Norderstedt-Redaktion

„Hallo Leute, ich bin die Neue!“

| Lesedauer: 5 Minuten
Zoe Gaimann
Praktikantin Zoe Gaimann (21, Mitte) bei der morgendlichen Videokonferenz der Norderstedter Abendblatt-Redaktion, live zugeschaltet aus Wiesbaden. Mit dabei sind zudem die Redakteure Frank Best (oben links, im Uhrzeigersinn), Michael Schick, Frank Knittermeier, Annabell Behrmann, Catharina Jäckel (Volontärin), Christopher Herbst und Redaktionsleiter Frank Schulze.

Praktikantin Zoe Gaimann (21, Mitte) bei der morgendlichen Videokonferenz der Norderstedter Abendblatt-Redaktion, live zugeschaltet aus Wiesbaden. Mit dabei sind zudem die Redakteure Frank Best (oben links, im Uhrzeigersinn), Michael Schick, Frank Knittermeier, Annabell Behrmann, Catharina Jäckel (Volontärin), Christopher Herbst und Redaktionsleiter Frank Schulze.

Foto: Andreas Burgmayer

Zoe Gaimann hat ihr Praktikum in der Norderstedt-Redaktion „angetreten“ – sie arbeitet von Wiesbaden aus.

Norderstedt/Wiesbaden.  „Mooin“ schallt es stockend aus meinem Laptop, und ich sehe ein paar verwackelte Bilder. Am Montagmorgen trete ich zum ersten Mal der Videokonferenz der Abendblatt-Regionalredaktion in Norderstedt bei.

Fischbrötchen essen, um die Alster spazieren und mir die frischen norddeutschen Winde um die Ohren wehen lassen, während ich als rasende Reporterin in Norderstedt unterwegs bin. So hatte ich mir mein Praktikum im schönen Norden ausgemalt. Doch die Realität sieht anders aus. Statt salziger Seeluft atme ich trockene Heizungsluft ein und sitze in meinem alten Kinderzimmer in Wiesbaden. Trotzdem bin ich gespannt und freue mich darauf, die Redaktion in Norderstedt kennenzulernen. Wenn auch mit dem Risiko, dass meine Familienmitglieder im Videohintergrund auftauchen...

„Toll, dass das doch geklappt hat, war ja ein ganz schönes Hin und Her“, lacht Redaktionsleiter Frank Schulze durch den Bildschirm. Recht hat er. Die Pandemie hat nicht nur die ganze Welt durcheinandergebracht, sondern auch mein Leben ganz schön auf den Kopf gestellt. In dem Corona-Chaos bin ich letztes Frühjahr überstürzt aus Kambodscha abgereist, habe aber meine Liebe zum Journalismus entdeckt und bin für die Ausbildung an der Kölner Journalistenschule in ein winziges WG-Zimmer nach Köln gezogen. Nach einem unbeschwerten Sommer – ich durfte sogar noch meine Studienkollegen im realen Leben kennenlernen – war mit dem Lockdown im November auch die Großstadteuphorie etwas verflogen. Meine Lebensbühne waren fortan die 13 Quadratmeter, die ich in der Kölner City ergattern konnte. Mein Theaterstück ein „Coming of Age“-Drama zwischen Videounterricht, Kaffeetassen und Telefoninterviews.

Mit Kamera und Notizblock durch Asien gereist

Mein Leben vor Corona hat mit dem danach nicht viel gemeinsam. Nach dem Abitur und unzähligen Stunden als Kellnerin in einem französischen Nobellokal erfüllte ich mir meinen Traum vom Reisen. Mit einem Rucksack bin ich Anfang 2020 los. Meine Kamera und mein Notizblock begleiteten mich durch den Süden Indiens, auf die Spitzen des Himalaya-Gebirges und zu den mystischen Tempel in Kambodscha. Hier sollte meine Reise im März abrupt enden, Corona hatte auch mich eingeholt. Ich bekam gerade noch einen Flug nach Deutschland und fand mich, viel zu früh, in meinem Kinderzimmer wieder. Aber ich habe auf der Reise meine Liebe fürs Schreiben neu entdeckt. In einigen Artikeln durfte ich für den „Wiesbadener Kurier“ meine Reise dokumentieren. War ich, was meine berufliche Zukunft anging, eher planlos losgereist, stand mein Berufsziel jetzt fest: Ich werde Journalistin.

Endlich wieder vom Schreibtisch raus in die Welt. Das dachte ich, als die Zusage für ein Praktikum beim Abendblatt hereingeflattert kam. Aber Pustekuchen! Mit der Unterkunft in Hamburg klappte es wegen Corona nicht, und so rief ich kleinlaut in der Redaktion an, um mein Praktikum abzusagen.

Kurz vor Weihnachten bin ich dann wieder zurück in meine Heimatstadt Wiesbaden gefahren – die Semesterferien standen kurz bevor. Die Aussichten für die nächsten Monate waren eher mau. Die immergleiche Route spazieren und so viele Kuchenrezepte ausprobieren, bis sogar meine Familie aus Süßmäulern keinen Appetit mehr hat.

Komische Situationen während des Videounterrichts

Einige meiner Mitstudenten machten sich derweil auf, Redaktionen in ganz Deutschland „aufzumischen“. Ein Semester lang haben wir auf der Kölner Journalistenschule geschrieben, recherchiert und Medienrecht gepaukt. Der Videounterricht gab auch gerne mal komische Situationen her. Das reichte von Studenten, die im Schlafanzug im Bett lagen, bis zu Dozenten, die sich mit ihren Frauen unterhielten, aber vergaßen, die Kamera auszuschalten! Nach wenigen Monaten Studium sind wir nun bereit, echte Redaktionsluft zu schnuppern. Einige meiner Mitstudenten müssen allerdings leider weiter hinter den Lockdown-Mauern ausharren und können ihr Praktikum nicht wahrnehmen. Andere sind jetzt in Berlin, Jena und Frankfurt.

Die Stadt im hohen Norden und die Worte von Frank Schulze: „Wir sind eine lustige, kleine Redaktion“, gingen mir nicht aus dem Kopf. Außerdem kribbelte es mir in den Fingerspitzen, wieder zu schreiben. „Wir haben das noch nie gemacht, aber wir probieren es einfach.“ Das ist die Antwort von Frank Schulze, als ich mich bei ihm melde und vorschlage das Praktikum online von Wiesbaden aus zu absolvieren. Ein optimistischer Satz, der irgendwie Programm ist in diesen Zeiten. Alles ist anders, alles ist neu. Und wer kann, soll einfach probieren und das Beste daraus machen. Ich freue mich jedenfalls, Norderstedt kennenzulernen. Erst mal aus der Ferne und durch den Bildschirm. Bald aber hoffentlich im echten Leben, mit Seeluft in der Nase und Fischbrötchen in der Hand. Oder ein bis zwei schönen Klischees weniger im Kopf.

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