Norderstedt – Meine Stadt

Im Sozialen Zentrum fühlt sich Tobias Ramert zu Hause

Tobias Ramert am Sozialen Zentrum an der Starße In de Tarpen in Norderstedt.

Tobias Ramert am Sozialen Zentrum an der Starße In de Tarpen in Norderstedt.

Foto: Thorsten Ahlf

Der Sozialpädagoge hat das selbstverwaltete Wohn- und Kulturprojekt am Rande des Gewerbegebietes Nettelkrögen in Norderstedt mit aufgebaut.

Norderstedt.  Wäre Punk ein Gebäude, dann vielleicht das Soziale Zentrum. Hier, am Südrand Norderstedts, befindet sich ein buntes, lautes, nonkonformes, antifaschistisches, linkes, streitlustiges, selbstverwaltetes Wohnprojekt. Und ein durch die Stadt anerkannter Kulturträger, den es seit 25 Jahren als Verein gibt. Grund genug, darüber zu reden. Und zwar mit Tobias Ramert.

„Ich bin hier 2010 eingezogen, da war ich 30“, sagt er. „Ich hatte fertig studiert, Soziale Arbeit und Sozialpädagogik. Und vorher immer in WGs gewohnt. Hier fand ich es super, es war nicht nur eine WG, sondern auch ein eigenes Zentrum auf dem Gelände, eine eigene Kneipe.“ Das „SZ“ hatte damals bewegte Jahre erlebt. Viele Norderstedter werden sich noch an die Hausbesetzungen Anfang der 90er-Jahre, erst in der Alten Dorfstraße, dann der Bahnhofstraße erinnern. Die Gruppierung „Häuserplenum“ wollte mit dem Aktivismus die Aufmerksamkeit auf die Wohnungsnot lenken. „Bezahlbarer Wohnraum für alle“, das war eine der Forderungen, die heute allgemeine politische Linie ist.

Leerstehende Gebäude zu besetzen, war eine Antwort darauf. Das Soziale Zentrum entstand dann 1995 im „Stelly-Haus“, einer früheren Puppenbühne am Südende der Ulzburger Straße. Das war umstritten, die CDU befürchtete gar „Hafenstraßen-Verhältnisse“. Sie lag falsch. 1995 und 2000 wurden Nutzungsverträge mit der Verwaltung abgeschlossen. 2003 folgte die Kündigung, die mit dem Bedarf für Parkplätze – der Bau des Ochsenzoll-Kreisels war in Vorbereitung – begründet wurde. Die Reaktion: Diskussionen, Proteste, Demonstrationen. „SZ bleibt“, diese Graffiti-Tags finden sich auch heute noch im Stadtbild.

Schon früh interessierte sich Tobias für alternative Projekte

Ende 2005 ging das SZ ins Exil. Es dauerte einige Jahre, bis tatsächlich wieder Gespräche mit der Stadt stattfanden über eine Rückkehr. In de Tarpen, am Rande eines Gewerbegebiets, stand ein Grundstück zur Verfügung, dort entstand ein neues Kulturzentrum. In der Regel können hier sechs Personen leben. „Als wir das Gebäude bekommen haben, bin ich mit eingezogen, habe hier den Aufbau mitgemacht. Vorne hatten wir das Wohnhaus, der Veranstaltungscontainer kam dazu. Das Wohnprojekt ist ein Teil, die Kerngruppe, die organisiert, ist aber deutlich größer“, sagt Tobias. „Je nach Interesse – manche machen Fußballturniere mit, manche Konzerte, manche das Klamottencafé. Hier kann alles einen Raum haben. Das war immer eine Stärke. Es gibt nicht nur die Polit-Fraktion und die Kultur.“

