50 Jahre Norderstedt

Special Olympics – Glück zählt keine Chromosomen

Franz Bechler spielt leidenschaftlich gern Floorball. Als Torhüter hat er dem deutschen Team bei den Special Olympics zu Bronze verholfen.

Franz Bechler spielt leidenschaftlich gern Floorball. Als Torhüter hat er dem deutschen Team bei den Special Olympics zu Bronze verholfen.

Foto: Thorsten Ahlf

Franz Bechler ist mit Down-Syndrom zur Welt gekommen. Der Norderstedter arbeitet bei den Werkstätten, liebt Sport, Theater – und Frauen.

Norderstedt.  Beim Treffen mit dem Abendblatt knöpft Franz Bechler plötzlich sein Hemd auf. Darunter trägt der 31-Jährige ein T-Shirt, auf dem sein Name und eine Telefonnummer stehen. Bei seinen Freunden ist Franz als Frauenheld bekannt. Aus diesem Grund haben sie ihm das Shirt bedrucken lassen. „Die Nummer ist aber gefälscht“, sagt er und lacht verschmitzt. Dann knöpft er sein Hemd wieder zu. Franz gibt sich einfach so wie er ist. Er macht sich keine Gedanken darüber, was andere über ihn denken könnten. Seine Freude am Sein und Leben ist ansteckend. Die Menschen um ihn herum können gar nicht anders, als sich in seiner Nähe wohlzufühlen.

Franz Bechler kam im April 1989 in Buxtehude mit Down-Syndrom zur Welt. Anstatt der üblichen 23 Chromosomenpaare besitzt Franz ein Chromosom zu viel. Das Chromosom 21 ist dreimal statt doppelt vorhanden – die Gesamtzahl seiner Chromosomen liegt bei 47 statt bei 46 wie bei gesunden Menschen. Aber es gibt da diesen wunderbaren Spruch über Menschen mit Trisomie 21, der wie für Franz gemacht ist, und der lautet: Glück zählt keine Chromosomen.

Franz Bechler gewann Bronze bei den Weltwinterspielen

Seit 2007 arbeitet Franz Bechler bei den Norderstedter Werkstätten. Die Einrichtung für Menschen mit Behinderung gibt ihm eine Aufgabe. Hier ist er unter Gleichgesinnten. Rund 300 geistig und psychisch behinderte Menschen sind bei den Werkstätten tätig. Nach seinem Schulabschluss am Förderzentrum am Hasenstieg hat Franz den Berufsbildungsbereich in der Werkstatt durchlaufen. Zwei Jahre lang hat er alle Arbeitsstellen, die die Einrichtung so zu bieten hat, kennengelernt und unter anderem im Garten, in der Küche und der Tischlerei gearbeitet. „Dann konnte ich wählen, was mir am besten gefällt.“ Franz hat sich entschieden, Autos aufzubereiten.

Nach zwei Jahren wechselte er zu Nordwork, einer der drei Außenstellen der Werkstätten. Dort führt Franz seitdem Montage- und Verpackungsarbeiten aus. „Das macht mir großen Spaß“, sagt er. Wenn Franz von seinem Job erzählt, dann immer mit einem Lächeln im Gesicht. Franz Bechler gehört zu den glücklichen Menschen, die jeden Morgen gerne aufstehen und zur Arbeit gehen. Das liegt nicht nur an seiner Tätigkeit, sondern an der positiven Grundstimmung in der Behinderten-Einrichtung. „Die Menschen hier verbreiten immer gute Laune.“

Wer die Werkstätten an der Stormarnstraße betritt, verlässt diesen Ort garantiert fröhlicher als zuvor. Die Menschen mit Handicap strotzen nur so vor Lebensfreude. Als sie die Einrichtung, ihr zweites Zuhause, während des Corona-Lockdowns drei lange Monate nicht betreten durften, fiel Franz Bechler in ein tiefes Loch. Man hatte ihm sein Lebenselixier genommen. „Ich habe oft geweint“, erzählt er aufrichtig. Die für behinderte Menschen so wichtige Tagesstruktur ist über Nacht einfach weggebrochen. Besonders habe Franz in dieser Zeit die menschliche Nähe vermisst, sagt er. Franz nimmt andere gern in den Arm.

