Henstedt-Ulzburg

Michael Höpner hat für immer schulfrei

| Lesedauer: 8 Minuten
Frank Knittermeier
Michael Höpner kam im Jahr 2000 als Schulleiter zum Alstergymnasium, das damals von etwa 700 Schülerinnen und Schülern besucht wurde. Jetzt sind es annähernd 1100.

Michael Höpner kam im Jahr 2000 als Schulleiter zum Alstergymnasium, das damals von etwa 700 Schülerinnen und Schülern besucht wurde. Jetzt sind es annähernd 1100.

Foto: Frank Knittermeier / KNITTERMEIER

Der 64-Jährige war mehr als 20 Jahre Schulleiter des Alstergymnasiums in Henstedt-Ulzburg. Heute beginnt sein Ruhestand.

Henstedt-Ulzburg . Fast auf den Tag genau 21 Jahre hat Michael Höpner eines der drei größten Gymnasien Schleswig-Holsteins geleitet: Mit Ende des Monats Januar ist der Leiter des Hen­stedt-Ulzburger Alstergymnasiums in den Ruhestand gegangen, Ende Februar wird er 65 Jahre alt. Wie hat sich der Schulalltag in zwei Jahrzehnten verändert? Wie gut ist das Alstergymnasium? Und: Braucht Henstedt-Ulzburg eigentlich ein neues Gymnasium? Das Hamburger Abendblatt hat sich kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Schulbetrieb mit Michael Höpner, der jeden Morgen aus Bad Segeberg angereist kam, unterhalten.

Sie sind im Jahre 2000 als Schulleiter zum Alstergymnasium gekommen., nachdem sie vorher Studiendirektor in Bad Segeberg waren. Was hat Sie bewogen, diesen Schritt zu tun?

Michael Höpner: Ich war Koordinator für Schule und Wirtschaft und kannte die Gymnasien im Kreis Segeberg. Als die Stelle in Henstedt-Ulzburg frei wurde, hat mich mein Schulleiter gefragt, ob ich mich nicht bewerben wolle. Ich hatte dann zunächst ein Gespräch mit dem alten Schulleiter – und es klappte.

Was hat sich in den vergangenen 21 Jahren an der Schule verändert?

Die Schule ist unglaublich gewachsen. Als ich kam, lagen wir bei etwas über 700 Schülerinnen und Schülern, wir sind jetzt bei annähernd 1100, weiterhin mit steigender Tendenz. Das Kollegium hat sich deutlich vergrößert: Zunächst unter 50, jetzt pendeln wir zwischen 80 und 90 Kolleginnen und Kollegen. Außerdem haben wir die Schule komplett in Beschlag genommen. Der Realschulteil steht uns jetzt auch zur Verfügung, sodass wir im Hinblick auf Räume perfekt ausgestattet sind. Dazu kommen zwei große Sporthallen, die wir jetzt allein nutzen. Das ist in diesem Lande wohl einmalig.

Trotzdem wird in der Gemeinde über den Neubau eines Gymnasiums diskutiert.

Ich gehörte der Arbeitsgruppe an, die das diskutiert hat. Uns lagen Gutachten von Architekten vor, und wir waren uns komplett einig, dass neu gebaut werden sollte. Dieses Gebäude ist riesig, aber es ist in die Jahre gekommen. Es müsste unglaublich viel saniert werden, vor allem das gesamte innere Rohrleitungssystem, aber auch Decken und Wände. Diese Sanierungen wären teuer und würden zu gravierenden Einschränkungen im Schulbetrieb führen. Das wäre eine Never ending Story. Deshalb ist die Idee aufgekommen, an einem neuen Standort eine neue, topmoderne Schule zu bauen und andere kulturelle Gebäude einzubeziehen, um das Ganze zu einem großen Anlaufpunkt für die Bürger der Gemeinde zu machen.

Was sind die Stärken dieses Gymnasiums?

Im Bereich Musik sind wir mit eigenen Musikklassen, mit vier Blasorchestern und einem Kammerorchester gut aufgestellt. Im Sportbereich sind wir in Zusammenarbeit mit dem SV Henstedt-Ulzburg jedes Jahr mit ein oder zwei Mannschaft in Berlin bei Jugend trainiert für Olympia vertreten. Im Wirtschaftsbereich sind wird die einzige Schule im Lande, die am Planspiel Business@school teilnimmt. Das Angebot für die Schüler ist also riesig groß geworden.

Das Durchschnittsalter ihrer Lehrkräfte scheint im Vergleich zu anderen Schulen sehr niedrig zu sein. Woran liegt das?

Es ist für Schulen, die wachsen, natürlich deutlich leichter, junge Kollegen zu bekommen. Deshalb haben wir heute auch keine Mangelfächer an der Schule.

Wie haben sich die Anforderungen an Lehrkräfte im Laufe der Jahrzehnte verändert?

