Interview

Über die Gratwanderung zwischen Lockdown und Lockerungen

| Lesedauer: 14 Minuten
Christopher Herbst
Landrat Jan Peter Schröder (53) ist seit 2014 Chef der Segeberger Kreisverwaltung und damit auch verantwortlich für den Infektionsschutz.

Landrat Jan Peter Schröder (53) ist seit 2014 Chef der Segeberger Kreisverwaltung und damit auch verantwortlich für den Infektionsschutz.

Foto: Christopher Herbst

Der Segeberger Landrat Jan Peter Schröder spricht mit dem Abendblatt über Lehren aus zwölf Monaten Pandemie und was ihn besorgt.

Bad Segeberg. In diesen Tagen jährt sich die erste im Kreis nachgewiesene Infektion mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 – betroffen war ein UKE-Arzt aus Henstedt-Ulzburg – zum ersten Mal. Landrat Jan Peter Schröder spricht im Abendblatt über die Arbeit des Infektionsschutzes, seine Sorge vor steigenden Zahlen und den Schutz älterer Menschen.

Herr Schröder, was ist Ihre persönliche Erinnerung an den ersten Corona-Fall im Kreis?

Landrat Jan Peter Schröder: Wir hatten schon gehört, dass es einen ersten Fall in Schleswig-Holstein geben soll. Als ich ins Büro kam, sagte mir meine Sekretärin sofort: „Heute Nachmittag um 14 Uhr sind Sie in der Landespressekonferenz mit Gesundheitsminister Garg. Wir haben den ersten Fall.“ Es war ein Arzt einer Hamburger Klinik, der in Hen­stedt-Ulzburg gewohnt hat. Zudem ist an diesem Tag einer meiner engen Mitarbeiter im Alter von nur 53 Jahren verstorben – nicht an Corona. Den Anruf bekam ich eineinhalb Stunden später. Am Abend zuvor saßen wir noch gemeinsam im Hauptausschuss. Ich werde diesen 28. Februar sicher nicht vergessen.

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

Eine Gefahr ist so lange abstrakt, bis sie real wird. Waren Sie gut vorbereitet?

Wirklich vorbereitet war Deutschland insgesamt zu wenig. Wir hatten den „Vorteil“, dass die Kolleginnen und Kollegen aus dem Gesundheitsamt die Entwicklung intensiv verfolgt hatten, seitdem die ersten Fälle bei der Firma Webasto in Bayern aufgetreten waren. Wir wussten: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Virus auch bei uns ankommen würde. Und wir hatten 2019 einen größeren Masernausbruch im Kreis, der im Nachhinein eine epidemiologische Übung gewesen ist.

Wie hat sich die personelle Situation im Gesundheitsamt entwickelt?

Am Anfang bestand der zuständige Fachdienst „Infektionsschutz und unweltbezogener Gesundheitsschutz“ aus 15 Kolleginnen und Kollegen, die natürlich eigentlich nicht nur für den Infektionsschutz zuständig waren. Wir haben aber relativ schnell gemerkt, dass wir mehr Personal benötigen und haben daher begonnen aufzustocken. Am Anfang haben wir mit internen Kräften gearbeitet, haben die Kolleginnen und Kollegen aus dem ganzen Haus zusammengezogen, aus den anderen beiden Gesundheitsfachdiensten Sozialpsychiatrie und amtsärztlicher Dienst, dann Lebensmittelkontrolleurinnen und -kontrolleure und dann geguckt, wer sonst noch mit seinen Fähigkeiten unterstützen kann.

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Und für die zweite Welle?

Wir haben dann deutlich weiter aufgestockt. Seit Herbst unterstützt uns beispielsweise die Bundeswehr. Wir haben von der Deutschen Angestellten-Akademie Kräfte bekommen sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von der Stadt Bad Segeberg, die aktuell nicht im Schwimmbad arbeiten können. Jetzt sind wir bei um die 80 Kolleginnen und Kollegen in einem rollierenden System. Kernaufgaben sind Kontaktnachverfolgung, Bearbeiten von Anfragen und Beschwerden, Anordnungen und Allgemeinverfügungen erlassen und wieder aufheben, gegebenenfalls Hygieneauflagen kontrollieren.

