Pandemie

So leiden Demenzkranke unter der Corona-Krise

| Lesedauer: 8 Minuten
Annabell Behrmann und Jörg Riefenstahl
Corona-Ausbruch in der gerontopsychiatrischen Pflegeeinrichtung „Haus Ilse“ in Norderstedt: Der Kreis Segeberg meldet 88 infizierte Bewohner und Mitarbeiter.

Corona-Ausbruch in der gerontopsychiatrischen Pflegeeinrichtung „Haus Ilse“ in Norderstedt: Der Kreis Segeberg meldet 88 infizierte Bewohner und Mitarbeiter.

Foto: Christopher Herbst

In der geschlossenen Pflegeeinrichtung "Haus Ilse" erkrankten 59 Bewohner an Covid-19, sieben davon starben.

Norderstedt. Beinahe täglich vermeldet der Kreis Segeberg neue Todesfälle in der Norderstedter Pflegeeinrichtung "Haus Ilse". Sieben Menschen im Alter zwischen 60 und 92 Jahren sind bisher infolge einer Covid-19-Infektion verstorben.

Anfang des Jahres ist es in der geschlossenen gerontopsychiatrischen Einrichtung zu einem der größten Corona-Ausbrüche in Norddeutschland gekommen: 88 Menschen sind positiv getestet worden - 59 Bewohnerinnen und Bewohner sowie 29 Mitarbeitende. 15 Heimbewohner haben noch Symptome, bei den restlichen ist der allgemeine Gesundheitszustand gut.

"Dies ist allerdings nur eine Momentaufnahme, die sich tagesaktuell, manchmal stundenweise, ändert", sagt Kreissprecherin Sabrina Müller. Im "Haus Ilse" leben hauptsächlich Menschen mit Demenz, aber auch psychischen Störungen, Depressionen oder Suchterkrankungen.

Wie schwer die Situation für die Heimbewohner und das zu einem Drittel erkrankte Personal sein muss, können Außenstehende nur mutmaßen. Das Pflegeheim wollte sich gegenüber dem Abendblatt bisher nicht zur aktuellen Lage äußern. Doch so viel steht fest: Gerade Demenzkranke leiden besonders unter der Corona-Krise.

Für Demente ist es schwer, die Dimension der Pandemie zu begreifen

Seit Monaten haben sie ihre Angehörigen nicht mehr ohne Masken gesehen, sie nicht mehr berührt, weil eine Plexiglasscheibe sie voneinander trennt. Manche Menschen mit Demenz fragen sich inzwischen, wer die Fremden sind, die vor ihnen im Besucherraum des Pflegeheims sitzen. Sie erkennen ihre Tochter, ihren Ehemann oder ihr Enkelkind nicht mehr. Besuche in den Einrichtungen sind limitiert - doch die Krankheit schreitet grenzenlos voran.

Für demente Menschen ist es besonders schwer, die Dimension der Pandemie zu begreifen. Die für sie so wichtigen Rituale geraten ins Wanken, das verunsichert sie. "Menschen mit Demenz tun sich schwer mit Veränderungen. Das kann dazu führen, dass sie unruhig, nervös und abweisend werden", erklärt Ulrich Mildenberger, Leiter des Pflegestützpunktes im Kreis Segeberg sowie Vorsitzender der Alzheimer Gesellschaft Norderstedt-Segeberg. Angehörige berichten Mildenberger täglich von ihren Erfahrungen im Corona-Alltag mit Demenzkranken, bitten um Rat. "Wir empfehlen, die Situation mit einfachen, kurzen Worten zu erklären. Man muss nicht zwingend den Begriff Corona verwenden, sondern kann von Viren, die im Umlauf sind, sprechen." Das sei weniger angsteinflößend und verständlicher.

