50 Jahre Norderstedt

Markus Pitann ist der Norderstedter Glücksbringer

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Miriam Opresnik
Schornsteinfegermeister Markus Pitann (47) besucht etwa 2500 Norderstedter im Jahr.

Schornsteinfegermeister Markus Pitann (47) besucht etwa 2500 Norderstedter im Jahr.

Foto: Thorsten Ahlf

Der Schornsteinfegermeister steigt Norderstedtern nicht nur aufs Dach – er ist auch ein wichtiger Gesprächspartner.

Norderstedt.  Wenn er in Norderstedt an einer Haustür klingelt, weiß er meistens schon vorher, wer öffnet. Und damit meint er nicht den Namen, der steht eh auf seinen Unterlagen. Er erinnert sich an den jeweiligen Bewohner, noch bevor er ihm die Tür aufmacht. Die alte Dame, die mit ihm immer noch einen Kaffee trinken will, weil sie sonst niemanden zum Reden hat. Der junge Mann, der immer in Jogginghosen öffnet. Der nette Herr mit dem Hund, der immer kläfft – der Hund natürlich, nicht der Herr.

Manchmal hat Markus Pitann das Gefühl, es gibt kaum ein Haus in seinem Revier/Gebiet, in dem er noch nicht war. Auch wenn das natürlich übertrieben ist. Es ist höchstens, mal überlegen, so etwa die Hälfte. Schätzt er und fängt an zu rechnen: Etwa zwei Kunden pro Stunde mal acht sind zehn bis 15 täglich – je nachdem, wie weit er zwischen den Terminen fahren muss. Das Ganze dann mal 48 Wochen – als Selbstständiger mache er schließlich nicht so viel Urlaub. Macht etwa 2500 pro Jahr! Und in vielen davon war er in den vergangenen Jahren sogar mehrmals. Seit 2014 ist er in Norderstedt im Einsatz, in Norderstedt 4, um genau zu sein.

Offiziell ist Markus Pitann Schornsteinfegermeister. Doch für die meisten seiner Kunden ist er mehr als ein Kaminkehrer. Für sie ist er ein Glücksbringer. Das hört der 47-Jährige zumindest immer wieder, wenn er auf seiner Route zwischen Ohechaussee, Friedrichsgaber Weg und Flughafen unterwegs ist. Fast alle lächeln ihn an, viele wollen an seinen Knöpfen reiben. Weil das angeblich Glück bringen soll. „Früher musste ich die Dinger ständig annähen, weil sie vom vielen Drehen und Reiben permanent locker waren“, sagt Pitann und lacht bei der Erinnerung. Lang ist’s her. Heute hat er Druckknöpfe an seinem Kehranzug. Seine Kunden stört das nicht. Sie erhoffen sich von den glänzenden Verschlüssen trotzdem Glück.

Als kleines Kind hatte Markus Pitann Angst vor Dreck

Ein Mythos, natürlich. Könnte man denken! Doch tatsächlich hört Pitann immer wieder von seinen Kunden, dass er ihnen Glück gebracht hat. Dass nach seinem Besuch Arzttermine oder Prüfungen gut ausgegangen seien. Den Schornsteinfeger freut’s. So richtig glauben kann er es selbst aber nicht.

Für jemanden, der als kleines Kind Angst vor Dreck hatte und jedes Mal geweint hat, wenn er schmutzig war, hat der gebürtige Lübecker einen ungewöhnlichen Berufsweg eingeschlagen. „War vielleicht eine Art Therapie“, sagt er und lacht. Dabei schien sein Werdegang vorgezeichnet zu sein – als Sohn eines Tischlers. Doch so richtig habe er sich mit Holz und der Arbeit in der Werkstatt nie anfreunden können. Er sei lieber draußen gewesen, in den Bäumen herumgeklettert und habe von oben auf alles heruntergeschaut.

„Irgendwie bin ich dann so auf den Beruf Schornsteinfeger gekommen“, erinnert sich Pitann und erzählt, wie er während eines Praktikums zum ersten Mal auf die Dächer klettern durfte – und wie fasziniert er davon war. So sehr, dass es nach der Schule nur eine Option für ihn gab: Schornsteinfeger zu werden. Auch, wenn er am Anfang ganz schön schüchtern gewesen sei und erst lernen musste, auf die Menschen zuzugehen.