Reicht das Personal?

Im Moment sind wir gut davor. Aber das Kernteam ist am Rande der Belastbarkeit. Die Kolleginnen und Kollegen machen das seit einem Jahr, häufig an sieben Tagen in der Woche. Und ein Ende ist nicht absehbar. Das zerrt an den Nerven, an den Kräften. Die Überstundenkonten sind sehr gut gefüllt.

Ist zurzeit eine 100-prozentige Nachverfolgung aller Infektionsketten möglich?

Nein. Aber wir sind tagesaktuell. Spätestens nach 24 Stunden haben wir alle Kontakte, die uns genannt worden sind, ermittelt. Wenn uns jemand verschwiegen wird, weil eine infizierte Person nicht weiß, dass sie Kontakt hatte, oder weil sie es uns nicht sagen will, dann werden wir ihn oder sie auch nicht ausfindig machen. Wer illegal auf einer Party war, wird es uns im Zweifelsfall nicht erzählen. Dass 50 Prozent der Infektionsquellen nicht nachvollziehbar sind, lässt sich nicht wegdiskutieren. Und ich fürchte, es wird eher mehr werden, wenn wir weitere Lockerungen haben.

Rechnen Sie mit einem Anstieg? Kitas und Grundschulen gehen in den Regelbetrieb...

Das ist meine Sorge. Es ist eine Gratwanderung. Auf der einen Seite haben wir die frühkindliche Bildung, auf der anderen Seite eine Klasse mit 20 Personen, Eltern, Geschwistern, einen Berg an Nachverfolgungen. Das Risiko, dass die Infektionszahlen mit den Öffnungen wieder hochgehen, ist ganz klar da. Auch bei den Kindertagesstätten.

Ist eine Inzidenz von 35 als Richtwert sinnvoll?

Sie ist eine Messlatte, die es für den Infektionsschutz handbarer macht. Aber 37 oder 33 wären genauso richtig oder falsch. Eigentlich müssen wir sehen, dass wir irgendwann noch viel weiter runterkommen. Je geringer, desto besser.

Wie empfinden Sie die Lockerungs-Debatten?

Menschlich sind diese völlig nachvollziehbar. Jede und jeder ist genervt davon, nicht zum Sport, nicht ins Theater, nicht frei einkaufen oder Freunde treffen zu können. Das geht mir genauso. Aber die Diskussion kommt zu früh. Wir werden uns vieles von dem, was wir uns mühsam über Weihnachten und in den vergangenen Wochen erarbeitet haben, kaputtmachen, wenn wir jetzt zu schnell lockern. Die Mutationen werden kommen. Sie sind deutlich aggressiver, ansteckender. Die Infektiologen sagen: „Die dritte Welle wird kommen.“ Wir haben es mit Impfungen und einer Fortsetzung der Hygieneregeln und der Einschränkungen aber selbst in der Hand, wie stark sie wird.

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Kommt es Ihnen also zu früh, wenn die Landesregierung zusätzlich lockert bei Wildparks oder Gartencentern?

Ich fürchte, diese Überlegungen sind verfrüht. Auch der Autohändler oder die Einzelhändlerin kann sagen: „Ich erfülle jede Hygieneauflage, die ihr wollt, damit ich wieder aufmachen kann.“ Es ist nicht der oder die Einzelne, es ist die Menge derer, die sich bei Öffnungen auf den Weg macht. Aus Infektionsschutzgründen hätte ich nichts dagegen, wenn wir noch einen Monat gewartet und die Situation weiter beobachtet hätten. Aber das ist nur die eine Seite des Virus. Auf der anderen finden wir die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Auswirkungen, die in Teilen nicht weniger verheerend sind.

