Kreis Segeberg

„Wer nicht mehr laufen kann, wird erschossen“

Etwa 160 Jüdinnen und Juden brachte das Rote Kreuz in den sogenannten Weißen Bussen (umgerüstete Kühlfahrzeuge) gegen Ende des Krieges bis nach Malmö.

Etwa 160 Jüdinnen und Juden brachte das Rote Kreuz in den sogenannten Weißen Bussen (umgerüstete Kühlfahrzeuge) gegen Ende des Krieges bis nach Malmö.

Foto: ARCHIV / archiv

In neun Biografien schildert das Buch „Mein Schicksal ist nur eins von Abertausenden“ die Verbrechen der Nationalsozialisten im Norden.

Kisdorf . Josef Tichy wurde am Kistlohweg in Kisdorf-Feld erschossen und anschließend im Kisdorfer Gehölz verscharrt. Von der SS. Eine Gedenktafel am Kistlohweg erinnert an den Mord am 12. April 1945. Die Biografiegruppe „Josef Tichy“ mit Thomas Käpernick, Marlene und Hans-Jürgen Hroch stellte im Juni 2019 die Gedenktafel in Kooperation mit dem Heimatbund auf und erinnert damit an den Zwangsarbeiter, den die Nazis aus der Tschechoslowakei zur Fronarbeit nach Deutschland verschleppten. Über Josef Tichy brachte die Biografiegruppe in Erfahrung, dass er ein harmloser Außenseiter war, den NS-Gerichte in der besetzten Tschechoslowakei zu Zuchthaus verurteilten. Er musste besonders schwere Haftbedingungen durchleiden.

Jetzt haben Dietlind Kautzky und Thomas Käpernick, wissenschaftlicher Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen, von der Biografiegruppe „Todesmarsch Hamburg – Kiel“ im Hamburger Verlag VSA das Sachbuch „Mein Schicksal ist nur eins von Abertausenden – Der Todesmarsch von Hamburg nach Kiel 1945 in neun Biografien“ herausgegeben.

Anwohner erinnert sich, wie Häftling erschossen wurde

Mehr als 800 Gefangene, darunter 110 Jüdinnen und Juden aus dem KZ Riga, trieb die SS auf Befehl der Gestapo ab dem 12. April 1945 auf den Todesmarsch vom KZ Hamburg-Fuhlsbüttel über Kaltenkirchen und die Bundesstraße 4 durch Bad Bramstedt ins „Arbeitserziehungslager Nordmark“ bei Kiel. Das Buch informiert über diesen Marsch und über einige Schicksale damals Verfolgter.

Wer zu schwach war und nicht mehr gehen konnte, den erschoss die SS. Josef Tichy ermordeten die Nazis gleich am ersten Tag des Todesmarsches am Kisdorfer Feld. Später barg die Feuerwehr Josef Tichy aus dem Gehölz und beerdigte ihn auf dem Kaltenkirchener Friedhof.

„Ich finde es gut, dass es jetzt die Gedenktafel gibt, als Mahnung, dass es so etwas wie die NS-Zeit nicht wieder geben darf“, sagt Henry Braasch aus Kisdorf. Der heute 83-Jährige hat das Verbrechen als Achtjähriger ansehen müssen, als er mit seiner Mutter in der Haustür des Bauernhofs seines Vater Otto Braasch stand. „Der SS-Mann hat den Gefangenen einfach erschossen“, erinnert sich Henry Braasch.

Die Biografiegruppe „Todesmarsch Hamburg – Kiel“ stellt mit dem Schleswig-Holsteinischen Heimatbund, den jeweiligen Gemeinden und örtlichen Initiativen an den Plätzen, an denen die Nazis Häftlinge ermordeten, Gedenktafeln auf. Weitere stehen in Kaltenkirchen und Bad Bramstedt.

