Kreis Segeberg

Ehepaar bei Unfall getötet – 80-Jährige darf wieder fahren

Sie bekommt ihren Führerschein zurück: Die wegen fahrlässiger Tötung von zwei Fahrradfahrern verurteilte Angeklagte (80) mit ihrem Verteidiger Wolfgang Raudzus im Kieler Landgericht.

Sie bekommt ihren Führerschein zurück: Die wegen fahrlässiger Tötung von zwei Fahrradfahrern verurteilte Angeklagte (80) mit ihrem Verteidiger Wolfgang Raudzus im Kieler Landgericht.

Foto: Thomas Geyer

1500 Euro wegen fahrlässiger Tötung zweier Radfahrer – Kieler Landgericht mildert das Urteil für die Seniorin.

Kiel/Bornhöved.  Zwei Fahrradfahrer im Seniorenalter starben vor einem Jahr nach der Kollision mit dem Pkw einer 80 Jahre alten Autofahrerin. Am Mittwoch stand der tödliche Unfall in Bornhöved zum zweiten Mal im Mittelpunkt eines Strafprozesses. In der Berufung vor dem Kieler Landgericht kämpfte die wegen fahrlässiger Tötung zu 1500 Euro Geldstrafe verurteilte Angeklagte um ihren Führerschein.

Prozess zu Verkehrsunfall mit 80-jähriger Pkw-Fahrerin

Das Ergebnis vorweg: Die Berufungskammer bestätigte die vom Amtsgericht Bad Segeberg verhängte Geldstrafe von 50 Tagessätzen á 30 Euro, erleichterte der Angeklagten jedoch den Weg zurück ans Steuer: Die auf einem abgelegenen Gehöft lebende Witwe, die den Schuldspruch des Amtsgerichts akzeptierte, bekommt ihren Führerschein nach sechsmonatiger Sperre automatisch zurück.

Nach dem erstinstanzlichen Urteil wäre ihr die Fahrerlaubnis komplett entzogen worden. Frühestens nach Ablauf eines Jahres hätte die 80-Jährige erneut versuchen können, den Führerschein zu machen. „Für Einkäufe und Arztbesuche“, wie sie erklärte. Die Kosten für Fahrschule, Ämter und Behörden hätten rund drei Monatseinkommen verschlungen.

Rentnerin fuhr 61 Jahre nach Vorschrift

Nach eigenen Angaben fuhr die Rentnerin 61 Jahre lang unfallfrei im Straßenverkehr. Kein Punkt in Flensburg, kein Alkohol am Steuer, kein rücksichtsloses Rasen – bei erlaubten 50 Kilometer pro Stunde war sie am Tatort mit rund 30 km/h unterwegs. Soweit das positive Fazit des Gerichts.

Umso schwerer wog der verhängnisvolle Verstoß gegen das Rechtsfahrgebot: Auf dem 3,4 Meter schmalen Seeweg zwischen Friedhof und Campingplatz „Idyll“ in Bornhöved fuhr die Angeklagte viel zu weit links, als ihr die Eheleute auf ihren Pedelecs entgegenkamen.

Die Unfallopfer hielten sich dagegen laut Gutachten vorschriftsmäßig nah am rechten Fahrbahnrand. Trotzdem wurde der Ehemann fast frontal vom Pkw erfasst. Der 79-Jährige wurde gegen die Windschutzscheibe geschleudert und erlag noch an der Unfallstelle einem Schädel-Hirn-Trauma. Auch seine Frau (84) erlitt schwere Kopfverletzungen. Beide hatten auf einen Helm verzichtet.

Landesweit starben 2019 bei Unfällen 16 Radfahrer

„Es tut mir unendlich leid“, beteuerte die Angeklagte, die im ersten Prozess wiederholt in Tränen ausgebrochen war. Der Vorsitzende äußerte Verständnis. Und bekannte, als Autofahrer selbst schon mal in einem unachtsamen Moment beim Öffnen der Fahrertür einen Radler aus dem Sattel geschubst zu haben.

Laut polizeilichem Verkehrsbericht erreichte die Zahl der verunglückten Fahrradfahrer in Schleswig-Holstein im vergangenen Jahr einen traurigen Rekord: An 4591 Unfällen waren Radler beteiligt. Knapp 16 Prozent von ihnen waren auf Pedelecs unterwegs.

Fast 600 Radler verunglückten im vergangenen Jahr schwer, 16 von ihnen tödlich. Zwölf der 16 Getöteten waren über 60 Jahre alt. Die sieben betroffenen Pedelec- oder E-Bike-Fahrer waren sogar ausnahmslos Senioren. Laut Statistik wurden 80 Prozent aller Unfälle mit Pkw- und Fahrradbeteiligung durch Abbiege- oder Fahrspurfehler oder durch Missachtung der Vorfahrt verschuldet.

Im Kreis Segeberg starben im vergangenen Jahr vier Radfahrer. Neben dem Ehepaar in Bornhöved war auch eine elfjährige Schülerin betroffen, die in Kisdorf auf einem Radweg von einem 85-jährigen Mercedesfahrer erfasst wurde. Der Pkw-Fahrer soll das Mädchen beim Rechtsabbiegen übersehen haben.