Kreis Segeberg

Bürgermeisterin: Henstedt-Ulzburg soll großes Dorf bleiben

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Frank Knittermeier
Henstedt-Ulzburgs Bürgermeisterin Ulrike Schmidt vor dem Rathaus der Großgemeinde.

Henstedt-Ulzburgs Bürgermeisterin Ulrike Schmidt vor dem Rathaus der Großgemeinde.

Foto: Thorsten Ahlf

Interview: Bürgermeisterin Ulrike Schmidt, die seit Juni im Amt ist, setzt auf eine behutsame Weiterentwicklung der Großgemeinde.

Henstedt-Ulzburg.  Wie sieht Henstedt-Ulzburgs Zukunft aus? Wie wird und wie sollte sich die Gemeinde entwickeln? Das Hamburger Abendblatt hat dazu Ulrike Schmidt, seit Juni Bürgermeisterin, befragt. Sie hat die ersten drei Monate ihrer Amtszeit genutzt, sich einen Überblick zu verschaffen, hat nachgefragt, gelesen und die verschiedenen Einrichtungen im Ort besucht.

Ihre Gedanken hat sie zusammengefasst und eine Vision entwickelt, die für sie eine Art Leitbild ihrer Arbeit sein soll. Und sie sagt ganz deutlich: Henstedt-Ulzburg sollte auch weiterhin „das größte Dorf im Lande“ bleiben. Eine Notwendigkeit, Stadtrechte zu erlangen, sieht sie nicht.

Wohin steuert Henstedt-Ulzburg: Wie groß sollte die Gemeinde ihrer Ansicht nach noch werden?

Ulrike Schmidt Unsere Gemeinde wird sich, um auch in Zukunft demografisch, sozial, wirtschaftlich und kulturell gesund zu sein, behutsam weiterentwickeln müssen. Mit dem schnellen und starken Bevölkerungsanstieg der vergangenen Jahrzehnte ist in den Ortsteilen die Infrastruktur an einigen Stellen nicht mitgekommen, so etwa beim Verkehr, bei Kitas, Schulen, Ärzten und im Freizeitbereich. Solche Lücken gilt es zu schließen. Gleichzeitig sorgt kluges und besonnenes Wachstum dafür, dass unsere Gemeinde demografisch im Gleichgewicht bleibt. Vorrangig geht es mir darum, mit geeigneten Maßnahmen, auch durch die Schaffung bezahlbaren Wohnraums, unsere jungen Leute in der Gemeinde zu halten.

Wo sehen Sie Möglichkeiten, neue Wohngebiete zu schaffen?

Wir brauchen in Henstedt-Ulzburg dringend Wohnraum, um die unterschiedlichsten Wohnbedürfnisse unserer Bürger und Bürgerinnen zu bedienen. Vor allem mangelt es an kleineren und bezahlbaren Wohnungen. Für junge Menschen, die in der Ausbildung stehen oder am Beginn ihrer beruflichen Karriere, Alleinerziehende, aber auch Senioren und Seniorinnen müssen wir Wohnraum zur Verfügung stellen, die ihren Bedürfnissen und jeweiligen finanziellen Möglichkeiten gerecht werden.

Meine Ansicht, wie und wo Henstedt-Ulzburg bebaut werden kann, speist sich aus den Wünschen und Ideen, die die Gemeinde gemeinsam mit der Politik und den Bürgerinnen und Bürgern im Prozess des IGEK, des Integrierten Gemeindeentwicklungskonzeptes, geäußert haben. Bei der Schaffung neuer Wohngebiete ist es mir wichtig, das jeweilige Ortsbild und das grüne Gesamtbild unserer Gemeinde zu erhalten. Mit einer lockeren Bebauung schaffen wir Lebensqualität in unserer Gemeinde, denn sie sorgt für eine gute Umweltbilanz, wenn wir Grün erhalten, mit gezieltem Baumbestand dafür sorgen oder mit Blühwiesen Insekten Lebensraum bieten.

