Corona-Krise

Norderstedts letzter Eisenwarenladen bangt um die Existenz

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Heike Linde-Lembke
Bei René Behrens bekommen Kunden noch einzelne Schrauben oder Dübel.. Doch in der Corona-Krise sind die Einnahmen eingebrochen.

Bei René Behrens bekommen Kunden noch einzelne Schrauben oder Dübel.. Doch in der Corona-Krise sind die Einnahmen eingebrochen.

Foto: Heike Linde-Lembke

Kaum Kundschaft, hohe Kosten: Dem traditionsreichen Geschäft des Ehepaars Behrens an der Ulzburger Straße droht wegen Corona das Aus.

Norderstedt. Dieser Laden ist einmalig in der Stadt. Im Haushaltswarengeschäft von Viola und René Behrens gibt es noch Schrauben und Dübel einzeln zu kaufen. Behrens’ lassen alte Bratpfannen neu beschichten, sie führen Mäusefallen, Nagelscheren, Wetzstäbe und Zitronenpressen. Wer zu seinem Handbesen das passende Kehrblech sucht, wird in dem kleinen Laden an der Ulzburger Straße 8 ebenfalls fündig. Und was sie nicht vorrätig haben, das besorgen sie für ihre Kundschaft.

Doch nun droht wegen Corona die Pleite. Viola und René Behrens geben sich noch drei Wochen – dann könnte für immer Schluss sein. Alle Rücklagen sind aufgebraucht, die Kapital- beziehungsweise Lebensversicherung ist bereits beliehen, das Konto der Mutter ist überstrapaziert.

Die Mieten können nicht mehr gezahlt werden

„Wir können weder die Ladenmiete noch die Wohnungsmiete zahlen, geschweige denn die Rechnungen unserer Lieferanten“, sagt René Behrens verzweifelt. Einige Lieferanten hätten ihnen die Rechnungen gestundet. Obendrein hatte das Finanzamt ihnen trotz Stundungsantrag die Steuer für das vierte Quartal 2020 vom Konto abgebucht. Doch zum Glück ist das wohl ein Irrtum gewesen. „Heute morgen rief mich ein netter Finanzbeamter an und sagte, das Geld würde sofort zurücküberwiesen, so können wir wenigstens noch die Ladenmiete für Februar zahlen“, sagt Behrens. Doch demnächst sind die März-Mieten fällig – das Aus ist nur aufgeschoben, nicht aufgehoben.

Bei einer Insolvenz steht nicht nur das Ehepaar Behrens vor dem Nichts, es stirbt auch eines der traditionsreichen Geschäfte Norderstedts – der Waffen-, Eisenwaren- und Haushaltshandel Wolfgang Malchow, jetzt VR Behrens. Und: Mit dem Aus des Ladens dürfte die Ulzburger Straße in direkter Nachbarschaft des Einkaufsquartiers Schmuggelstieg weiter veröden, denn in ganz Norderstedt gibt es dann kein reines Haushaltswarengeschäft mehr.

Bereits vor mehr als 60 Jahren war Malchow eine gute Adresse am Harksheider Markt, eröffnete eine Filiale im Herold-Center, um dann, als die Kundinnen und Kunden ihren Haushaltsbedarf bei der Konkurrenz der großen Kaufhäuser deckten, an die Ulzburger Straße 8 zu ziehen. Viola und René Behrens haben bei Wolfgang Malchow im Einzelhandel gelernt, und sie lernten sich dort auch kennen, heirateten – und übernahmen das Geschäft im Dezember 2008. Noch heute sind beide mit Herz und Seele in „ihrem“ Laden.

Vor Corona kamen 40 Kunden am Tag, jetzt sind es drei

„Wir haben ja noch etwas Glück, denn weil wir für den Versanddienst Hermes Pakete annehmen, dürfen wir von 9 bis 18 Uhr öffnen“, sagt René Behrens. Er hat ein Hygienekonzept mit Hand-Desinfektion, Sichtfenster-Abtrennungen und Einbahnstraßen-System erarbeitet, schriftlich eingereicht und genehmigen lassen, sodass er auch telefonisch Bestellungen für Haushaltswaren annehmen darf, die dann von den Kundinnen im Eingangsbereich des Ladens abgeholt werden. „Einige Stammkunden rufen an, aber die meisten wissen gar nicht, dass wir geöffnet haben“, bedauert René Behrens. Vor Corona kamen 40 Kundinnen und Kunden pro Tag, jetzt sind es höchstens drei. Die Einnahmen pro Tag entsprächen nicht einmal dem Mindest-Stundenlohn von 9,50 Euro. „Gestern war ich wie immer von 9 bis 18 Uhr im Geschäft und habe nur vier Euro eingenommen“, sagt Behrens. Pro Hermes-Paket gebe es 30 bis 50 Cent.

Viola Behrens ist aufgrund des existenziellen Finanzdrucks bereits krank, Ehemann René ist auf Kurzarbeit, und da käme das Geld, 400 Euro pro Monat, auch nur zögerlich. „Ich muss es jeden Monat neu beantragen“, sagt der 52-Jährige. Weitere Corona-Hilfen? „Wir haben alles beantragt, das war kompliziert genug, aber alle Anträge wurden abgelehnt“, so Behrens. Mal hätten sie zu viel, mal zu wenig verdient. Besuche bei den Banken waren ebenfalls erfolglos: „Für die Banken verdienen wir nicht genug.“

Vor der Corona-Pandemie hatte das Ehepaar einen Umsatz von 9000 Euro im Monat, jetzt seien es im Dezember nur noch 1800 Euro gewesen. „Wir wollen nichts geschenkt, wir möchten aber wahrgenommen werden, wir brauchen eine Perspektive von der Regierung, einen Plan, aber es kommt einfach gar nichts“, sagt René Behrens verzweifelt.

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