Stadtwerke

Strategiewechsel: Norderstedt will die Sonne einfangen

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Michael Schick
Auf dem Dach eines Hauses wird eine Solarstromanlage montiert. Nach Ansicht der Stadtwerke gibt es in Norderstedt ein enormes Potenzial, um Solarenergie zu nutzen.

Auf dem Dach eines Hauses wird eine Solarstromanlage montiert. Nach Ansicht der Stadtwerke gibt es in Norderstedt ein enormes Potenzial, um Solarenergie zu nutzen.

Foto: imago/Frank Sorge

Millionen Quadratmeter Dachfläche eignen sich laut den Stadtwerken für den Gewinn von Solarenergie. Wie das gelingen soll.

Norderstedt.  Die Stadtwerke gehen neue Wege, um die Ökobilanz Norderstedts weiter zu verbessern. Stand bisher der Bau von Blockheizkraftwerken (BHKW) im Fokus, vollzieht der örtliche Energieversorger jetzt einen Strategiewechsel. Mieterstrom vom Dach lautet der neue Schwerpunkt. „Mit den 16 BHKW erzeugen wir gut ein Viertel des Norderstedter Strombedarfs. Damit haben wir unser Ziel in diesem Bereich erreicht“, sagt Oliver Weiß, Sprecher der Stadtwerke.

Wobei noch eine Aufgabe bleibt: Als Abfallprodukt der Kraft-Wärme-Kopplung entsteht Fernwärme. Damit werden die Wohnungen um die BHKW herum beheizt. Nun sind die Stadtwerke dabei, die Fernwärme-Inseln zu einem Ring zu verbinden. „Damit erhöhen wir die Versorgungssicherheit, können Schwankungen besser ausgleichen“, sagt Weiß.

Enormes Potenzial auf Norderstedts Dächern

Darüber hinaus wollen sich der technische Werkleiter Nico Schellmann und sein Team intensiv der Solarenergie widmen. Sie wollen ihren Beitrag leisten, damit Norderstedt dem Ziel, bis zum Jahr 2040 klimaneutral zu werden, möglichst nahe kommt. Schellmann sieht enormes Potenzial auf Norderstedts Dächern. Die Analysten des Fachunternehmens Ecofys hatten schon 2009 ermittelt, dass es in der Stadt gut 1,5 Millionen Quadratmeter Dach- und gut 380.000 Quadratmeter Fassadenfläche gibt, auf denen die Sonne eingefangen werden könnte. Die würde bei voller Nutzung der Flächen 126 Gigawattstunden Strom im Jahr erzeugen und könnte 50.000 Haushalte versorgen.

Das größte Chancen bieten ältere Gewerbebauten

Das größte Potenzial mit 440.000 Quadratmetern sahen die Gutachter bei Gewerbebauten, die zwischen 1974 und 1993 entstanden sind. Schulen, Kitas und andere öffentliche Gebäude mit Ausnahme des Rathauses folgen mit rund 270.000 Quadratmeter Fläche auf Platz zwei. Hier will die Stadt vorangehen und Vorbild sein. Alle geeigneten Neubauten sowie An- und Umbauten sollen künftig mit Solaranlagen bestückt werden.

Die Stadtwerke installieren auf ihrem Neubau an der Heidbergstraße, auf dem neuen Wasserwerk in Harksheide und auf dem Neubau des Bauhofes Photovoltaikanlagen. Die neue Dreifeldhalle am Exerzierplatz bekommt eine Solarthermie-Anlage für warmes Wasser. Die Kollektoren sollen insgesamt gut 180.000 Kilowattstunden pro Jahr produzieren und den CO2-Ausstoß um gut 70 Tonnen im Jahr mindern.

Potenzial für Solaranlagen bieten laut Ecofys-Studie auch ältere Gewerbebauten und Einfamilienhäuser der Altersklassen „bis 1953“ und „1954-1973“. Davon gibt es in Norderstedt relativ viele, sie würden sich für die solare Stromproduktion eignen.

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Zum Auftakt der neuen Klimaschutz-Initiative profitieren die Stadtwerke von einer Kooperation, die sie mit dem Studiengang „Green Energy“ der Fachhochschule Westküste in Heide eingegangen sind. Fünf Studierenden-Teams hatten sich um den Stadtwerke-Award beworben – ein Wettbewerb, den der Verband der Schleswig-Holsteinischen Energie- und Wasserwirtschaft (VSHEW) zum dritten Mal ausgeschrieben hat, um einen Beitrag zum Erreichen der Energiewende zu leisten.

Ruben Baufeld, Nele Grothusen und Lisa Tischmann untersuchten, wie Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern von Norderstedter Mehrfamilienhäusern sowie auf einem Altenheim wirtschaftlich betrieben werden können. Was das Trio herausgefunden hat, war den Stadtwerken Norderstedt 1000 Euro wert. „Interessant war, dass Studierende unterschiedlicher Bereiche zusammengearbeitet und das Projekt aus mehreren Perspektiven begutachtet haben“, sagt Weiß.

Bund fördert Mieterstrom durch eine spezielle Zulage

Bei Mieterstrommodellen nutzen die Mieter auf dem Dach des Mietshauses oder auf Dächern in der Nähe erzeugten Sonnenstrom, ohne dass die Anlage ins öffentliche Netz eingebunden werden muss. Der Vermieter kann die Photovoltaikanlage selbst kaufen, installieren und betreiben. Er kann die Dachfläche aber auch an regionale Stadtwerke verpachten. Der Bund fördert Mieterstrom durch eine spezielle Zulage, die sich an der Leistungsfähigkeit der Anlage orientiert mit 2,37 bis 3,79 Cent pro Kilowattstunde. Strom, der nicht verbraucht wird, wird ins öffentliche Netz eingespeist und vergütet (siehe Info-Kasten rechts).

Stadtwerke-Sprecher Weiß sieht im Mieterstrom keine „Riesenersparnis“ für die Bewohner. Da stehe der Klimaschutz im Vordergrund. Jetzt gehe es darum, geeignete Dachflächen zu identifizieren. Da spiele nicht nur die Ausrichtung zur Sonne eine Rolle, sondern auch die Statik und das, was auf den Dächern installiert ist wie Satellitenschüsseln, Mobilfunk-Antennen oder Klimaanlagen. „Wir werden Kontakt zu den großen Vermietern in Norderstedt aufnehmen und ihnen die Mieterstrommodelle vorstellen“, sagt Weiß.

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