Corona stellt Alten- und Pflegeheime vor große Herausforderungen

Die Demenz ist sehr unterschiedlich weit bei Erkrankten vorangeschritten. Einige kämen gut mit den nun gängigen Hygienemaßnahmen zurecht, erzählt Mildenberger. "Andere weigern sich beharrlich, Masken zu tragen." Das kann zu unangenehmen Situationen beispielsweise beim Supermarkteinkauf führen, wenn andere Menschen Demente und ihre Betreuungsperson auf die Maskenpflicht hinweisen. Für solche Fälle hat die Alzheimer Gesellschaft Norderstedt-Segeberg kleine Kärtchen mit Erklärungen und der Telefonnummer des Vereins anfertigen lassen, die Angehörige notfalls verteilen können.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Corona stellt insbesondere Alten- und Pflegeheime vor große Herausforderungen. Demente Heimbewohner zu isolieren, ist kaum möglich. "Sie brauchen andere Menschen. Sie sind wichtig für das Zusammengehörigkeitsgefühl. Menschen mit Demenz in ihren Zimmern zu isolieren, wäre eine Katastrophe", sagt Ulrich Mildenberger. Aus diesem Grund bleiben Demente meist in ihren Gruppen zusammen und behalten den Kontakt zueinander. "Einerseits ist das schön, andererseits birgt das Gefahren", sagt Mildenberger. Durch die Nähe der älteren Menschen kann sich das Coronavirus besonders gut unter ihnen ausbreiten. Auf diese Weise könnte es auch im "Haus Ilse" in Norderstedt zu dem großen Ausbruch gekommen sein.

Corona funktioniert wie ein Brennglas

"Was die Pflegeinrichtungen durchmachen, ist unglaublich. Sie brauchen Mitgefühl und Unterstützung", sagt der Leiter des Pflegestützpunktes. Mildenberger ärgert sich über Menschen, die derzeit wegen der Kontaktbeschränkungen jammern oder weil sie nicht in den Urlaub fahren können. "Wirklich harte Einschränkungen erleben die Menschen in den Pflegeheimen, das zerreißt einem das Herz. Zumal sich diese Menschen auf ihrem letzten Lebensweg befinden."

Und diesen letzten Weg müssen Demente in Heimen ohne die Gesichter und Nähe ihrer Liebsten beschreiten. Die Einrichtungen müssen den schwierigen Spagat meistern, ihre Bewohner nicht vereinsamen zu lassen, sie gleichzeitig aber zu schützen. "Demenzkranke verzweifeln, weil ihre Angehörigen sie nicht mehr so oft besuchen kommen. Sie brauchen immer länger, um sie zu erkennen. Die Situation ist tragisch", sagt Mildenberger.

Wer glaubt, demente Menschen bekommen die veränderte Corona-Lage um sich herum gar nicht so sehr mit, der irrt. "Ihnen fällt auf, wenn ein Bewohner nicht mehr da ist, auch wenn sie vielleicht nicht genau wissen, wer fehlt. Sie nehmen wahr, dass sich Dinge verändern. Mehr Hektik kann sie genauso verunsichern wie mehr Vorsicht", erklärt Ulrich Mildenberger.

Aus Sicht des Vorsitzenden der Alzheimer Gesellschaft Norderstedt-Segeberg funktioniert Corona wie ein Brennglas und legt strukturelle Schwächen nun offen. Nicht nur der Personalmangel sei problematisch. "Stationäre Pflegeinrichtungen sind nicht Teil des Gemeinwesens. Ihre Probleme werden zu wenig wahrgenommen", so Mildenberger.

Besucher sind derzeit nicht zugelassen

Das "Haus Ilse" steht unter Quarantäne. Besucher sind derzeit nicht zugelassen. Generell gilt seit Anfang der Woche in allen Senioreneinrichtungen der Stadt die Pflicht zum Covid-Schnelltest. Doch bei der Umsetzung gibt es Probleme. "Das Personal dafür ist einfach nicht vorhanden", sagt Gunnar Löwe, Leiter des Altenheims Scheel in Norderstedt. "Im Grunde müsste immer jemand da sein, der sich im Haus um die Tests kümmert. Aber wir können dafür niemanden aus dem Pflegedienst herauslösen."