Pitann ist immer für Schnack mit den Kunden zu haben

Heute hat Pitann keine Probleme mehr damit. Heute gehört ein Schnack mit den Kunden für ihn genauso zur Arbeit wie das Reinigen und die Kontrolle von Abgasanlagen, Feuerstätten und Rauchableitungen. Für einige seiner Kunden sei die kleine Unterhaltung im Moment sogar noch wichtiger als seine eigentliche Arbeit. „Während des Lockdowns gab es immer wieder ältere Menschen, die seit Tagen mit niemandem mehr geredet hatten“, sagt Pitann. Für jemanden wie ihn, für den Reden zum Alltag, zum Leben gehört, nahezu unvorstellbar.

Er hat sich verändert – der Job auch. „Früher, als noch in jedem Zimmer ein Ofen stand, gehörte das Kamin-Kehren zu den Hauptaufgaben eines Schornsteinfegers“, sagt Pitann. Heute werde der Kamin nur noch zum Spaß angemacht – und das Kehren immer weniger. Der Job ist sauberer geworden – auch wenn der Norderstedter heute kein Problem mehr mit Schmutz hat – ihn freut es. Wegen der Umwelt! „Seit auf Feinstaubnormen und Umweltschutz geachtet wird, ist der Job noch mal spannender geworden“, findet der Schornsteinfeger, der 2008 seine Meisterprüfung machte und schließlich ein eigenes Unternehmen gründete. Sein eigenes Ding machte, wie er es nennt.

Es war die richtige Entscheidung, findet er auch heute noch. Mit einer Einschränkung – „zu Weihnachten bekommen die Gesellen immer viel mehr Schokolade von den Leuten zugesteckt als die Meister“, sagt er und lacht. Ist nur ein Spruch, natürlich, so ist er eben. Ein bisschen Spaß muss sein. Dafür ist er immer zu haben. Also noch einen: „Wenn wir die ganze Schokolade essen würden, blieben wir glatt im Kamin stecken.“

Bei der Arbeit ist er schon ein paarmal „abgestürzt“

Berufsrisiko sozusagen. Apropos Risiko: Schon ein paarmal ist er beim Job „abgestürzt“, wie er es nennt. Kann passieren, gehört bei dem Job dazu. Auch wenn es lange her ist, noch in der Lehre war. Vergessen hat Pitann das bis heute nicht. Nicht nur, weil er sich dabei den Arm gebrochen hat. Sondern weil man ihm im Krankenhaus den nagelneuen Kehranzug zerschnitten hat. „Das war in dem Moment noch schlimmer als der kaputte Knochen.“ Es war sein erster Arbeitsunfall, aber nicht der einzige.

Einer davon ist ihm besonders in Erinnerung geblieben: die Sache mit der Ente. Ja, einer richtigen, lebendigen Ente. Die hatte sich im Kamin eines Kunden verfangen und sollte von ihm befreit werden. Alles verlief nach Plan – „bis das Vieh mir plötzlich in die Hand beißt und danach wie verrückt durchs Zimmer fliegt“, erinnert sich der Tierretter. Das Problem: „Die Möbel im Wohnzimmer waren weiß, die Ente rußverschmiert – und danach alles voller Dreck.“ Wenn er Geschichten wie diese erzählt, wundert er sich immer, warum die Branche Nachwuchssorgen hat. Warum sich die Jugendlichen nicht mehr dafür interessieren, alle nur noch „Influencer“ werden wollen. An Pitann kann es nicht liegen. Er hat selbst vier Söhne. Einer davon ist ebenfalls Schornsteinfeger.

Pitann mag es extrem. Höher, schneller, weiter. Er sucht permanent nach Herausforderungen. Nicht im Job, da ist er inzwischen ruhiger geworden, hat mehr Respekt vor der Höhe und dem Risiko als früher. Aber privat! Da kennt er keine Grenzen: Er springt Fallschirm, fährt Motorcross, geht Kiten, Tauchen und Wakeboarden. Aber nicht im Stadtpark, das wäre ihm dann doch zu peinlich, wenn er mal im Wasser landet. „Das mache ich lieber dort, wo mich niemand kennt“, sagt er und hat gleich noch einen Tipp für Einsteiger parat: Am besten bei Regen trainieren. Dann gucken nicht so viele Leute zu.

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