Norderstedt

Kiesow fürchtet um Gesundheit der Mitarbeiter

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Annabell Behrmann
Tim Kiesow, Geschäftsführer der Autorecycling-Firma Kiesow, ist unmittelbarer Nachbar der illegal betriebenen W.A. Gieschen Containerdienst GmbH. Gieschen hat über Jahre hinweg Müll angesammelt.

Tim Kiesow, Geschäftsführer der Autorecycling-Firma Kiesow, ist unmittelbarer Nachbar der illegal betriebenen W.A. Gieschen Containerdienst GmbH. Gieschen hat über Jahre hinweg Müll angesammelt.

Foto: Annabell Behrmann Melanie Mallon / Annabell Behrmann

Norderstedter Autoverwerter grenzt direkt an das Müll-Grundstück der Firma Gieschen und wirft der Stadt und dem Land Versagen vor.

Norderstedt. Der Anblick könnte kaum gegensätzlicher sein: Auf dem Gelände des Autoverwerters Kiesow am Umspannwerk in Friedrichsgabe stehen Autowracks sorgfältig übereinander gestapelt. Die Fahrzeuge sind in Reihen angeordnet. Auf dem Nachbargrundstück herrscht hingegen das blanke Chaos. Bauschutt, Plastik, Asbestplatten und nicht zu identifizierender Müll ragen in den Himmel. Der Betreiber der W.A. Gieschen Containerdienst GmbH hat über Jahre illegal Abfall angenommen, ohne ihn abzutragen. Das Resultat: ein Ungetüm, bestehend aus 15.000 Kubikmeter Müll.

„Dort wachsen schon Bäume“, sagt Tim Kiesow und zeigt auf eine grün bewachsene Stelle des Müllbergs. Der Abfall muss bereits seit Jahren unangetastet auf dem Grundstück lagern. „Hin und wieder wehen Plastiktüten zu uns herüber“, erzählt der Geschäftsführer der Autoverwertung. Kiesow beobachtet das Geschehen auf dem Nachbargelände schon lange. Die Firma gibt es seit 1968 in Norderstedt, 2004 ist Tim Kiesow in das Familienunternehmen eingestiegen. „Wir wünschen uns einen anderen Anblick“, sagt er. Stadt und Land haben aus Kiesows Sicht im Fall Gieschen versagt. Sie hätten schon früher dieses Ausmaß verhindern müssen, anstatt sich gegenseitig die Verantwortung zuzuschieben. „Es reicht nicht, einfach nur Bußgelder zu verhängen.“

Der Müllberg wurde nicht kleiner – im Gegenteil

„Wir können aus menschlicher Sicht verstehen, dass es den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort nicht schnell genug geht. Wir müssen uns jedoch auch an die rechtlichen Vorgaben halten“, sagt Norderstedts Oberbürgermeisterin Elke Christina Roeder. Was den Fall so kompliziert macht: Die Familie Gieschen ist vor einiger Zeit verschwunden.

Die zuständige Aufsichtsbehörde, das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR), hat in den vergangenen Jahren mehrmals die Räumung angeordnet, Zwangsgelder verhängt und sogar die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Doch der Müllberg wurde nicht kleiner – im Gegenteil. Er wuchs weiter. Bis zum Verschwinden des Betreibers. Seitdem ringen die Behörden um die Verantwortlichkeit. Wer kümmert sich nun um die Entsorgung des Mülls? Oder lässt man ihn einfach liegen?

Weder Stadt noch Land können ohne Weiteres mit dem Bagger am Umspannwerk anrücken und das Grundstück freischaufeln lassen. Sie dürfen es nicht einmal betreten. Denn Privateigentümer ist nach wie vor die Familie Gieschen.

„Die entscheidende Frage ist, wann der Steuerzahler für illegales Handeln Einzelner zur Kasse gebeten wird“, sagt Martin Schmidt, Sprecher des LLUR. Eine Räumung würde schätzungsweise eine Million Euro Steuergeld verschlingen. Ohne triftigen Grund rührt das Land diese nicht an. Erst wenn eine Umweltgefährdung vorliege, würde das Umweltministerium eingreifen. „Dies ist hier nach dem Grundwasser-Gutachten zu verneinen“, so Schmidt.