Corona: Diese Testverfahren gibt es

  • PCR-Test: Weist das Virus direkt nach, muss im Labor bearbeitet werden – hat die höchste Genauigkeit aller Testmethoden, ist aber auch die aufwendigste
  • PCR-Schnelltest: Vereinfachtes Verfahren, das ohne Labor auskommt – gilt als weniger zuverlässig als das Laborverfahren
  • Antigen-Test: weniger genau als PCR-(Schnell)Tests, dafür zumeist schneller und günstiger. Laut RKI muss ein positives Testergebnis durch einen PCR-Test überprüft werden, ein negatives Ergebnis schließt eine Infektion nicht aus, insbesondere, wenn die Viruskonzentration noch gering ist.
  • Antigen-Selbsttest: Die einfachste Test-Variante zum Nachweis einer Infektion mit dem Coronavirus. Wird nicht von geschultem Personal, sondern vom Getesteten selbst angewandt. Gilt als vergleichsweise ungenau.
  • Antikörper-Test: Weist keine akute, sondern eine überstandene Infektion nach – kann erst mehrere Wochen nach einer Erkrankung sinnvoll angewandt werden
  • Insgesamt stellt ein negatives Testergebnis immer eine Momentaufnahme dar und trifft keine Aussagen über die Zukunft

Testmaterial sei in ausreichenden Mengen vorhanden, die Kosten dafür würden erstattet. Auch die Kosten für das Testpersonal würden übernommen - wenn es denn welches gäbe. Da weder von der Pflegekammer noch vom Arbeitsamt personelle Unterstützung komme, hat der Heimleiter zur Selbsthilfe gegriffen. "Wir haben das große Glück, dass wir vier Ehrenamtliche gefunden haben, die uns bei den Tests sehr helfen. Auch wenn wir die Tests damit immer noch nicht im erforderlichen Maße anbieten können." Zurzeit haben seine Mitarbeiter mit den Impfvorbereitungen alle Hände voll zu tun. "Deshalb bitten wir Angehörige unserer Bewohner, von Besuchen bis auf Weiteres möglichst abzusehen."

Im Haus Steertpogg in Norderstedt werden Bewohnerinnen und Bewohner zweimal pro Woche und die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sogar täglich getestet. "Die Tests sind freiwillig. Ich bin sehr froh, dass sie sowohl von unseren Mitarbeitern als auch von den meisten Bewohnern sehr gut angenommen werden", sagt Kirsten Krause, Heimleiterin im Haus Steertpogg. Jeder, der das Haus betritt, muss sich einem Schnelltest unterziehen - egal, ob Handwerker oder Besucher, betont die Heimleiterin. Dafür wurde ein Testraum entsprechend hergerichtet.

Ein Test dauert etwa 15 bis 20 Minuten

Ein Test dauert etwa 15 bis 20 Minuten. Ist das Ergebnis negativ, steht einem Besuch des Angehörigen oder Freundes in einem der beiden Besucherzimmer des Hauses in der Regel nichts entgegen. "Bewohner, die nicht mobil sind, können auch direkt auf ihrem Zimmer besucht werden", ergänzt Kirsten Krause und betont: "Niemand stirbt bei uns allein!"

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Ein Problem sei es, dass Angehörige mit Vorsorgevollmacht - und damit als Betreuer - Heimbewohner zu sich mit nach Hause nehmen und die Bewohner anschließend nach ihrer Rückkehr ins Heim nicht testen lassen. "Da der Schnelltest für die Bewohner freiwillig ist, können wir nichts dagegen tun. Uns sind die Hände gebunden. Wir können die Bewohner nicht fünf Tage lang isolieren und in Quarantäne schicken", sagt die Heimleiterin.

Im Verhalten der Betreuerinnen und Betreuer, die ihre Angehörigen aus unerfindlichen Gründen nicht testen lassen wollen, sieht Kirsten Krause nicht nur eine Nachlässigkeit, sondern eine Gefahr für ihre gesamte Pflegeeinrichtung. "Wie sollen wir unsere Bewohner wirksam schützen? Es ist bleibt eine Herausforderung."

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