Gesundheit

Kliniken im Kreis Segeberg stehen unter Druck

Die Klinik am Forschungszentrum in Borstel. Bedingt durch die Corona-Pandemie ist die Auslastung von 80 bis 90 Prozent auf 60 bis 65 Prozent zurückgegangen.

Die Klinik am Forschungszentrum in Borstel. Bedingt durch die Corona-Pandemie ist die Auslastung von 80 bis 90 Prozent auf 60 bis 65 Prozent zurückgegangen.

Foto: Wolfgang Klietz

Nicht erst seit der Corona-Krise kämpfen die kleinen Krankenhäuser in Borstel und Henstedt-Ulzburg ums Überleben.

Kreis Segeberg.  In Deutschland gibt es etwa 2000 Krankenhäuser, aber bis zu 500 könnten nach Ansicht von Experten geschlossen werden. Gesundheitsökonomen plädieren seit Jahren dafür, weil kleinere Häuser die bestehenden Qualitätsstandards und Mindestmengen oft nicht aufweisen. Im Kreis Segeberg gibt es mit der Paracelsus-Klinik in Henstedt-Ulzburg und der Klinik des Forschungszentrums Borstel kleinere Häuser, die durch die zunehmenden Konzentrationsprozesse unter Druck geraten könnten. Das bekommt besonderes die Lungenfachklinik in Borstel zu spüren: Die Klinik schreibt keine „schwarze Null“ mehr, es gibt wirtschaftliche Probleme, die durch die Corona-Krise verstärkt wurden.

In der Kliniklandschaft nimmt die Borsteler Einrichtung eine Sonderstellung ein: Zusammen mit dem Forschungszentrum Borstel wurde sie 1947 als Tuberkulose-Institut gegründet. Heute sind chronisch entzündliche Lungenerkrankungen, Lungenkrebserkrankungen, Intensiv- und Beatmungsmedizin, seltenen Lungenerkrankungen und, wie zur Gründung der Medizinischen Klinik, die Tuberkulose Schwerpunkte der Patientenversorgung in dem 81-Betten-Haus.

Klinik und Forschungszentrum sind aufeinander angewiesen: Im Forschungsbereich werden neue Methoden zur Behandlung entwickelt, die später in der Klinik angewendet werden. „Beide Bereiche arbeiten Hand in Hand“, sagt Zentrumsdirektor Professor Stefan Ehlers. „Das ist bis heute so.“ Die Klinik verfolgt neben dem klinischen Versorgungsauftrag des Landes Schleswig-Holstein auch Forschungsziele mit den Schwerpunkten Infektionen sowie Asthma und Allergien gemäß der Spezialisierung des Forschungszentrums.

Auslastung der Borsteler Klinik ist zurückgegangen

Diese Sonderstellung hat die Klinik allerdings nicht vor einer finanziellen Schieflage bewahrt. Bedingt durch die Corona-Pandemie ist die Auslastung von 80 bis 90 Prozent auf 60 bis 65 Prozent zurückgegangen. Stefan Ehlers erklärt die Situation: „Wir mussten Betten frei halten.“ Aber er schränkt auch ein: „Eigentlich müssten wir zu 100 Prozent belegt sein.“ In der Borsteler Lungenfachklinik sind zurzeit 218 Mitarbeiter tätig, viele davon in Teilzeit. Gut 20 Ärzte kümmern sich um die Patienten. Insgesamt haben Forschungszentrum und Klinik 564 Beschäftigte. Getragen werden Klinik und Forschungszentrum von der Stiftung Forschungszentrum Borstel. Zuschüsse von Bund und Land gibt es nur für die Forschung, nicht aber für die Klinik.