Schon als Jugendlicher hatte er sich für alternative Projekte interessiert. „Ich fand es immer gut, wenn sich Leute selbst organisieren, ihren eigenen Raum gestalten, wo auch Menschen dazukommen und sich ausprobieren können“, sagt er. Norderstedt sei in der Szene ein Begriff gewesen. Tobias: „Es gab – und gibt – immer einige hier, die etwas bewegen wollen und nicht nur rumhängen.“

Sein persönlicher Werdegang ist eng mit Avanti verknüpft, jener Gruppe, die 2014 zur Interventionistischen Linken wurde. „Diese begreift sich als Teil der radikalen Linken. Das finde ich nach wie vor richtig. Es geht nicht nur um Konzerte, Veranstaltungen, sondern auch um politische Vernetzungen und darum, Kampagnen voranzutreiben.“

Das Engagement gegen Rechtsextremismus ist natürlich ein gemeinsamer Nenner. Auch vor dem Hintergrund, dass es früher in der Region durchaus vorkam, dass sich junge Neonazis wie selbstverständlich in Jugendzentren aufhalten konnten. Im SZ kommt das nicht infrage. Tobias erklärt noch einmal, wie er „links“ verstanden wissen möchte. „Es geht von einem Bild einer Gesellschaft aus, die von verschiedenen Formen der Unterdrückung geprägt ist, von Benachteiligung einzelner Gruppen, ob nach Rasse, Geschlecht, vieles ordnet sich nach wie vor durch Klasse. Wir streben etwas Solidarisches an, bei dem nicht der Geldbeutel oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe entscheidet, wie viel oder wenig man zu sagen hat“, betont er.

Wer im SZ wohnt, muss eine Probezeit überstehen, es gibt Verträge, es wird Miete gezahlt. „Aber in einem angenehmeren Rahmen. Und wer einzieht, muss Bereitschaft mitbringen, sich einzubringen. Auch wenn keiner kontrolliert, wer wie oft Leergut wegfährt.“ Die Frage des sozialen Wohnraums löse man natürlich nicht, „da ist in Norderstedt der Bedarf höher. Aber auch wir bekommen mit, dass Leute suchen“. Politisch könnte, so findet Tobias, schon noch mehr gemacht werden, um gegenzusteuern. „Dass Sozialwohnungen aus der Mietpreisbindung fallen, hätte man schon vor 15 Jahren sehen können.“

Das Verhältnis zur Stadt hat sich sehr verändert

Es gehört zur Geschichte der Einrichtung, auch zur persönlichen Entwicklung der Bewohner, dass sich das Verhältnis zur Stadt verändert hat. Das Liegenschaftsamt ist eigentlich sogar gerngesehen. „Früher war es das Wichtigste, so wenig wie möglich mit der Stadt zu tun zu haben. Hauptsache, die gingen uns nicht auf die Nerven. Inzwischen haben wir uns gut arrangiert, wir schreiben als Kulturträger unsere Berichte, was hier stattgefunden hat, wie viele Leute hier waren. Diese formalistischen Sachen hätten früher wohl nicht so viel Anklang gefunden.“ Jetzt würde man den Mehrwert sehen: „Wir sind hier in Ruhe, haben bestimmte Fördermöglichkeiten, können unsere Plakate aufhängen.“ Eines betont Tobias noch: „Inhaltlich hat uns nie jemand reingequatscht.“

Heute ist er 39 Jahre alt. Und lebt nicht mehr im SZ. Nicht, weil es nicht mehr ein fester Bestandteil seines Lebens wäre. „Für viele ist es ein Mittelpunkt, an dem Freundschaften entstehen. Es gibt keine Vorgabe, hier eine bestimmte Anzahl von Jahren zu leben. Ich fand es gut, weiter mitzumischen, aber auch ein bisschen Abstand zu haben. Mal abends Ruhe auf dem Sofa, das fand ich auch mal gut.“ Für den Moment. „Perspektivisch würde ich nicht ausschließen, wieder in einem solchen Projekt zu leben. Wohnformen, die mehr ausprobieren als nur ‚jeder für sich‘, finde ich weiterhin spannend.“