Wie sind die Erfahrungen des Kreises bei der Kontrolle der Quarantäne?

Wir bekommen mit Sicherheit nicht alles mit, können nicht in jede Wohnung gucken. Unter dem Strich muss ich aber sagen, dass wir es nur mit wenigen Ausreißern zu tun haben. Das Maskentragen im öffentlichen Bereich klappt auch problemlos. Natürlich gibt es aber auch hier immer wieder mal einen Querulanten oder eine Querulantin, der oder die sich nicht an die Regeln halten will.

Ist die Einrichtung für Quarantäne-Verweigerer in Moltsfelde bereits belegt?

Wir wären in der Lage, sofort zu reagieren. Bisher haben wir die Einrichtung nicht gebraucht. Man darf aber auch nicht vergessen: Wer dorthin geschickt wird, hat bereits einen Weg hinter sich – eine Quarantäne mit Anordnungsverfügung, zudem muss uns der Verstoß auffallen, und wir waren im Zweifelsfall noch einmal mit der Polizei vor Ort. Erst dann würde das Gericht eingeschaltet werden. Und wir sprechen hier auch nur von Menschen, die sich bewusst so vehement gegen eine Quarantäneanordnung wehren. Einen psychisch erkrankten oder dementen Menschen würden wir selbstverständlich niemals nach Moltsfelde schicken.

Es ist seit Beginn der Pandemie nicht gelungen, Altenheime vollends zu schützen. Warum?

Das Problem ist zu verhindern, dass das Virus in die Einrichtung gelangt. Einmal drin, ist es meist zu spät. Aber einen hundertprozentigen Schutz würde es nur mit einer kompletten Abschottung geben – und das ist aus verschiedenen Gründen nicht umsetzbar. Wir können und wollen das weder den Arbeitnehmern zumuten noch den alten Menschen und deren Angehörigen. Also bleibt trotz aller Sicherheitsmaßnahmen leider ein Restrisiko. Wir haben es aber geschafft, dieses durch regelmäßige Schnelltests zu verkleinern. Die Einrichtungen geben sich viel Mühe bei der Einhaltung der Hygienerichtlinien. Aber Pflege funktioniert nicht auf Distanz. Die Situation wird sich daher erst dann merklich entspannen, wenn die Menschen in den Einrichtungen weitgehend geimpft sind. Viele erhalten derzeit bereits ihre zweite Impfung. Wir dürften dieses Ziel also bald erreicht haben.

Hatten Sie selbst im privaten Umfeld mit Corona-Infektionen zu tun?

Meine Tochter war nach den Sommerferien zwei Wochen als Kontaktperson in Quarantäne, weil ein Klassenkamerad positiv getestet worden war. Und im Freundeskreis waren einige Fälle.

Wofür würden Sie dem Kreis ein Lob aussprechen? Und was hätte besser laufen können?

Wir sind schnell, wenn es darauf ankommt. Beispielsweise wenn es darum geht, um 22.30 Uhr noch eine Allgemeinverfügung zu veröffentlichen. Verwaltung hat gezeigt und zeigt, dass sie flexibel und kreativ auf Situationen reagieren kann. Sei es bei den Impfzentren oder bei einer Einrichtung wie in Moltsfelde. Schneller hätten wir sein können bei der Umstellung auf die E-Akte. Und wir hätten nach der Sommerpause die Entwicklung der Fallzahlen früher anders beurteilen müssen. Aber das ist kein spezielles Kreis-Thema, sondern ein bundesweites.

Verzweifeln Sie manchmal an der Bundespolitik?

