Borstel

70 Millionen für modernste Forschung zu Lungenkrankheiten

Projektleiter Prof. Dr. Frank Petersen, Vorstand des Forschungszentrums Borstel, vor dem künftigen Leibniz-Respiratorium.

Projektleiter Prof. Dr. Frank Petersen, Vorstand des Forschungszentrums Borstel, vor dem künftigen Leibniz-Respiratorium.

Foto: Burkhard Fuchs

Forschungszentrum Borstel verfügt dann über weltweit beispielhafte Rundumversorgung und Erforschung schwerer Lungenkrankheiten.

Borstel. Auf dem Gelände des Forschungszentrums Borstel entsteht zurzeit die weltweit modernste Forschungseinrichtung für die Erforschung und Diagnostik von Asthma, Tuberkulose, Raucherhusten und anderen chronischen, schwer heilbaren Lungenerkrankungen wie der systemischen Sklerose, die zur Lungenfibrose und Herzinsuffizienz führen kann.

Bund und Land investieren zusammen rund 70 Millionen Euro in zwei Gebäude, die mit ihrer aufwendigen Technik den zweithöchsten Sicherheitsstandard S 3 für die Erforschung dieser gefährlichen Krankheitserreger erfüllen müssen.

Nach der Grundsteinlegung vor genau einem Jahr sind die beiden Rohbauten fertig. Die Projektleiter, Prof. Dr. Frank Petersen und Dr. Susanne Homolka, gaben nun einen Einblick – wegen der Corona-Krise war auf ein offizielles Richtfest verzichtet worden.

Fast jeder dritte Bundesbürger hat Asthma

Eines der Gebäude ist das viergeschossige, 95.000 Quadratmeter große Leibniz-Respiratorium, das allein 55 Millionen Euro kosten wird. „Hierin werden sich die 150 wissenschaftlichen Mitarbeiter vor allem mit der Erforschung von Asthma und anderen chronischen Lungenerkrankungen beschäftigen“, sagt Petersen. Asthma sei heute eine Volkskrankheit. Diese Beschwerden habe fast jeder dritte Bundesbürger.

Einen Steinwurf entfernt auf dem großen Gelände an der Borsteler Parkallee ist das zweigeschossige, 700 Quadratmeter große Nationale Referenzzentrum für Mykobakterien in der Entstehung.

Hier sollen 25 wissenschaftliche Mitarbeiter künftig im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums und der Weltgesundheitsorganisation WHO unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen jährlich bis zu 20.000 Proben aus aller Welt untersuchen, die auf den Tuberkulose-Erreger zurückzuführen sind.

Tuberkulose auch aus Deutschland noch nicht verschwunden

TB sei mit 5000 Erkrankungen im Jahr auch in Deutschland noch nicht verschwunden, sagt Prof. Dr. Florian Maurer, Leiter der Diagnostischen Mykobakteriologie. Aber vor allem in Osteuropa und Afrika sei diese schwere Lungenkrankheit auch heute noch ein großes Problem.

Beide Neubauten bestechen durch einen enormen technischen Aufwand, der für absolute Sicherheit sorgen soll und dafür, dass kein Krankheitserreger nach draußen dringen kann. „Im Nationalen Referenzzentrum für Mykobakterien arbeiten die Wissenschaftler künftig auf einer Ebene in unabhängig voneinander abgeschotteten Bereichen, die notfalls auch mit Gasen dekontaminiert werden können“, so Maurer.

Höchste Sicherheit, damit kein Erreger nach draußen gelangt

Vor allem multiresistente TB-Erreger, die sich bereits gegen fünf Antibiotika als immun erwiesen haben, könnten hier in modernsten Versuchsreihen, die bis zu 20 Monate dauern, bis ins kleinste untersucht werden. Die gesamte Technik ist ein Stockwerk darüber eingebaut, sodass von oben jeder Bereich unterschiedlich belüftet oder abgesichert werden kann. „Alles steht permanent unter Unterdruck, so dass nur Luft hinein-, aber keinesfalls welche hinausströmen kann.“

Das gilt auch für das größere Forschungszentrum für Asthma und andere Lungenkrankheiten, so Frank Petersen. „In den verschiedenen Bereichen befindet sich jeweils eine eigene Belüftung, eine eigene Stromversorgung und Löschanlage.“ Acht Kubikmeter kontaminiertes Löschwasser könnten hier im Notfall unter dem Keller aufgefangen und wieder gereinigt werden.

Luft wird zehnmal pro Stunde ausgetauscht

Im absoluten Sicherheitsbereich, wo mit Versuchen an Mäusen die Infizierung und mögliche Behandlung der Erreger untersucht werden soll, herrsche der größte Unterdruck, und die Räume seien achtfach beschichtet mit Spachtelmasse, Glasfaser und Epoxidharz.

„Die Luft wird hier zehnmal pro Stunde ausgetauscht, sodass eine Luftübertragung von Krankheitserregern auch im Inneren so gut wie unmöglich ist.“ Die 14 Forscherteams könnten hier völlig unabhängig voneinander agieren. Auf jeden Quadratmeter Laborfläche kämen zwei Quadratmeter für Technik und Lagerräume, so Frank Petersen.

Referenzzentrum für Mykobakterien soll 2021 starten

Ein Schwerpunkt bei den Tierversuchen, die strengen gesetzlichen Auflagen unterlägen, sei hier die sogenannte personalisierte Medizin, erklärt der Wissenschaftler, der auch dem Vorstand des Forschungszentrums Borstel angehört. So sollen hier die Blutzellen von Menschen, die an der unheilbaren systemischen Sklerose erkrankt sind, auf Mäuse übertragen werden, die ganz ähnliche Krankheitsverläufe wie der Mensch zeigten.

„Wir sind zwar noch am Anfang dieser Forschung“, sagt Frank Petersen. Aber auf diese Weise könnten Medikamente oder Impfstoffe erprobt werden, die am schnellsten helfen würden. Bei einer Krankheit, die eine Sterberate von 40 Prozent zwei Jahre nach der Erstdiagnose aufweise, könnten diese modernsten Forschungsmethoden, die hier bald möglich sein werden, sehr erfolgversprechend für ihre Behandlung und Medikation sein.

Rundumversorgung von Menschen mit Lungenkrankheiten

Das Nationale Referenzzentrum für Mykobakterien soll zum Ende des nächsten Jahres in den Regelbetrieb gehen. Das größere Leibniz-Respiratorium brauche ein Jahr länger und werde erst Ende 2022 voll durchstarten können, sagt Frank Petersen.

Und das sei schon sportlich. Mit den beiden Neubauten verfüge das Forschungszentrum Borstel, das insgesamt 550 Mitarbeiter beschäftigt, mit Forschungslabors, Diagnostik und angrenzender Klinik über eine Rundumversorgung und –erforschung von schweren Lungenkrankheiten, die mit diesem höchsten Sicherheitsstandard weltweit beispielhaft sei.