Henstedt-Ulzburg

Politiker fürchten um Erhalt des Pinnau-Biotops

| Lesedauer: 5 Minuten
Christopher Herbst
Das Unternehmen Tennet hat den gesetzlichen Auftrag, im Sinne der Energiewende eine 380-Kilovolt-Trasse zu bauen, damit Windstrom aus Ostholstein abtransportiert werden kann.

Das Unternehmen Tennet hat den gesetzlichen Auftrag, im Sinne der Energiewende eine 380-Kilovolt-Trasse zu bauen, damit Windstrom aus Ostholstein abtransportiert werden kann.

Foto: Julian Stratenschulte / picture alliance / dpa

CDU und BfB aus Henstedt-Ulzburg kritisieren den Verlauf der „Ostküstenleitung“ durch die Gemeinde und fordern ein Umdenken.

Henstedt-Ulzburg.  Niemand hat je behauptet, dass Kommunalpolitik einfach sei. Doch die kollektive Anstrengung von Fraktionen und Verwaltung in Henstedt-Ulzburg, den Bau einer 380-Kilovolt-Stromtrasse durch die Großgemeinde zu verhindern, ist eine historische Herausforderung. Der Netzbetreiber Tennet hat zum Jahreswechsel das Planfeststellungsverfahren gestartet, die „Ostküstenleitung“ soll erst Kisdorferwohld, dann den Bereich der Pinnauwiesen in Henstedt-Ulzburg durchqueren und an der Autobahn 7 nahe des Beckershofs zu einem neuen, zwölf Hektar großen Umspannwerk führen.

Unterirdische Kabel sind ein Pilotversuch

Weitestgehend wird die derzeitige 220-Kilovolt-Trasse ersetzt, aber 7,4 Kilometer würden in einem Pilotversuch als Erdkabel verlegt – zum Teil sind hierfür breite Baugruben nötig, teils auch unterirdische Bohrungen. Die Maßnahme gilt als zentrales Infrastrukturvorhaben der Bundesregierung und Landesregierung für die Energiewende, unter anderem soll ausreichend Transportkapazität für Windenergie aus Ostholstein geschaffen werden. Was soll Henstedt-Ulzburg da schon ausrichten können?

Aus Sicht von CDU und BfB (Bürger für Bürger) gibt es Schwachpunkte. „Der gesamte Ort ist ziemlich geschlossen gegen das Vorhaben“, sagt Jens Iversen, Fraktionschef der BfB. Und Michael Meschede von der CDU ergänzt: „Wir wollen der Gemeinde Schützenhilfe leisten, wir wollen nicht nur Plakate aufstellen.“ Sie gehören einer Arbeitsgruppe an, die nach vier Wochen Aktenstudium 34 Einwände zusammengestellt hat.

Ihr zentraler Vorwurf: Es gibt keine Garantie, dass das Pinnau-Biotop den Leitungsbau ohne nachhaltigen Schaden übersteht. Zwar werden die Feuchtgebiete nicht ausgekoffert, dafür aber auf 600 Meter Länge mit Horizontalbohrungen unterkellert. „Es gibt kaum Erfahrungen, so etwas ist in Deutschland bisher kaum realisiert worden. Deswegen spricht Tennet von einem Pilotversuch. Die Bürger haben Angst um ihr Biotop. Wir sehen die Gefahr, dass der Untergrund gar nicht geeignet ist“, sagt Helmuth Schmücker. Der Geologe ist CDU-Mitglied und hat die Stellungnahme mitgeschrieben. „Ich stelle infrage, dass das Gewässer erhalten bleibt.“

Wurde eine A-20-Trasse ausreichend abgewogen?

Er erinnert an die einstige Tieferlegung der AKN – und an die Findlinge, die überraschend gefunden wurden. „Wenn wir einen Moränenbereich mit Findlingen haben, werden sie scheitern. Was Tennet mit einschließt, ist ein Misserfolg. Jeder Eingriff, jede Fahrstraße würde das Biotop erheblich beeinträchtigen.“ Die Planfeststellungsunterlagen besagen in der Tat, dass ein unterirdischer Bohrvorgang aus technischen Gründen ohne Unterbrechung durchgeführt werden muss. Die Erdkabel offen zu verlegen – die Baugruben sind um die 50 Meter breit –, ist aus Naturschutzgründen keine Option, das würde die Umgebung irreparabel schädigen.

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Die Alternative, ein Verlauf entlang einer künftigen Autobahn 20, ist aus Sicht von BfB und CDU nur „halbherzig“ abgewogen worden. Iversen nennt ein Beispiel: So würden laut Tennet Strommasten nicht ins Landschaftsbild passen. „Da läuft doch eine Autobahn“, sagt der Planungspolitiker. Weitere Abwägungen, so etwa bei den Lärmemissionen oder in Bezug auf geschützte Tierarten, seien aus Sicht der Fraktionen ab dem Zeitpunkt nicht mehr ausschlaggebend, sobald die Autobahn Baurecht habe. „Unter uns ist niemand, der sagt, wir brauchen keine Energiewende. Aber wir müssen es richtig machen. Die Trasse muss an die A 20.“

Welche Chancen sie sich für eine mögliche Klage gegen einen Planfeststellungsbeschluss ausrechnen, wollten Christdemokraten und Wählergemeinschaft nicht sagen. Aber das Dilemma ist offensichtlich: Würde man theoretisch ein Verfahren am Bundesverwaltungsgericht für sich entscheiden, parallel aber eine neue Bundesregierung unter grüner Beteiligung die Autobahn 20 stoppen, bliebe Tennet nur eine Möglichkeit. Die „Ostküstenleitung“ würde im Korridor der Bestandstrasse, über die Habichtstraße und das dortige Wohngebiet, sowie durch den Rantzauer Forst und das Gebiet des Waldkindergartens verlaufen – ein Schreckensszenario.

Es gibt bisher kein Baurecht für den A-20-Abschnitt von Weede bis zur A 7, die zuständige Gesellschaft Deges führt Gespräche mit Planern, Behörden, Umweltverbänden, um eine verträgliche Lösung zu finden, heißt es. All das ist die Folge einer erfolgreichen Nabu-Klage – vor drei Jahren kassierte das Bundesverwaltungsgericht den Planfeststellungsbeschluss wegen Mängeln im Artenschutz. Nach Angaben von Deges wird ein neuerlicher Planfeststellungsbeschluss für Mitte 2022 erwartet, dann könnte der Autobahnbau realisiert werden. Den Henstedt-Ulzburgern bleibt nur, auf einen Erfolg zu setzen. Jens Iversen bringt es auf den Punkt: „Ein Aus für die A 20 wäre aus Henstedt-Ulzburger Sicht eine Katastrophe.“

Die Stellungnahme von CDU und BfB gibt es online auf www.cdu-hu.de oder www.bfb-hu.de

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