Norderstedt

Todkranke Nachbarin betrogen? Frau soll Gold zurückgeben

| Lesedauer: 5 Minuten
Manfred Scholz und Andreas Burgmayer
Die 72-jährige Angeklagte und ihr Verteidiger, Rechtsanwalt Fred Lenck, auf der Anklagebank vor dem Amtsgericht Norderstedt. Der Frau wurde vorgeworfen, das Geld ihrer todkranken Nachbarin veruntreut zu haben.

Die 72-jährige Angeklagte und ihr Verteidiger, Rechtsanwalt Fred Lenck, auf der Anklagebank vor dem Amtsgericht Norderstedt. Der Frau wurde vorgeworfen, das Geld ihrer todkranken Nachbarin veruntreut zu haben.

Foto: Florian Büh

Einer 72-Jährigen wurde vorgeworfen, das Vermögen einer Todkranken veruntreut zu haben. Der Großteil bleibt wohl verschwunden.

Norderstedt.  War es wirklich eine großzügige Schenkung? Oder doch nur Untreue zum Schaden einer todkranken Frau? Die Staatsanwaltschaft Kiel ist überzeugt, dass im Fall einer 72-jährigen Norderstedterin Letzteres richtig war. Jetzt musste sich die Seniorin vor dem Norderstedter Amtsgericht verantworten.

In der Sache geht es um viel Gold und viel Geld – und das meiste davon bleibt bis heute verschwunden. Laut Anklage soll die 72-Jährige im September 2018 aus dem Bankschließfach einer Wohnungsnachbarin in Norderstedt zwei jeweils 1000 Gramm schwere Goldbarren im damaligen Gesamtwert von 70.000 Euro sowie zwei 7300 Euro teure Goldstücke an sich genommen haben – nach heutigem Goldkurs läge der Schaden bei über 110.000 Euro.

Vor Gericht bestreitet die Angeklagte den Griff ins Bankschließfach nicht. Doch aus ihrer Sicht sei er rechtens gewesen. Schließlich habe sie von der zwischenzeitlich verstorbenen Nachbarin eine Generalvollmacht erhalten, die auch die PIN-Nummer und den Schlüssel des Schließfaches umfasste. Was den Inhalt des Fachs anging, so sprach die 72-Jährige aber lediglich von einem Goldbarren – von einem weiteren Barren und zusätzlichen Goldmünzen wisse sie nichts.

Angeklagte habe sich erschrocken, als sie den Goldbarren sah

Die Angeklagte und die ursprüngliche Besitzerin des Goldes waren Nachbarinnen in einem Wohnhaus. Die Angeklagte beschrieb das Verhältnis als gut und freundschaftlich. „Als die Nachbarin ernsthaft krank wurde, rief sie mich zu sich“, sagte die Angeklagte vor Gericht. Die todkranke Freundin habe ihr aufgetragen, zum Schließfach in der Haspa-Filiale in Norderstedt zu fahren und ihr daraus ein Sparbuch zu holen. Dort sei auch ein Geschenk für sie hinterlegt.

Vor Gericht sagte die Angeklagte aus, sie habe sich erschrocken, als sie das Geschenk, den Goldbarren, vorfand, weil sie so etwas noch nie gesehen habe. Zurück bei der Nachbarin habe sie dieser gesagt, dass sie ein so wertvolles Geschenk nicht annehmen könne, das gehe nicht. Doch die großzügige Spenderin habe ihr erklärt, dass sie das annehmen solle, denn: „Du hast die ganz Zeit so viel für mich getan.“

Lungenkranke Nachbarin sei im Kopf "völlig klar" gewesen

Dass sie die Schenkung im verwirrten Zustand gemacht habe, schloss die Angeklagte aus. Die lungenkranke Nachbarin sei im Kopf „völlig klar“ gewesen. Sie habe sich „von niemanden die Butter vom Brot nehmen“ lassen, erinnerte sich die Angeklagte. Den angeblich einzigen Goldbarren im Schließfach will die Angeklagte nach dem Tod der Nachbarin schließlich doch bei sich zu Hause verwahrt haben. Mit ihrem überraschenden Besitz fühlte sich die gelernte Bürokauffrau laut eigenen Aussagen nicht wohl. Sie sei unsicher gewesen, ob der Goldbarren so problemlos seinen Besitzer wechseln könnte. Ein Rechtsanwalt habe ihr geraten, die steuerpflichtige Schenkung unbedingt dem Finanzamt zu melden.

Ermittlungen der Kriminalpolizei löste schließlich eine im Testament der Verstorbenen als Erbe eingesetzte Stiftung für behinderte Menschen aus, die vom Verschwinden des Goldes Kenntnis hatte und nun die Herausgabe des gesamten Erbes forderte. Bei einer Hausdurchsuchung bei der Angeklagten fanden die Beamten jedoch keine Goldbarren oder Goldmünzen.

Erhebliche Bewegungen auf sieben Konten

Jedoch ergaben sich bei den staatsanwaltlichen Ermittlungen viele Unstimmigkeiten in den Aussagen der 72-Jährigen. Gegenüber von Polizeibeamten soll die Angeklagte zunächst davon gesprochen haben, dass die Verstorbene ihr den Goldbarren in der Bank übergeben habe. Daten der Schließfächer bei der Haspa sollen zudem gezeigt haben, dass sie den Goldbarren nicht zu Hause, sondern in ihrem eigenen Schließfach gelagert, ihn quasi nur vom Schließfach der Verstorbenen in ihr eigenes umgehoben habe.

Außerdem ermittelte die Staatsanwaltschaft, dass die Angeklagte immerhin sieben Konten unterhielt, auf denen erhebliche Geld-Bewegungen zu verzeichnen waren. Präzise Angaben, woher die mehrmals fünfstelligen Zahlungen stammten, konnte die dreifache Rentenbezieherin vor Gericht nur selten machen. „Das weiß ich momentan nicht“, lautete bei Nachfragen ihre Standardantwort. Die offenbar solvente Witwe leistete sich mehrmals im Jahr Urlaubsreisen in den Süden.

Am Ende des Prozesses stand die Frage: Wo ist das Gold, und wem gehört es nun? Die Hauptverhandlung habe keinen klaren Nachweis für eine Untreue erbracht, sagte Amtsrichterin Christine Schmidt. Eine ordentliche, notariell beglaubigte Schenkung habe es aber auch nicht gegeben. Deshalb machte die Richterin der Angeklagten nach einer Verständigung mit Staatsanwaltschaft und Verteidigung einen Vorschlag. Wenn die 72 Jahre alte Frau den Erben den Goldbarren zurückgibt, würde sie das Verfahren wegen Geringfügigkeit einstellen. Die Angeklagte akzeptierte.

Wo jedoch der zweite Goldbarren und die Goldmünzen im Wert von heute sicherlich gut 60.000 Euro geblieben sind, die sich laut Testament im Schließfach befanden – die Erben und auch die Öffentlichkeit werden es nie erfahren.

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