Die Werkstätten bieten während der Arbeitszeit begleitende Maßnahmen an. Drei Kurse darf jeder Mitarbeiter belegen. Sie finden jeweils eine Stunde lang einmal in der Woche statt. Franz singt im Chor, übt Lesen und Schreiben und macht jeden Donnerstagmorgen Leichtathletik. Am liebsten mag er das Speerwerfen. Sport bedeutet dem Norderstedter unheimlich viel. „Ohne könnte ich nicht leben. Sport liegt mir am Herzen“, sagt er. Schon etliche Male hat Franz Bechler an den Special Olympics teilgenommen – das ist die weltweit größte Sportbewegung für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung.

Zum ersten Mal aktiv bei den Special Olympics war Franz bei den nationalen Sommerspielen 2008 in Karlsruhe. Zum System: Alle zwei Jahre finden nationale Sommer- und Winterspiele in Deutschland statt. Bei den Wettkämpfen kann man sich für die Weltspiele qualifizieren, die alle vier Jahre rund um den Globus ausgetragen werden. Diese Wettbewerbe sind vom Stellenwert vergleichbar mit den Olympischen Spielen, nur eben für Menschen mit geistiger Behinderung.

Zu den Weltwinterspielen hat Franz Bechler es bereits geschafft. Das war 2017 in Österreich, sein bisher größtes sportliches Erlebnis. Neben Leichtathletik spielt der Werkstätten-Mitarbeiter in seiner Freizeit leidenschaftlich Floorball beim Integrativen Sportverein Norderstedt (ISN). Das ist wie Eishockey, nur in der Halle. Deswegen zählt Floorball bei den Special Olympics auch zu den Wintersportarten.

Das wichtige Spiel um Platz drei ist in Franz Bechlers Gedächtnis noch so präsent, als wäre es erst gestern gewesen. Nachdem es nach der Verlängerung immer noch Unentschieden stand, kam es zum Penaltyschießen. Franz stand mit der Trikotnummer eins im Tor und hat den alles entscheidenden Ball gehalten. „Alle haben sich auf mich gestürzt“, erinnert sich der Torhüter. Hunderte Zuschauer jubelten der Mannschaft aus Deutschland zu, die gerade die Bronzemedaille gewonnen hatte. „Diesen Moment werde ich nie vergessen.“

Die Special Olympics sind so besonders wie die Menschen, die an ihnen teilnehmen. Bei den Wettkämpfen gibt es keinen Neid und keine Missgunst. Selbst wenn die Sportler nicht gewinnen, freuen sie sich ehrlich und von Herzen für die anderen. Mit der Teilnahme im Minispeerwurf an den Weltsommerspielen, die 2023 im eigenen Land in Berlin stattfinden, würde Franz sich einen Lebenstraum erfüllen. Bis dahin trainiert er fleißig weiter.

Wenn Franz Bechler nicht gerade auf dem Sportplatz zu finden ist, spielt er Theater oder malt Mandalas zu Hause in seiner Wohnstätte. Mit neun anderen Mitbewohnern lebt er in einer Wohngemeinschaft des Lebenshilfe-Werks Norderstedt. In dem Haus an der Falkenbergstraße gibt es insgesamt fünf Gruppen á zehn Bewohner. Franz gehört zur Gruppe Sonne. Er hat sein eigenes Zimmer und Badezimmer. Im großen Gemeinschaftsraum kochen und essen die Bewohner zusammen. Auch seine Freundin Jana lebt mit Franz in der Wohnstätte. Sie sind seit neun Jahren ein Paar.

Trotzdem bezeichnen ihn seine Mitbewohner und Freunde als Frauenheld. Nicht ganz zu unrecht, wie sich im Gespräch herausstellt. Wenn Franz von den vielen Reisen, die er zu den Wettkämpfen von Special Olympics bereits gemacht hat, schwärmt, dann vor allem deswegen: „Man lernt neue Städte und Menschen kennen“, sagt Franz und hält kurz inne, bis er mit einem schelmischen Grinsen hinzufügt: „Und Frauen.“

Der Frauenversteher sei er, weil er immer die Probleme der Frauen lösen würde, erklärt Franz. „Sie kommen zum Beispiel zu mir, wenn sie sich zwischen zwei Männern nicht entscheiden können.“ Und was rät er ihnen dann? „Erstmal müssen sie abklären, ob der andere Mann überhaupt mit ihnen zusammen sein möchte. Und dann würde ich den Neuen nehmen“, sagt er und bricht in lautes Gelächter aus. Für seine humorvolle Art mögen ihn die Menschen. Obwohl Franz mit einer Behinderung lebt, hat er sich nie ausgegrenzt gefühlt. Denn nicht die Anzahl der Chromosomen ist entscheidend. Sondern ob jemand das Herz am rechten Fleck trägt.