Wirtschaft

Norderstedter Start-up revolutioniert das Bauen mit Beton

| Lesedauer: 6 Minuten
Andreas Burgmayer
Die Gründer von Aeditive (von oben im Uhrzeigersinn): Hendrik Lindemann, Alexander Türk, Roman Gerbers und Niklas Nolte.

Die Gründer von Aeditive (von oben im Uhrzeigersinn): Hendrik Lindemann, Alexander Türk, Roman Gerbers und Niklas Nolte.

Foto: Aeditive

In einer Betriebshalle an der Oststraße steht der „Concrete Aeditor“ – er soll Baustellen ins digitale Zeitalter führen.

Norderstedt.  Wenn sich die vier jungen Gründer von Aeditive eine Zukunft ausmalen, dann spielt darin der Beton die Hauptrolle. Jener Baustoff aus Zement und Gesteinskörnung, aus dem die Menschheit so ziemlich alles fertigt, was ihre moderne Zivilisation möglich macht – Häuser, Brücken, unzählige Teile in der Infrastruktur. Beton ist überall. Die Frage ist nur, wie er dahin kommt.

Aeditive und seine vier Gründer, der Geschäftsführer Alexander Türk, der Architekt und 3-D-Modellierungsexperte Hendrik Lindemann, der Maschinenbauer und Automatisierungsexperte Roman Gerbers und der Betontechnologe Niklas Nolte, haben die Antwort auf diese Frage in einer Produktionshalle an der Oststraße im Norderstedter Industriegebiet Harkshörn aufgebaut. Wenn sie die Bauwirtschaft im großen Stil von ihrem Projekt überzeugen, stünde nicht weniger als eine Revolution auf den Baustellen des Landes an. Betonteile für Brücken, Häuser und Infrastruktur würden dann auf den Baustellen einfach 3D-gedruckt und nach ihrer Aushärtung zusammengebaut. Beton-Lego der visionären Art.

Roboter lassen Betonteile in Windeseile entstehen

In der Halle in Norderstedt riecht es nach Baustelle, nach frischem Beton und Stahlbewehrung. Doch im Gegensatz zur Baustelle ist hier alles blitzsauber und was man zu sehen bekommt, erweckt im Betrachter ein Gefühl von High-Tech und Raumschiff Enterprise. Im Zentrum der Halle steht der „Concrete Aeditor“,

die quadratisch-raumhohe Bühne für die Hauptakteure: Zwei Roboter der Marke Kuka, schneeweiße Gesellen, kopflos, aber beileibe nicht hirnlos. Wobei das Hirn aus Spezial-Software besteht, die den einen Kuka dazu befähigt, mit seinem multibeweglichen Arm Beton in jeder beliebigen Position und an jede gewünschte Stelle zu spritzen. Den anderen, ebenso flinken Roboter dazu, mit Spachtel und Bohrvorrichtung für die millimetergerechte Glättung und Form des Betonteils zu sorgen.

Was dem Töpfermeister die Drehscheibe, das bedeutet den beiden Kukas die 360-Grad-drehbare Stahlpalette im Zentrum des „Concrete Aeditors“. Auf dieser können die Roboter nach digitalem Input jedes denkbare und noch so komplexe und tragende Betonbauteil entstehen lassen – so lange es die Ausmaße von elf Metern Länge und je vier Metern Breite und Tiefe nicht überschreitet. Momentan ist die Anlage noch ein Prototyp, wenn die Idee sich am Markt durchsetzt, seien auch andere Ausmaße denkbar.

So könnte er also aussehen, der Betonbau des digitalen Zeitalters. Die Frage ist, warum er so aussehen sollte und ob der Markt dafür schon bereit ist. Geschäftsführer Türk erklärt die Idee hinter Aeditive: „Die Bauwirtschaft trägt weltweit über 13 Prozent zur Wertschöpfung bei. Doch sie steht immer noch ganz am Anfang ihrer Digitalisierung. Wir liefern die schlüsselfertige Lösung für den Bau, um von den Vorteilen der Digitalisierung zu profitieren.“

Die Anlage ist eine Antwort auf Fachkräftemangel im Bau

Das wird klar, wenn man sich die vorherrschende Realität beim Betonbau auf Baustellen betrachtet. Die ist geprägt vom Einsatz vieler Bauarbeiter, die aufwendige Schalungen aus Holz bauen, in denen dann die aus Stahl geformte Bewehrung eingebaut wird, das stählerne Herz eines jeden tragenden Betonteils. Erst im letzten Arbeitsgang kommt der Betonmischer und dann wird das flüssige Zement-Gestein-Gemisch in die Schalung gepumpt, wo es im Anschluss aushärtet – danach reißt man Verschalung weg und zum Vorschein kommt das Betonteil.

„Wir machen den Betonbau zunächst mal viel nachhaltiger, weil unser Verfahren ohne die teure und aufwendig zu produzierende Verschalung auskommt“, sagt Hendrik Lindemann. Doch nicht nur Holz wird

eingespart – auch Arbeiter. Was jedoch nicht falsch verstanden werden darf: der „Concrete Aeditor“ sei kein Job-Vernichter. Denn offenbar gibt es sowieso immer weniger Menschen, die den Job überhaupt noch machen wollen. „Wir begegnen mit unserer Idee dem Fachkräftemangel“, sagt Johannes Türk. „Es gibt 700 Betonteilebauer in Deutschland. Und die finden keinen Nachwuchs. Die Belegschaften sind überaltert.“ Laut Türk sei das Interesse der Bauindustrie riesengroß. Und im Gegensatz zu vielen anderen Start-ups, die viel über ihre Idee reden, obwohl sie nur ein unkonkretes Versprechen für eine noch nicht erreichte Zukunft sind, haben die Beton-Innovatoren aus Norderstedt bereits einen ersten Kunden, bei dem sie den „Concrete Aeditor“ demnächst aufbauen und ganz konkret „concrete“ 3D-drucken.

Die Anlage könnte in Zukunft direkt auf der Baustelle stehen

„Wir planen mit unserer Idee für den Massenmarkt“, sagt Türk. „In einem ersten Schritt könnten unsere Anlagen bei Betonteileproduzenten in der Halle stehen. Doch im Prinzip wollen wir die Anlagen direkt auf die Baustellen holen.“ Künftig würde also ein „Concrete Aeditor“ direkt neben einer werdenden Autobahnbrücke stehen und diese Teil für Teil vor Ort ausdrucken. Alexander Türk ist überzeugt, dass er die Produktivität der Baubranche so um ein Fünffaches erhöhen und die dafür nötigen Kosten um 20 bis 30 Prozent senken könnte.

Unbestritten ein Vorteil der Roboter-Bauarbeiter ist ihre Genügsamkeit. Sie basteln 24 Stunden am Tag Betonteile, wenn es sein muss. Statt Feierabendbier brauchen sie nur ein wenig Wartung und Schmierstoff. Und sie verstehen sich mit ihren Kollegen in Fleisch und Blut sehr gut. Denn der „Concrete Aeditor“ ist folgsam und kann von jedem Ungelernten bedient werden. Die Software regelt den Druckauftrag mit Breite, Höhe, Tiefe, Betonrezeptur und Roboterbewegung. Der Bauarbeiter drückt einfach nur das „Play“-Symbol im Bedienfeld.

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