Der Umgang mit Schülern ist insgesamt sicher etwas schwieriger geworden, wofür es viele Gründe gibt. Aber wir leben hier ein bisschen wie auf einer goldenen Insel: Wir haben wirklich sehr, sehr wenig Probleme mit Schülern. Es ist immer so, dass die Welt hier noch in Ordnung ist. Das liegt an der Zusammensetzung der Bevölkerung und damit auch der Schülerschaft. Die Anforderungen an die Lehrkräfte sind deutlich größer geworden. Es hat sich viel in Methodik und Didaktik geändert, außerdem ist der gesamte Bereich der Digitalisierung hinzugekommen. Das müssen die Lehrer beherrschen.

Wie lässt es sich am Alstergymnasium arbeiten?

Ohne Übertreibung kann ich sagen, dass die Schülerinnen und Schüler wirklich sehr, sehr nett sind. Probleme, die es anderswo gibt, haben wir nicht. Dadurch hat sich mit der Elternschaft zusammen ein sehr zufriedenes Kollegium entwickelt. Wenn sich Lehrer und Schüler an einer Schule wohl fühlen, dann funktioniert es doppelt gut.

Welche Erfahrungen haben sie mit Rechtsextremismus und Antisemitismus an der Schule gemacht?

Natürlich habe ich schon mal aufgesprayte Sachen gesehen, aber das ausgesprochen selten. Hier hat eine Gruppe von Schülerinnen eine Arbeitsgemeinschaft gebildet, die mit Veranstaltungen zum Thema „Schule gegen Rassismus“ aktiv geworden ist.

Haben Sie Erfahrungen mit gewaltbereiten Schülern gemacht?

Es ist wohl klar, dass nicht immer alle Mittelstufenschüler artig sind, das ist normal, dafür sind es Kinder und Jugendliche. Aber es ist so selten, dass wir etwas mit Vandalismus zu tun haben.

Wie hat Corona den Schulalltag verändert?

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Alles, was Schule ausgemacht hat, ist über den Haufen geworfen worden. In der ersten Lockdown-Phase ist einiges schiefgelaufen, jetzt sind wir aber sehr gut aufgestellt. Wir haben 14 Server dazu gemietet. Wir haben außerdem den großen Vorteil, dass eine Gruppe von Schülern unter der Leitung eines Lehrers ein eigenes Programm entwickelt hat, was mittlerweile auch als „Digitales Klassenbuch“ vermarktet wird. Die mieten auch die Server an. Darüber sind auch alle anderen Schulen im Ort versorgt. Dadurch sind die Rückmeldungen über den Distanzunterricht von Elternseite sehr gut. Der normalen Stunden werden eins zu eins auf Distanz eingepflegt, wobei alle Kollegen mitziehen. Aber letztlich wird dabei doch festgestellt, dass Präsenzunterricht der beste Unterricht ist.

Wie wird mit den Abschlussklassen verfahren?

Die sechs Abiturklassen mit 110 Schülern haben kompletten Präsenzunterricht. Vier Klassen haben einen eigenen großen Raum; die Aula wurde umgerüstet und ist jetzt ein Klassenraum. Zwei Gruppen wurden geteilt.

Sind Sie mit der digitalen Ausstattung zufrieden?

Insgesamt ist sie gut. Alle Räume im Alstergymnasium sind mit einem Sideboard und einem Nahdistanzbeamer ausgestattet. Jeder Kollege kann sein Tablet mit dem Beamer verbinden und interaktiv damit umgehen. Etliches, was wir an der Schule haben, wurde über den digitalen Pakt finanziert. Die Gemeinde Henstedt-Ulzburg selbst hat sehr frühzeitig große Summen in die Digitalisierung gesteckt. Das Einzige, was noch fehlt, sind die Lehrergeräte für alle Lehrkräfte im Ort. Die sind noch nicht da, sie liegen aber wohl schon in Kiel bereit und müssen noch bestückt werden.

Sehen Sie die Corona-Krise als Chance, um mit der Digitalisierung an Schulen voranzukommen?

Über eine Chance möchte ich in diesem Zusammenhang nicht sprechen, die Krise hat aber aufgezeigt, wie schlecht Deutschland immer noch ausgestattet ist. Auch ohne Corona müssen wir uns aufmachen, um die Digitalisierung voranzutreiben.

Ab Montag, 1. Februar, sind Sie im Ruhestand. Haben Sie Pläne für die Zukunft gemacht?

Meine Frau ist auch in Pension gegangen – sie war ebenfalls Lehrerin. Wir wollen es jetzt erst einmal ruhig angehen lassen. Die letzte Zeit unter Corona war zu stressig, da stelle ich mich zunächst keinen neuen Aufgaben. Wir wollen jetzt zunächst mal die Zeit haben, unsere drei Kinder regelmäßig zu sehen. Sie leben in Hamburg, Salzburg und Botswana. Vielleicht fange ich auch, wie früher, wieder an zu malen. Ich denke, ich werde keine Langeweile haben.

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