Fünf Jahre erforschte die Biografiegruppe die Schicksale der NS-Opfer und stieß dabei auch auf neue Dokumente, beispielsweise Fotografien. Auch Angehörige der Verfolgten schrieben das Leben ihrer Verwandten für das Buch auf. So illustrierte Marina Zander das Schicksal ihres Urgroßvaters, des politisch Verfolgten Wübbo Sielmann, geboren 1886, aus Ostfriesland. Am 30. April wurde Wübbo Sielmann aus dem Lager Neumark bei Kiel entlassen. Zu Fuß und per Fahrrad gelang ihm der Heimweg. Doch er war so erschöpft von den grausamen Erlebnissen, dass er am 15. Mai 1945 starb.

Auch Emmi Nathan trieben die Nazis auf den Todesmarsch, und auch für ihre Kolonne gab die SS die Devise aus: Wer nicht laufen kann, wird erschossen. Emmi Nathan überlebte. Sarkastischerweise dank Heinrich Himmler. Denn der Reichsführer SS und spätere Reichsinnenminister wollte angesichts der drohenden Niederlage einen Friedensvertrag mit den Westalliierten schließen. Um die Schweden für sich einzunehmen, ließ er 20.000 Häftlinge, überwiegend Juden, ins Exil nach Schweden bringen. Eine Gruppe von zirka 160 Jüdinnen und Juden, die überwiegend aus dem KZ Riga kamen, brachte das Rote Kreuz in den sogenannten Weißen Bussen, umgerüstete Kühlfahrzeuge, bis Malmö, darunter auch Emmi Nathan. Für sie steht auf der Alten Obstwiese bei Neumünster einer von vielen Gedächtnisbäumen. Emmi Nathan, später Loewenstern, emigrierte 1946 in die USA. Ihr Neffe George Nathan enthüllte im April 2018 eine Gedenktafel für die Ermordeten in Kaltenkirchen und erzählte die Geschichte seiner Familie Schülern des Gymnasiums Kaltenkirchen.

Vor fünf Jahren fand der „Marsch der Lebenden“ statt

Auch Hilde Sherman hat den Holocaust überlebt. Mitherausgeberin Dietlind Kautzky hat das Schicksal der Jüdin dokumentiert. „Im April 2015 begegneten meinem Mann Heinrich und mir Ruthy Sherman, die Tochter von Hilde Sherman“, schreibt sie auf Seite 29 des Biografie-Buches. Sie traf Ruthy Sherman ebenfalls auf der Alten Obstwiese in Neumünster.

Ruthy Sherman nahm am „Marsch der Lebenden“ teil, der sie vor fünf Jahren von Hamburg über Norderstedts Ursprungsgemeinden Garstedt, Harksheide und Friedrichsgabe, über Kaltenkirchen und Neumünster zum Lagerort in Kiel-Hassee führte. Ruthy Sherman kommt aus Israel und ging mit 150 weiteren Hinterbliebenen noch einmal die Strecke, die ihre Mutter Hilde Sherman marschieren musste.

Hilde Sherman, geborene Zander, hat ihr Schicksal in ihrem Buch „Zwischen Tag und Dunkel, Mädchenjahre im Ghetto“ (1984, Ullstein-Verlag) aufgeschrieben. „Das Gefühl, jetzt dieselbe Strecke zu gehen wie damals meine Mutter in all ihrer Qual, ist unglaublich, es ist ein tief berührendes Gefühl, ich bin erschüttert“, sagte Ruthy Sherman damals. Doch erst durch den Marsch der Lebenden wurde ihr die Ungeheuerlichkeit bewusst, dass niemand der Anwohner der damaligen Marschroute, die auch vom Ochsenzoll über die Ulzburger Straße führte, die ausgemergelten Menschen in ihrer zerrissenen Sträflingskleidung und ihre Peiniger gesehen haben will. „Solche Aktionen sind heute mehr denn je wichtig, denn der Antisemitismus nimmt in Europa und in den USA dramatisch zu“, sagte Ruthy Sherman.

Ergänzt wird das Buch von einer Chronologie des Marsches, einer Namensliste mit Lebens- und Todesdaten aller Opfer, einer Karte mit dem Verlauf des Todesmarsches, auf der auch die Ermordungen eingetragen sind.