Der Institutsdirektor beschönigt die wirtschaftliche Lage der Klinik nicht, aber er sagt deutlich: „Für kleine Kliniken ist in Deutschland kein Platz mehr.“ Es sei schon lange bekannt, dass es für kleinere Häuser immer teurer wird, am Markt zu existieren. In der Borsteler Klinik gebe es seit etwa zwei Jahren eine neue Lage, weil nicht mehr alle Betten belegt seien und zudem mehr Pflegekräfte von Zeitarbeitsfirmen eingestellt werden müssten. „Wir würden gerne Mitarbeiter direkt einstellen, aber der Arbeitskräftemarkt ist eng, viele Fachkräfte gehen gerne zu Zeitarbeitsfirmen, weil die Bedingungen dort gut sind.“

Eine Schließung der Klinik stehe nicht wirklich zur Debatte, stellt Professor Ehlers fest. Er stuft die aktuelle Situation als „nicht bedrohlich“ ein. Es müsse aber ein belastbarer Plan für die nächsten zehn Jahre aufgestellt werden. Zu diesen Überlegungen gehören nach seinen Angaben unter anderem strategische Partnerschaften mit anderen, großen Kliniken, um Synergieeffekte nutzen zu können. Dabei gehe es um den Medikamenteneinkauf, um die Erfüllung von Hygieneauflagen oder um eine gemeinsame Küchennutzung mit anderen Häusern. Es gebe Gespräche mit den Kliniken in Großhansdorf, Bad Segeberg und der Uni-Klinik Schleswig-Holstein. Ende November würden auf einer Kuratoriumssitzung Entscheidungen getroffen. „Ich bin zuversichtlich, dass wir den Standort sichern können“, sagt Stefan Ehlers. „Aber es wird nicht einfach sein.“

Auch die Paracelsus-Klinik geht Partnerschaften ein

Die Henstedt-Ulzburger Paracelsus-Klinik – mit 184 Betten und sechs Fachabteilungen ein kleines Haus - ist von den Corona-Maßnahmen ebenfalls betroffen: Von Beginn an wurden laut Verordnungen des Landes Schleswig-Holstein Kapazitäten für die Behandlung von Covid-19-Patienten inklusive Beatmungsplätze geschaffen, geplante Operationen und Behandlungen wurden über Wochen verschoben. Die dadurch bedingten wirtschaftlichen Schwierigkeiten scheinen überwunden zu sein: „Durch die Freihaltepauschalen, die seitens des Bundes geflossen sind, konnten die Verluste zum Teil kompensiert werden“, sagt Unternehmenssprecherin Dirten von Schmeling. Sie geht davon aus, dass nach Wiederaufnahme des Regelbetriebes unter Einhaltung der besonderen Corona-Vorsichtsmaßnahmen insgesamt ein befriedigendes Jahresergebnis erreicht werden kann.

Die Paracelsus-Klinik in Henstedt-Ulzburg ist nach ihren Angaben nicht unmittelbar von Konzentrationsprozessen in der Kliniklandschaft betroffen. Insgesamt sehe die Klinikgruppe Forderungen nach einer Konzentration ohnehin kritisch. Dirten von Schmeling: „Ein wesentliches Merkmal eines guten Gesundheitssystems ist der flächendeckende Zugang zu medizinischer Versorgung.“

Insbesondere kleinere Häuser haben zur Bewältigung der Corona-Krise beigetragen

Paracelsus betreibe im Wesentlichen Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung, was eine wohnortnahe medizinische Leistung bei Verletzungen und Erkrankungen, bei Geburten und anderem mehr beinhalte. „Die Erfahrungen während der Corona-Krise zeigen, dass insbesondere kleinere Häuser zur Bewältigung der Krise beigetragen haben.“

Strategische Partnerschaften gehen auch die Paracelsus-Kliniken ein: Unter anderem mit Philips im Bereich Medizintechnik und Digitalisierung, im Bereich Ausbildung mit der Uni-Klinik Eppendorf, aber auch im Einkauf, Erlösmanagement, Controlling und bei der Vermittlung von qualifizierten Arbeitskräften wird mit anderen Häusern zusammengearbeitet. Auf einigen Fachgebieten, zum Beispiel in der Radiologie, gibt es Kooperationen mit externen Anbietern.

Das Klinikum Bad Bramstedt erlebt ebenfalls eine kritische Phase wegen der Corona-Auflagen: Von monatlichen Verlusten in Millionenhöhe und Kurzarbeit war die Rede. Die Klinikum Bad Bramstedt GmbH sieht trotzdem optimistisch in die Zukunft und plant eine Neuausrichtung des Hauses. Für 80 bis 90 Millionen Euro wird das Gelände neu strukturiert, so dass bis 2028 auf dem 70 Hektar großen Gelände ein Medizin Park entstehen soll.