Nachdem sich Oberbürgermeisterin Roeder vor einem Jahr mit Tobias Goldschmidt, Staatssekretär des Umweltministeriums, am illegal betriebenen Abfalllager getroffen hatte, hat das LLUR einen Gutachter beauftragt. Anhand seiner Messungen konnte er keine unmittelbare Gefährdung des Grundwassers feststellen. Das bedeutet in der Konsequenz: Der Müll bleibt vorerst, wo er ist.

Der Gutachter empfiehlt die Räumung

„Das Land beruft sich nur auf das Grundwasser, vernachlässigt dabei aber die oberirdische Gefahr“, bemängelt Tim Kiesow. In der Tat: In dem Gutachten ist die Rede von Fasern, die verwehen und die Gesundheit der Menschen in unmittelbarer Nähe – sprich Kiesows Mitarbeiter – gefährden können. Der Gutachter empfiehlt aus diesem Grund die Räumung. Das Umweltministerium kommt dieser Empfehlung bisher nicht nach.

„Noch haben meine Mitarbeiter keine akuten gesundheitlichen Probleme. Aber auf dem Grundstück lagert Asbest, und die Auswirkungen merkt man nicht heute oder morgen, sondern erst in zehn Jahren“, sagt Kiesow. Das Land betont, bei dem „unübersichtlichen Haufwerk“ liege es ein Stück weit „in der Natur der Sache“, dass es zu Verwehungen komme. Trotzdem prüfe man, ob sich der mit Fasern versetzte Müll entfernen oder abdecken lasse. Tim Kiesow könnte sich vorstellen, das angrenzende Grundstück von Gieschen zu kaufen. „Allerdings nur, wenn der Müll vorher weggeräumt wird. Ich kaufe kein Grundstück im Wert von 100.000 Euro und zahle die Entsorgungskosten von einer Million Euro.“

Auch der Ortsgruppe Norderstedt des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) ist der Müllberg ein Dorn im Auge. In einer Presseerklärung spricht der Verein von einer „Bankrotterklärung grüner Umweltpolitik“. Tobias Goldschmidt hat nach dem jüngsten Gespräch mit Norderstedts Verwaltungschefin verkündet, ein regelmäßiges Grundwassermonitoring zu veranlassen, um die Auswirkungen auf die Umwelt weiter zu beobachten. Für den BUND heißt das übersetzt so viel wie: „Er will abwarten, bis die Giftstoffe durch die Niederschläge aus dem Müllberg ausgewaschen und mit dem Sickerwasser in das Grundwasser eingedrungen sind.“ Jedermann wisse, dass der Brunnen abgedeckt werden müsse, bevor das Kind hineingefallen sei, so der BUND.

Bereits im Juni des Jahres 2017 ordnete das LLUR die vollständige Räumung und Stilllegung des Betriebs an. Um diese durchzusetzen, verhängte das Land Zwangsgelder. Erfolglos – Gieschen reagierte nicht. Der Müll rottete weiter vor sich hin. Die Mitglieder des BUND Norderstedt kritisieren, dass anschließend dann keine weiteren Maßnahmen mehr erfolgt seien. Die Räumung hätte als Ersatzvornahme von der Behörde durchgeführt werden müssen.

Staatsanwaltschaft Kiel ermittelt gegen Gieschen

Das LLUR ist da anderer Meinung. Es gebe keine generelle Verpflichtung, das Mittel der Ersatzvornahme zu ergreifen. „Vielmehr liegt die Wahl der Zwangsmittel im Ermessen der Behörde“, sagt deren Sprecher Martin Schmidt.

Die Staatsanwaltschaft Kiel ermittelt gegen die Familie Gieschen wegen des unerlaubten Umgangs mit Abfällen. Dem Verursacher droht im schlimmsten Fall eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren. Um eine mögliche Schuld oder Unschuld festzustellen, hat die Staatsanwaltschaft ihren eigenen Gutachter auf das Gelände geschickt. Öffentlich konnte Oberstaatsanwalt Henning Hadeler aber noch nichts zu den Ergebnissen sagen.

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