Norderstedt

Corona: Keiner darf die Unterkunft verlassen

Die Flüchtlingsunterkunft auf dem ehemaligen Grace-Gelände an der Oadby-and-Wigston-Straße wurde nach Bekanntwerden der Corona-Fälle eingezäunt.

Die Flüchtlingsunterkunft auf dem ehemaligen Grace-Gelände an der Oadby-and-Wigston-Straße wurde nach Bekanntwerden der Corona-Fälle eingezäunt.

Foto: Christopher Herbst

Derzeit gibt es 17 bestätigte Covid-19-Fälle im Norderstedter Flüchtlingsheim im ehemaligen Grace-Gebäude.

Norderstedt.  Der Hausmeister kommt in voller Schutzmontur aus dem Gebäude, ein Mitarbeiter der Entwicklungsgesellschaft Norderstedt (EgNo) schleppt gemeinsam mit ihm stapelweise Toilettenpapier in das Gebäude, dazu sind Medikamente geliefert worden, das Gesundheitsamt des Kreises ist vor Ort, am Fenster sitzt derweil eine Frau und beobachtet die Szenerie. „Angespannt“ sei die Situation, heißt es, erstmals hat es, wie berichtet, in einer Norderstedter Flüchtlingsunterkunft einen größeren Covid-19-Ausbruch gegeben.

Es handelt sich um die Einrichtung „Oadby-and-Wigston Nord“. Es ist, anders, als zunächst berichtet, nicht jene nahe der Kreuzung zur Rathausallee, sondern die im ehemaligen Grace-Verwaltungsgebäude kurz vor der Einmündung zur Ulzburger Straße. Norderstedt betreibt die dreistöckige Immobilie seit Ende 2015. Derzeit gibt es 17 bestätigte Fälle, eine weitere infizierte Person ist am Freitag hinzugekommen. Alle Bewohner wurden erneut getestet, die Ergebnisse werden für Montag erwartet. Zwei Bewohner werden in einer Klinik behandelt, aber nicht intensivmedizinisch.

Keiner der Bewohner darf das Grundstück verlassen

Der Alltag für die momentan 98 Bewohnerinnen und Bewohner hat sich komplett verändert. Niemand darf das Grundstück verlassen, das Areal ist mit einem Bauzaun abgesperrt, es gibt lediglich einen Korridor zum Haupteingang, der offen ist. „Es ist, um den Bewohnern zu zeigen: Da ist die Grenze“, sagt Bernd-Olaf Struppek, Sprecher der Stadt. Das klingt dramatischer, als es gemeint ist, denn die Rasenfläche vor dem Gebäude ist keine Sperrzone. Und Kinder, die nicht positiv getestet worden sind, dürfen den Spielplatz auf der Rückseite unter Einhaltung der gängigen Hygienerichtlinien nutzen.

In der Unterkunft gibt es 18 separate Wohneinheiten. Laut dem Kreis Segeberg hat jede Familie/Wohngruppe einen eigenen Eingang und eine eigenständige Wohnung mit Küche und Bad. Das macht die Isolierung von infizierten Bewohnern einfacher. Covid-19-Infizierte sowie alle Angehörigen dieses Hausstandes dürfen die Wohneinheit nicht mehr verlassen. „Die übrigen unter Quarantäne stehenden, nicht positiv getesteten Personen dürfen einzeln beziehungsweise als Familie zeitversetzt vor die Tür gehen, um beispielsweise frische Luft zu schnappen oder zu rauchen“, sagt Sabrina Müller, Sprecherin des Kreises Segeberg. Ein Sicherheitsdienst ist bislang nicht nötig, um die Quarantäne zu kontrollieren.

Mitarbeiter der Stadt und des DRK gehen einkaufen

Die meisten Menschen stammen aus Afghanistan, in den Wohneinheiten leben viele Familien, aber auch ältere Personen. Die soziale Gemeinschaft in dem Haus ist dem Vernehmen nach harmonisch. Soweit man es wisse, gingen die Bewohnerinnen und Bewohner „sehr diszipliniert“ mit der Situation um, sagt die Stadt. Und, so Struppek: „Die Versorgung ist sichergestellt.“ Lebensmittel wurden schon am Donnerstag geliefert, am Freitag dann ein zweites Mal. Weil die Bewohner eben nicht einkaufen gehen können, schreiben sie Bestelllisten für all das, was man so täglich braucht. Die Zettel werden eingesammelt, dann kümmern sich Mitarbeiter der Stadt, der EgNo und des Deutschen Roten Kreuzes um die Besorgungen.

Eine Hilfsaktion in dieser Größenordnung hat es bislang, was eine Unterkunft für Geflüchtete und Asylsuchende betrifft, in Norderstedt noch nicht gegeben. Vereinzelt sind zwar Infektionen aufgetreten, etwa in der Unterkunft Fadens Tannen. Da genügte es aber, die betroffene Person für den Zeitraum der Erkrankung auszuquartieren und in einer Wohnung zu isolieren. Die Notfallpläne lagen aber bereit, und grundsätzlich wissen auch die Bewohner, was zu tun ist, sagt Stadtsprecher Fabian Schindler. „Weil wir Corona ja schon länger haben, sind die Bewohnenden immer in mehreren Sprachen informiert worden.“ Auch der Kreis und das Land wüssten, was zu tun sei.

In der Einrichtung leben 54 Kita-Kinder und Schüler

Weitere Schritte würde man sich überlegen, wenn der Corona-Ausbruch länger dauern wird. Da geht es insbesondere um die Kinder. Inwieweit eine Heimbetreuung notwendig ist, steht aber noch nicht fest. In der Einrichtung leben 54 Kita-Kinder sowie Schülerinnen und Schüler. Ein positiv getestetes Kind besucht eine Schule in Norderstedt. „Die Kontakte wurden/werden ermittelt. Jede und jeder, der/die betroffen ist, wurde oder wird zeitnah vom Infektionsschutz benachrichtigt“, teilt der Kreis mit.

Ilka Bandelow, Vorsitzende des Willkommen-Teams, bedauert, dass sie kaum Auskunft darüber geben kann, wie es den Menschen in der Unterkunft derzeit geht. Die Beziehung zwischen dem Willkommen-Team und den Geflüchteten leidet unter der Corona-Krise. Die ehrenamtlichen Helfer, die sich normalerweise um die Integration der Bewohner bemühen, können die Flüchtlingseinrichtungen der Stadt schon länger nicht betreten, nicht erst seit dem Corona-Ausbruch. Sie müssen telefonisch Kontakt halten. „Uns sind die Hände gebunden. Unter den ehrenamtlichen Helfern sind viele Ältere, die wir schützen müssen“, sagt Bandelow. Dennoch kennt sie die Menschen dort gut genug, um zu wissen, dass sie sehr angespannt sind in der jetzigen Situation. „Sie haben genauso Bedenken und Ängste wie wir.“