Prozess

Mutmaßlicher Brandstifter spricht von Komplott

Foto: Arne Dedert / dpa

Afghanische Belastungszeugen gehören rivalisierender Gruppe an – Gutachter: Der Angeklagte ist voll schuldfähig.

Högersdorf/Kiel.  Wie zuverlässig sind im Prozess um das abgebrannte Flüchtlingsheim in Högersdorf die Aussagen ehemaliger Mitbewohner, die den mutmaßlichen Brandstifter belasten? Der Angeklagte (22) spricht von einem Komplott seiner afghanischen Landsleute, die einer rivalisierenden Volksgruppe angehörten. Dies folgt aus einem psychiatrischen Gutachten, das jetzt im Kieler Landgericht erörtert wurde.

Wie berichtet, will ein Mitbewohner in der Brandnacht zum 24. April vom Angeklagten daran gehindert worden sein, die Flammen im Wohnzimmer der Männer-WG mit einem Feuerlöscher zu bekämpfen. Alle fünf Bewohner des Obergeschosses verloren damals ihr Hab und Gut. Drei kamen mit Verdacht auf Rauchgasvergiftung in eine Klinik, darunter der Angeklagte.

„Wir schieben ihm das in die Schuhe!“ Diese Aussage will der angeklagte Paschtune damals von seinen älteren Mitbewohnern gehört haben, die der afghanischen Minderheit der Hasare angehören. Beide ethnische Gruppen gehören dem Islam an, rivalisieren aber auch in Glaubensfragen: Laut Strafverteidiger Carsten Kerschies ist der Angeklagte Sunnite, die Zeugen Schiiten.

Aus Sicht der Anklage könnten solche Gegensätze den mutmaßlichen Brandstifter befeuert haben, dem Dauerstreit mit seinen Landsleuten durch Zerstörung der Wohnung ein Ende zu setzen. Dabei hatte sich der zum Grübeln neigende Einzelgänger nach Aktenlage früher noch ausdrücklich eine gemeinsame Unterkunft gewünscht.

Strebte er nun ein eigenständigeres Leben in einer Zweierbeziehung an? Im Sommer des vergangenen Jahres lernte der Afghane eine junge Glaubensschwester kennen. Das Liebespaar traf sich, telefonierte und chattete regelmäßig, verbrachte sogar eine Nacht gemeinsam im Hotel. Die 18-jährige Zeugin bestätigte ihr Verlöbnis. Leider lehne ihr Vater den Angeklagten ab, weil dieser keine Ausbildung habe. Doch die junge Frau mit Kopftuch hält offenbar zu dem 22-Jährigen, glaubt an seine Unschuld. In der Brandnacht, berichtet sie über Dolmetscherin, habe ihr Freund angerufen: Er sei vom Feueralarm aus dem Halbschlaf gerissen worden und barfuß ins Freie gerannt. Wie zum Beweis habe er ihr per Videochat seine bloßen Füße gezeigt. Und ihre Besorgnis um seine Gesundheit mit der Aussage beruhigt, es gehe ihm gut.

Der Sachverständige vermutet eine Belastungsstörung

Die 18-jährige Zeugin bestätigt allerdings auch Aussagen, wonach ihr Verlobter schnell genervt und sauer reagiere, vor allem wenn er beleidigt werde. „Bei mir war er immer ruhig“, betont sie. „Ich glaube, er hat einen guten Charakter.“ Allerdings sei er oft vergesslich und nehme Tabletten wegen „Nervenproblemen“.

Das Seelenleben des Angeklagten und seine bewegte Vergangenheit versuchte der psychiatrische Sachverständige Wolf-Rüdiger Jonas zu ergründen. Er äußerte den Verdacht einer Posttraumatischen Belastungsstörung, die Folge existenziell bedrohlicher Ereignisse sein könne.

Nach eigenen Angaben litt der 22-Jährige in seiner Heimat extrem unter der Schreckensherrschaft seines Vaters, eines führenden Geheimpolizisten. Von außen habe es Bombenanschläge auf die Familie gegeben. Wegen Drohungen von Terroristen, ihn und die Schwester zu entführen, habe er in einer Art Sicherheitsarrest im Elternhaus leben müssen.

Doch auch im Inneren des vermeintlichen Schutzraums dominierte demnach brutale Gewalt: Der übermächtige Vater habe die Mutter blutig geprügelt bis zur Ohnmacht, so der Angeklagte. Bis heute träume er davon. Als das Gespräch auf die Mutter kommt, bricht er in Tränen aus.

Der Sachverständige sieht beim Angeklagten eine Persönlichkeitsstörung mit depressiven Anklängen, die trotz mehrerer Behandlungsversuche und eines längeren stationären Aufenthalts seit 2018 im juristischen Sinn keinen Krankheitswert hat. Fazit: Der 22-Jährige war zur Tatzeit voll schuldfähig.