Neben der Erschließung neuer Wohngebiete sollten wir mit kreativen Lösungen mit der Umwandlung vorhandenen Wohnraums für geeignete Wohnformen für alle sorgen. Hier stelle ich mir Konzepte vor, die Jung und Alt auf ihrer Suche nach geeignetem Wohnraum zusammenbringen.

Sollte aus der Gemeinde eine Stadt werden?

Die Bürger und Bürgerinnen haben sich 2013 in einem Bürgerentscheid gegen die Stadtwerdung entschieden. Sofern keine neuen Argumente diese Diskussion befeuern, spricht doch nichts gegen Hen­stedt-Ulzburg als das größte Dorf Schleswig-Holsteins. Aus wirtschaftlicher Sicht haben wir als Dorf keinerlei Nachteile in der Ansiedlung von Gewerbe erfahren.

Die Besonderheiten und Vorteile des dörflichen Charakters unserer Gemeinde sollten wir vielmehr zu unserem Vorteil nutzen und durch gezielte Maßnahmen in Henstedt-Ulzburg als Wirtschaftsstandort mit hoher Lebensqualität investieren. Denn gerade unsere dörflichen Strukturen erlauben uns, gleichzeitig im Zentrum des öffentlichen Lebens zu wohnen und zu arbeiten und schnell Zugang zu natürlichen Freiräumen zu haben-- das gehört zu den zentralen Qualitäten unserer Gemeinde.

Müsste in Henstedt-Ulzburg ein Ortszen­trum nach dem Vorbild Norderstedts (Norderstedt-Mitte) entstehen? Wenn ja: Wo könnte es entstehen?

Mein Fokus als Bürgermeisterin liegt auf der Weiterentwicklung eines lebendigen Ortszentrums, das die verschiedensten Funktionen erfüllt. Allerdings sehe ich Norderstedt-Mitte nicht als ein Modell, das auf Henstedt-Ulzburg übertragbar wäre. Neben einer weiteren Belebung des Ulzburger Ortszentrums sollten die einzelnen Ortsteile je nach ihrem Charakter gestärkt werden.

Wie sollten Ihrer Ansicht nach die Verkehrsprobleme gelöst werden? Ist eine westliche Umgehungsstraße im Bereich des Möglichen?

Das Verkehrsstrukturgutachten von 2015 ist zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Umgehungsstraße nur geringfügige Entlastung für den Verkehr in Henstedt-Ulzburg bringen würde, da die Belastung durch Durchgangsverkehr gering ist. Vielmehr handelt es sich weitgehend um innerörtlichen Quell- und Zielverkehr. Bei einer möglichen Umgehungsstraße gälte es ebenfalls, die negativen Auswirkungen abzuwägen, wie zum Beispiel eine Verkehrsführung durch zurzeit unbelastete Naturgebiete und die damit entstehende Versiegelung weiterer Grünflächen. So gilt es vielmehr, Bedingungen zu schaffen, die den Bürgerinnen und Bürgern Anreize bieten, vom Auto auf Fahrrad, Bus und Bahn umzusteigen. Dafür muss der ÖPNV innerhalb der Gemeinde verbessert werden, etwa durch bessere Taktung und Anbindung aller Wohnsiedlungen und eine schnelle Anbindung des Schienenverkehrs sowohl nach Hamburg als auch in die Umgebung.

Parallel müssen die Bedingungen für Radfahrer durch Reparatur und auch Erweiterung des Radwegenetzes erheblich verbessert werden.

Wie könnte das Ulzburger Zentrum, also das CCU und Umgebung, belebt werden?

