach frischem Fisch die Halle an der Hamburger Straße 55 in Bad Bramstedt. Bis mittags rollten die Mitarbeiter Heringsfilet zu Rollmöpsen, schnippelten Gurke und Äpfel für Fisch- und Fleischsalate. Dann war Schluss. Nach 60 Jahren in der Branche schließt der Fischfeinkosthersteller „Seestern“ seine Türen. „Wir haben Ende 2020 unseren Betrieb eingestellt“, bestätigt Eigentümer Gerhard Schönau auf Anfrage des Abendblatts. „Wir hatten es ohnehin schon schwer. 2020 sind wir hoffnungsvoll gestartet – dann kam Corona.“

Für den Feinkosthersteller habe die Pandemie und der damit verbundene Lockdown im Frühjahr zu geringeren Umsätzen bei gleichbleibenden Kosten geführt. Zudem habe ein Nachfolger für die Unternehmensführung gefehlt. Bereits im Juni des vergangenen Jahres hatten sich die Gesellschafter daher dazu entschieden, den Betrieb einzustellen, berichtet der 59 Jahre alte Inhaber. „Es ist natürlich schade, dass eine große Firmengeschichte und ein regionales Stück ‚Feinkosthandwerkskunst‘ zu Ende geht“, so Schönau.

„Seestern“ gilt in Bad Bramstedt als Institution. Bereits 1948 hatte August Kelle mit der Heringsverarbeitung in Bad Bramstedt begonnen. Im August 1960 gründete Kelle dann die Seestern Warenhandelsgesellschaft mbH in Hamburg. Drei Jahre später trat Rudolf Schönau in die Firma ein und legte damit den Grundstein für das Familienunternehmen. 1970 wurde der Firmensitz schließlich nach Bad Bramstedt verlegt, wo Rudolf Schönau ab 1982 die alleinige geschäftliche Verantwortung des Unternehmens übernahm und in Spitzenzeiten etwa hundert Mitarbeiter beschäftigte. Sohn Gerhard sollte eigentlich sofort nach seinem Studium der Wirtschaftswissenschaft in die Firma eintreten, ließ sich jedoch noch einige Jahre Zeit.

„Die Fischbranche war schon immer gezeichnet von kleineren oder größeren Katas­trophen“, sagt Schönau. So habe beispielsweise die Nematodenkrise 1987 die Firma ziemlich gebeutelt. Damals hatten viele deutsche Medien über den Befall von Seefisch mit etwa zwei Zentimeter langen Würmern berichtet. Der Fischumsatz in der Bundesrepublik brach daraufhin um fast 80 Prozent ein.

1994 folgte der Bramstedter schließlich dem Ruf seines Vaters. Seit Januar 2000 ist Gerhard Schönau hauptverantwortlicher Firmenchef. „Unser 40-jähriges Firmenjubiläum haben wir auch noch groß gefeiert. Da lebten meine Eltern noch beide, das war ein besonderes Ereignis“, erinnert sich Schönau.

Das Angebot des Unternehmens hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. Während der Fokus in den 80er-Jahren noch auf der Vorlieferung an die Feinkostindustrie lag, kam in der 90ern die Herstellung von Feinkostsalaten hinzu. Diese waren laut Schönau das „tägliche Highlight auf dem Teller“. „Wir haben immer Wert auf gute und regionale Zutaten gelegt. Für den Krabbensalat mit der hausgemachten Mayonnaise haben wir Krabben aus Friedrichskoog genommen. Die wurden auch dort und nicht in Marokko gepult“, so Schönau.

Unternehmen belieferte zuletzt vor allem Frischetheken

Im März 2019 trennte sich Schönau von der Fabrikproduktion und konzentrierte sich stattdessen auf die Belieferung von Frischetheken mit Fisch- und Fleischsalaten sowie Rollmöpsen im Nord- und Ostseebereich und in Hamburg. „Wir sind aus unserem eigenen Gebäude rausgeschrumpft. Die Hallen instand zu halten, dass sie auch den Auflagen genügen, war nicht so leicht“, sagt Schönau. Bei anderen Feinkostherstellern ließ das Unternehmen weiterhin Seelachs-, Matjes- und andere Marinadenprodukte nach Seestern-Rezepten einlegen. Für die Umstrukturierung hatte Schönau im Mai 2019 einen Geschäftsführer eingestellt, von dem er sich wenige Monate später bereits wieder trennte. „Das funktionierte nur teilweise gut, da er branchenfremd war“, erklärt Schönau diesen Schritt.

Höhere Mieten und somit höhere Standortkosten sowie die Konkurrenz in den Supermärkten zählen laut Matthias Keller, Sprecher des Bundesverbandes der deutschen Fischindustrie und des Fischgroßhandels, zu den Hauptgründen dafür, dass kleinere Fischfeinkosthersteller den Betrieb einstellen müssen. Auch die fehlende Nachfolge sei ein bekanntes Problem. Der Fachhandel sei in der Pandemie jedoch vergleichsweise stärker gewachsen als die großen Ketten. Die mobilen Fischhändler, die auf Märkten stehen, hätten eine sehr gute Nachfrage im vergangenen Jahr verzeichnet. „Wir aus dem Fischbereich können für uns feststellen, dass schon in den vergangenen sechs Jahren immer die Bereitschaft da war, mehr Geld auszugeben für Fisch“, so Keller. Kleinere Feinkosthersteller, die Salate noch per Hand zubereiten, hätten jedoch deutlich mehr Kosten pro Einheit als größere Läden, die Salate industriell herstellen lassen. Die Produkte könnten daher auch schon mal das Doppelte oder Dreifache kosten. Nicht überall sei die Klientel dafür vorhanden.

Zuletzt arbeiteten noch 18 Beschäftigte bei „Seestern“

Für „Seestern“ und Schönau war 2020 der richtige Zeitpunkt gekommen, um aufzuhören, wie der Inhaber sagt. Der Jahresumsatz betrug zuletzt rund 1,7 Millionen Euro, 18 Mitarbeiter hatten in den vergangenen Monaten noch in Bad Bramstedt gearbeitet. „Die letzten Jahre waren doch ziemlich anstrengend. Jetzt gibt es noch einiges aufzuräumen, ich wickle die Firma noch ab und freue mich dann auf 138 Tage Resturlaub“, sagt Schönau. Ganz schmerzfrei verläuft der Abschied für den 59-Jährigen nicht. „Wir waren der letzte Betrieb im Norden, der noch selbst frischen Hering eingelegt hat. Das wird mir fehlen.“ Auch sein Sohn sei schon früh Fan vom sauren Happen gewesen. „Wenn der samstags mit dem Papa in die Firma kam, hat er direkt aus dem Becken einen naschen dürfen“, sagt Schönau. Auch in den Supermärkten und Hofläden wird das Sortiment fehlen. „Die Salate waren immer toll!“, sagt eine Mitarbeiterin vom Edeka-Markt Meyer, den das Unternehmen jahrelang beliefert hat. „Unseren Kunden und Kundinnen haben wir schon mitgeteilt, dass ,Seestern’ schließt – die finden das sehr schade.“

Geschmacklich bleibt „Seestern“ Fischliebhabern aus der Region noch erhalten. Denn die Jahrzehnte alten Rezepte hat Gerhard Schönau teilweise an Nachfolgebetriebe weitergegeben. Diesen möchte er auch in Zukunft zur Seite stehen. „Bei Sortiments- oder Rezeptfragen versuche ich zu helfen“, sagt Gerhard Schönau. „Ich schnupper also noch ein bisschen Fischluft, nur nicht mehr in der eigenen Halle.“

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