Kreis Segeberg

Protest gegen Schließung der Borsteler Klinik

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Frank Schulze
Kundgebung mit Abstand und Maske: 100 Beschäftigte setzten sich am Donnerstag für den Erhalt der Medizinischen Klinik Borstel ein.

Kundgebung mit Abstand und Maske: 100 Beschäftigte setzten sich am Donnerstag für den Erhalt der Medizinischen Klinik Borstel ein.

Foto: FZB / fzb

Beschäftigte der Klinik des Forschungszentrums haben am Donnerstag für den Erhalt der Einrichtung demonstriert.

Borstel.  100 Beschäftigte des Forschungszentrums Borstel (FZB) und der dazugehörigen Klinik haben sich am Donnerstag versammelt, um ein Zeichen für den Erhalt der Klinik zu setzen. „Wir sind Borstel – gemeinsam !“ heißt der Slogan, es wurden zudem Transparente von den Fenstern des Herrenhauses in Borstel herausgehängt, die besagen: „Exzellenz mit Relevanz heißt: Forschung mit Klinik! “ An der Kundgebung nahmen auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Gero Storjohann und der Sülfelder Bürgermeister Karl-Heinz Wegner teil.

Hintergrund: Die Medizinische Klinik Borstel ist, wie viele kleine Kliniken im ländlichen Raum, nur sehr schwer wirtschaftlich zu betreiben. Zur Debatte stehen eine Verschlankung der Klinik oder ein Standortwechsel. Damit ginge dann auch der Verlust von rund 250 Arbeitsplätzen einher. Entschieden werden soll über die Zukunft der Klinik am 20. November per Beschluss des Aufsichtsgremiums (Kuratorium) des FZB. Dort sitzen unter anderem Vertreter der Gesundheitsministerien von Bund und Land, des Landesbildungsministeriums und Landrat Jan Peter Schröder.

Corona-Testzentrum für den Kreis Segeberg

„Die Beschäftigten setzen daher heute ein Zeichen für den Erhalt der Klinik, einer Lungenfachklinik mit hohem Ansehen in den Bereichen Tuberkulose, Asthma und Allergie“, heißt es in einer Pressemitteilung des Betriebsrates.

Erst vor Kurzem wurde die Klinik offiziell zum Corona-Testzentrum ernannt, zurzeit sind wieder Patienten mit Covid-19 in Behandlung. In der Klinik werden Männer und Frauen mit schweren Lungenerkrankungen wie beispielsweise Tuberkulose und Krebs behandelt. „Die Lungenfachklinik am FZB sorgt dafür, dass wissenschaftliche Erkenntnisse in den Klinikalltag zum Nutzen der Patientinnen und Patienten mit Lungenerkrankungen übertragen werden“, sagt Zentrumsdirektor Prof. Stefan Ehlers.

Neubauten auf dem Campus für 60 Millionen Euro

Die Klinik ist seit Gründung des Forschungszentrums 1947 auf dem eigenen Campus angesiedelt und wird unter eigener Regie geführt. Die räumliche Nähe sei Garant für einen engen Austausch zwischen Wissenschaftlern und Ärzten, um eine optimale Forschung auf dem am FZB erzielten, exzellenten Niveau möglich zu machen, betont das Direktorium. Auch deshalb würden derzeit die Neubauten für Forschungslaboratorien auf dem Campus – das Richtfest war Ende Oktober – für rund 60 Millionen Euro in unmittelbarer Nähe der Klinik errichtet.

Die Klinikleitung, so Professor Ehlers, habe in den vergangenen Jahren eine Reihe von strategischen Maßnahmen getroffen, um die wirtschaftliche Perspektive der Klinik zu sichern. Dazu gehöre unter anderem eine Anbindung an das UKE als akademisches Lehrkrankenhaus und die Zentralisierung externer Laborleistungen bei einem niedergelassenen Großlabor. Mit den Segeberger Kliniken wurde zudem ein Ausbildungsprogramm für Ärzte und Ärztinnen in der Weiterbildung etabliert.

Wie kann die Klinik wirtschaftlich betrieben werden?

Auch in der Corona-Krise habe die Klinik rasch reagiert. So seien neue Intensivbetten-Kapazitäten geschaffen und eine Corona-Ambulanz mit Corona-Drive-Thru eingerichtet worden. In der Bewertung durch die Patienten erreicht die Medizinische Klinik regelmäßig gute bis sehr gute Werte, betont das Direktorium. Die Klinik sei bekannt als „Lungen-Forschungsklinik mit Herz“.

Die ökonomischen Veränderungen mit Zentralisierungen und Einsparungen am Gesundheitsmarkt erfolgen jedoch inzwischen so schnell, dass die Medizinische Klinik aufgrund ihrer geografischen Lage, ihrer Größe und bundesgesundheitspolitischer Rahmenbedingungen kaum wirtschaftlich zu betreiben ist. In den vergangenen zwei Jahren war die Bilanz des Haushalts der Klinik deutlich im Minus. Ein Finanzausgleich erfolgt zurzeit auch durch Reserven des Forschungszentrums Borstel, das aufgrund rechtlicher Bestimmungen diese Unterstützung jedoch nicht dauerhaft gewähren darf.

Das Forschungszentrum Borstel ist eine Stiftung; Teil der Stiftung ist eine Medizinische Klinik. In der Frage, wie auch zukünftig die Klinik wirtschaftlich betrieben werden kann, werden zurzeit strategische Partnerschaften mit dem UKSH in Kiel, der LungenClinic in Großhansdorf und den Segeberger Kliniken geprüft.

Soziale Belastungen für die Beschäftigen verhindern

In den vergangenen Wochen hat das Direktorium, gemeinsam mit Vertretern des Wissenschafts- und Sozialministeriums, Gespräche mit diesen strategischen Partnern geführt. Alle drei möglichen Partner haben sich allerdings dafür ausgesprochen, aus verschiedenen Gründen den Betrieb der Klinik nach Kiel, Großhansdorf oder Bad Segeberg zu verlegen. Das Direktorium des FZB setzt sich dagegen primär für den Erhalt des Betriebs der Medizinischen Klinik auf dem eigenen Campus ein.

Die Forderung des FZB und seiner Beschäftigten an das Kuratorium lautet, zunächst einmal eine Bestandsgarantie für die Klinik für die nächsten fünf Jahre auszusprechen. In diesem Zeitrahmen sollte es auch möglich sein, mit der Stiftungsaufsicht die notwendigen stiftungsrechtlichen Voraussetzungen zu klären, um – falls dies als unausweichlich erachtet werden sollte – die Klinik teilweise oder ganz an andere Standorte zu überführen. Vor allem aber ließe sich gewährleisten, dass für die Beschäftigten soziale Belastungen verhindert werden.

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