Ich wünsche mir nachhaltige und klug geplante Wirtschaftspolitik in unserer Gemeinde, mit gezielten Investitionen in die Infrastruktur des Ulzburger Zentrums, die das Einkaufen und Verweilen hier attraktiver machen sollen. Eine interessante Mischung von Gewerbe und Geschäften, gepaart mit einem vielfältigen Angebot an Cafés und anderen Gas­tronomiebetrieben trägt dazu bei, auch nach den Ladenöffnungszeiten im Ortskern zu verweilen. Der Wochenmarkt sorgt bereits jeden Donnerstag für einige Stunden am Morgen für mehr Leben im Ulzburger Zentrum und hebt sich noch einmal vom Einkaufserlebnis im Supermarkt ab. Aber auch die Ansiedlung kultureller Einrichtungen gehört unbedingt zu einer Belebung in diesem Bereich.

Trotz der Nähe zu Hamburg sollten wir die Möglichkeit haben, vor Ort und ohne weite Wege Kunst und Kultur und dabei vor allem das Miteinander zu genießen. Kunst und Kultur können Menschen verschiedener Auffassungen und Altersgruppen zusammenbringen. Das schafft eine eigene Identität für unsere Gemeinde. Und gerade in diesen Zeiten, in denen das kulturelle Leben durch die Corona- Pandemie zum Erliegen kommt, erfahren wir, wie wichtig Kultur und soziales Miteinander für unser Wohlbefinden und unsere geistige Gesundheit sind.

Sehen sie noch eine Chance, die geplante Starkstromleitung aus dem Ort herauszuhalten?

Ja und die Gemeinde wird alle Möglichkeiten ausschöpfen, diese Planung für die Gemeinde positiv zu verändern. Aktuell befinden wir uns in der Phase, dass der Übertragungsnetzbetreiber Tennet den Antrag auf Planfeststellung für den Abschnitt Kreis Segeberg – Raum Lübeck (Schleswig-Holstein) der 380-kV-Ostküstenleitung beim Amt für Planfeststellung Energie (AfPE) in Kiel erneut eingereicht hat. Sobald die Unterlagen der Gemeinde vorliegen, werden wir diese auf technische, naturschutzfachliche, planungsrechtliche und abwägungsrechtliche Belange überprüfen und das weitere Vorgehen der Gemeinde abstimmen.

Welche Ziele haben Sie sich persönlich für die Ortsentwicklung gesetzt?

Die besonderen Qualitäten unserer Gemeinde möchte ich mit einer besonnenen Ortsentwicklung herausarbeiten und weiterentwickeln. Dabei möchte ich in eine qualitative Entwicklung der Infrastruktur investieren, damit unsere Ortsteilzentren belebter werden und für Wirtschaft und Kultur und als Ort zum Wohnen, Arbeiten und Leben entwickelt oder gestärkt werden. Den Erhalt der jeweiligen Ortscharaktere. Diese sind Zeugnis der Entwicklung der Ortsteile und ermöglichen eine Identifikation für die Bevölkerung mit ihrer Gemeinde im Gegensatz zu reiner Funktionalität. Diese verschiedenen Charaktere machen den Reiz unserer Gemeinde aus.

Gleichsam möchte ich kulturelle Anziehungspunkte in der Gemeinde schaffen, unsere Gemeindebücherei und die Volkshochschule als Orte der Begegnung mit attraktiven Angeboten weiterhin zu stärken und unser ehrenamtliches Engagement im Kulturbereich und in den Sportvereinen mit Räumlichkeiten unterstützen.

Das Konzept eines Dritten Ortes, das bereits mit der Politik diskutiert wird, scheint mir verschiedene Ziele, die ich mir als Bürgermeisterin für die Gemeinde gesetzt habe, anzupeilen: Es macht Kunst und Kultur möglichst vielen Menschen zugänglich, stärkt das Miteinander und sorgt dafür, dass auch weniger mobile Menschen am kulturellen Leben teilnehmen. Außerdem belebt es den Ortskern unserer Gemeinde und sorgt hier für Stätten der Begegnung.

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