Bei allem Ärger, bei allen Dingen, die schiefgelaufen sind, bei allen Entscheidungen, unter denen Menschen gelitten haben, können wir insgesamt als Deutschland doch zufrieden sein. Manchen Streit verstehe ich auch nicht, aber da geht es dann vermutlich um Parteipolitik, schließlich haben wir in diesem Jahr sechs Landtagswahlen und eine Bundestagswahl. Erst haben alle geglaubt, Sanofi macht als erster Impfstoff das Rennen. Die sind jetzt ein zweites Mal gescheitert, da wäre ein Kauf die falsche Entscheidung gewesen. Hinterher ist man immer schlauer. Es ist nicht so, dass ich das Lehrbuch „Wie bekämpfe ich das Coronavirus?“ aufschlage und die Seiten abarbeite. Wir lernen jeden Tag dazu.

Reden wir über das Impfen. Am 1. März geht es auch in Norderstedt los. Hätten Sie sich rückblickend nicht Ärger erspart, wenn das dortige Impfzentrum als Erstes an den Start gegangen wäre?

Die Aussage des Landes war: ein Impfzentrum pro 100.000 Einwohner und Einwohnerinnen. Das macht ungefähr drei im Kreis – die Bereiche Mittelzentrum Bad Segeberg/Wahlstedt, Bad Bramstedt/Kaltenkirchen, Norderstedt. Wir haben mit Oberbürgermeisterin Elke Christina Roeder und der Landtagsabgeordneten Katja Rathje-Hoffmann dann den Weg über dieses grenzübergreifende Impfzentrum genommen. Für mich war Norderstedt als Standort aufgrund der Lage und der Einwohnerzahl gesetzt, und ich bin froh, dass wir es am Ende hinbekommen haben. Wir waren in Norderstedt eine Woche später startklar als in Wahlstedt und Kaltenkirchen, aber unter dem Strich war das keine Verzögerung, weil es ja keine Impfdosen gab.

War es richtig, das Anmeldeverfahren noch einmal zu verändern?

Alte Menschen sind oft nicht so technikaffin. Für sie ist eine Anmeldung eine Riesenherausforderung. Und dann drei-, vier-, fünf-, zwölf-, 17-mal telefonisch nicht durchzukommen, kann mürbe machen. Ich habe von Seniorinnen und Senioren gehört, die es als ihre Pflicht ansehen, sich impfen zu lassen, und die sich schlecht fühlen, wenn sie es nicht schaffen, einen Termin zu bekommen. Aber auch das liegt natürlich eigentlich am Impfdosen-Mangel. Wenn wir von Anfang an mehr Impfstoff zur Verfügung gehabt hätten, wäre das Problem nicht so scharf aufgetreten. Ich finde aber, dass die Umstellung auf Anschreiben für ältere Menschen der einzig richtige Weg ist. So wird es planbarer.

Ist es in Kaltenkirchen vorgekommen, dass sich Bürger eine Impfung erschleichen wollten?

Es sind Menschen ohne Termin vorbeigekommen, die gehofft haben, sie bekommen trotzdem eine Impfung. Die haben wir nach Hause geschickt. Gleiches gilt für jene, die falsche Angaben gemacht haben. Wer keine Berechtigung nachweisen kann, wird definitiv nicht geimpft.

In Deutschland gibt es zunehmend Fälle von Menschen, die durch ihr Amt an Impfungen gelangt sind. Auch aus Verwaltungen, sogar Landräte. Würden Sie ein solches Angebot annehmen?

Ich stehe auf keiner Warteliste und würde definitiv nein sagen. Ich gehöre nicht zur priorisierten Gruppe und muss daher, wie viele andere auch, warten. Ich finde es schwierig, ohne die Einzelfälle zu kennen, dass sich jemand kraft seines Amtes in den Vordergrund spielt. Man hat ja auch eine Vorbildfunktion. Andere sind einfach viel eher dran. In der Regel bleiben bei uns keine oder nur wenige Impfdosen am Tag übrig. Für den Fall, dass doch, gibt es eine Warteliste, auf der Personen aus der Priorisierungsgruppe 1 stehen, beispielsweise vom Rettungsdienst oder von ambulanten Pflegediensten.

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