Bönningstedt

Diese Musik-App soll Kranke heilen können

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Burkhard Fuchs
Komponist Dirk Reichardt an seinem Mischpult.

Komponist Dirk Reichardt an seinem Mischpult.

Foto: Burkhard Fuchs

Der Bönningstedter Komponist Dirk Reichardt entwickelt mit einer Hamburger Ärztin neuartige Therapiemusik.

Bönningstedt.  Er hat die Filmmusik für Til Schweigers große Kinoerfolge „Kokowääh“, „Keinohrhasen“ und „Honig im Kopf“ geschrieben. Vor vier Jahren hat Dirk Reichardt individuelle Herz-Rhythmusschläge in musikalische Klänge umgewandelt, die beim Selbstanhören einen entspannenden Effekt zeigen und bereits erfolgreich bei Patienten mit Krebs und anderen chronischen Erkrankungen eingesetzt worden sind.

Und nun hat sich der Musiker und Komponist, der ein großes Studio in Bönningstedt betreibt, zusammen mit einer Hamburger Ärztin daran gemacht, eine App zu entwickeln, die mit Musik und Entspannungsübungen verschiedene Krankheiten therapieren können soll. Diese Audio-Resonanz-Therapie helfe bei Schlafstörungen, Tinnitus, Depressionen, Flugangst und Stress – und könne sogar bei schweren Erkrankungen wie Multipler Sklerose oder Parkinson die Symptome und Medikation abmildern.

Jede Körperregion bekommt ihr eigenes Klangmuster

Die ungewöhnliche Zusammenarbeit zwischen dem Komponisten und der Internistin Dr. Roya Schwarz, die bereits viel Erfahrung mit Akupunktur, Aromaöl-Therapien und chinesischer Medizin gesammelt hat, ergab sich aus einem persönlichen Kontakt, berichtet Reichardt. Sie habe ihm sehr geholfen, als er vor einigen Jahren Probleme mit dem Herzen hatte. Dabei kamen sie ins Gespräch, ob und wie akustische Reize wie Resonanzen, musikalische Schwingungen und modulare Tonlagen eine heilende Wirkung auf den Organismus ausüben könnten.

Die Antwort lautete: Ja, dafür würden bereits von einigen Therapeuten zum Beispiel Klangschalen eingesetzt, sagte Dr. Schwarz. „Aber es gibt dafür noch kein richtiges Konzept.“ Und so setzten sich die beiden in Reichardts Musikstudio und fingen an, bestimmte Töne in verschiedenen Tonlagen zu entwickeln, die auf die Energiezentren des Menschen, seine Psyche und seinen Körper einwirken können. Aus neurowissenschaftlichen Untersuchungen gebe es bereits konkrete Hinweise, welche Klänge angsteinflößend oder entspannend wirken könnten, sagt die Ärztin.

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Eine wissenschaftliche Studie untermauerte die anfängliche These, dass die Audio-Resonanz-Theorie (ART) Krankheitssymptome beseitigen könne. Dr. Schwarz ließ vor einem Jahr drei Wochen lang jeden Tag die von Reichardt komponierten musikalisch-medizinischen Klänge bis zu 30 Minuten auf 21 ihrer Patienten einwirken. Nach jeder Hörprobe folgte eine genauso lange Zeit der Stille. Parallel dazu untersuchte sie jeden Tag Parameter des vegetativen Nervensystems wie die Herz-Raten-Variabilität, um den möglichen Fortschritt mit objektiv messbaren Daten belegen zu können. Die Probanden sollten zudem auf einer wissenschaftlich fundierten Befindlichkeitsskala zahlreiche Angaben zu ihrer Stimmungslage machen.

70 bis 80 Prozent der Patienten fühlten sich besser

Die Ergebnisse überraschten den Musiker und die Ärztin, weil beide selbst nicht mit diesem sofortigen Erfolg gerechnet hatten. Bei 70 bis 80 Prozent der Patienten habe sich eine signifikante Verbesserung ihres Allgemeinzustandes ergeben. Plötzlich waren die Schlafstörungen oder die Flugangst weg. Der an Parkinson erkrankte Patient sagte „mit Tränen in den Augen“, er habe seine Medikamente absetzen können, die er zuvor täglich nehmen musste. Ein MS-Patient, der massive neurologische Probleme hatte, fühlte sich erheblich besser.

Für Filmmusiker Reichardt grenzt dieser Erfolg fast an ein Wunder, auch wenn er vorher schon fest davon überzeugt war, dass Musik in ganz bestimmten Tonlagen und Frequenzen heilende Kräfte auf den menschlichen Körper und Geist entfalten könne. Reichardt: „Bestimmte Akkorde und Klangfolgen reduzieren Stress, indem sie ein Gefühl von Sicherheit, Vorhersehbarkeit und Beruhigung initiieren.“ Die Grundstimmung liege bei einer Frequenz von 432 Hertz, die in der Klangforschung als natürliche Stimmung gelte. 600 Abonnenten hätten sich die ART-App bereits heruntergeladen (www.audio-resonance.com).

Sie ist in den ersten sieben Tagen kostenfrei. Danach werden nach Angaben Reichardts monatlich 5,99 Euro fällig. Die App bietet acht verschiedene Musik-Tracks, für deren Anwendung genau erklärt wird, welche Körperregionen sie für welche Zwecke ansprechen und diese anregen würden.

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