50 Jahre Norderstedt

Carsten Loock kann jetzt endlich was bewegen

Der Marktleiter von Hempels Gebrauchtwarenhaus Carsten Loock hat es sich auf einem betagten Sofa im Ausstellungsraum gemütlich gemacht.

Der Marktleiter von Hempels Gebrauchtwarenhaus Carsten Loock hat es sich auf einem betagten Sofa im Ausstellungsraum gemütlich gemacht.

Foto: Thorsten Ahlf

Der Marktleiter von Hempels Gebrauchtwarenkaufhaus in Norderstedt ist stolz, in seinem Job Themen wie Inklusion und Nachhaltigkeit zu vereinen.

Norderstedt.  Irgendwann, da war er knapp über 40, gab es in seinem Leben diesen Punkt, an dem er sich gefragt hat, wie es weitergeht. Ob noch was anderes geht. Oder ob er diesen Job jetzt einfach weitermacht. Noch 20 oder 25 Jahre lang. So wie die letzten 20 Jahre. Er war damals Marktleiter eines Baumarktes, hatte sich von unten hochgearbeitet. Er schien angekommen zu sein – doch es fühlte sich nicht richtig an, nicht mehr. Seit er Kinder hatte, fragte er sich immer öfter, wie er etwas zu deren Zukunft beitragen kann. Wie er sie besser machen kann, etwas bewegen kann. „Doch im Baumarkt schien mir das nicht möglich zu sein“, sagt Carsten Loock.

Er sitzt in seinem Büro, zwei mal drei Meter groß. Mehr Platz braucht er nicht, er ist lieber draußen als am Schreibtisch. Lieber bei den Mitarbeitern, den Menschen. An den Schreibtisch geht er nur, um Dienstpläne zu machen oder Kundenanfragen zu beantworten. Höchstens eine Stunde am Tag.

Von seinem Fenster aus kann er den Verkaufsraum sehen, die Herrenabteilung. Die Hosen hängen in einer langen Reihe an der Wand, die Hemden an einem Rundständer. Ab 2,00 Euro steht auf einem Schild auf dem Ständer. „Die Sachen sind tipptopp. Wenn etwas nicht in Ordnung wäre, würden wir es auch nicht zum Verkauf anbieten“, sagt Carsten Loock und klingt stolz.

Er ist heute immer noch Marktleiter. Aber nicht in einem Baumarkt. Sondern bei Hempels, Norderstedts Gebrauchtwarenhaus. Als er vor zwei Jahren durch Zufall eine Anzeige entdeckte, dass Hempels einen Marktleiter sucht, kam ihm das wie ein Zeichen vor. „Das passte wie der Deckel auf den Topf“, sagt der 46-Jährige und klingt immer noch aufgeregt. „Ich konnte weiter meinen Job als Marktleiter machen – aber gleichzeitig was bewegen, verändern.“

Da er zuletzt bei einem Baumarkt in Elmshorn arbeitete, kannte er Hempels zuvor nicht. „Doch als ich das erste Mal hier war, war ich sofort begeistert von dem Konzept“, sagt Loock und gibt zu, dass ihm ein reines Sozialkaufhaus vermutlich nicht gereicht hätte. „Es ist die Kombination aus Nachhaltigkeit und Inklusion“, so Loock. Er ist stolz darauf, dass Hempels dafür sorgt, dass jedes Jahr 700 Tonnen Material wiederverwertet werden – und nicht im Müll landen. Eine bessere Art zur Reduzierung des Müllaufkommens gibt es doch gar nicht, findet er.

Die Kunden kommen auch, weil sie ökologisch denken

Carsten Loock merkt, dass sich die Denkweise der Menschen geändert hat. Dass ihre Arbeit immer wichtiger wird, anerkannter ist. „Früher haben die Menschen vor allem bei Hempels eingekauft, weil es einfach unschlagbar günstig war. Heute tun sie das auch aus ökologischen Aspekten.“ Seit der Entstehung von Fridays for Future kauften viel mehr junge Leute bei Hempels ein.

Manchmal, wenn Carsten Loock durch den 1700 Quadratmeter großen Ladenraum läuft, hier und dort etwas gerade rückt oder mit einem der Mitarbeiter spricht, kann er selbst noch nicht glauben, wie sich alles entwickelt hat. Wie er sich entwickelt hat. Welchen Sinn sein Job, sein Leben, plötzlich macht. „Schon während meiner Zeit als Baumarkt-Leiter gab es Bemühungen, Menschen mit Behinderung zu integrieren. Doch meistens sind sie gescheitert“, sagt Loock, der damit immer unglücklich war. Sich mehr Möglichkeiten gewünscht hätte – und nichts machen konnte. Bis jetzt.

Jetzt, wo er sich überall einbringen kann, etwas verändern kann. „Das kannte ich vorher in der Form gar nicht“, sagt Carsten Loock und staunt manchmal selbst, wie gut sich das anfühlt. Wie stolz er darauf ist, dass bei Hempel Menschen mit und ohne Behinderung zusammenarbeiten. Von 25 Mitarbeitern haben fünf ein Handicap, wie es heißt, zusätzlich gibt es drei Schwerbehinderte.

Und trotzdem – oder gerade deswegen: „Wir achten darauf, dass wir keinen Unterschied zwischen unseren Mitarbeitern machen“, so Loock. Jeder wird entsprechend seinen individuellen Fähigkeiten eingesetzt. Ihm ist es wichtig, nicht die Defizite zu sehen, sondern die besonderen Talente. Und die habe jeder von seinen Kollegen. „Der eine kann zum Beispiel aufräumen und sortieren wie kein anderer von uns“, sagt der Marktleiter. Wenn man ihn nach den Geschichten seiner Mitarbeiter fragt, winkt er ab. „Unsere Passion ist es, dass die Kunden nicht merken, welchen Status ein Mitarbeiter hat. Ob er behindert ist oder nicht.“

Baseball spielte er bis auf Regionalliga-Niveau

Er achtet auf Fairness. Fairplay. Das sitzt drinnen, seit er als Kind erst Fußball und dann Baseball gespielt hat. Richtig hoch sogar, in der Verbands- und Regionalliga. Als nächstes wäre die Bundesliga gekommen. Doch irgendwann, als die Arbeit immer mehr und die Zeit immer knapper wurde, hat er aufgehört. Wenn er heute einen Baseballschläger sieht, juckt es ihn manchmal in den Fingern, ihn zu schwingen. Doch er spielt höchstens noch mit seinen Kindern im Garten und engagiert sich lieber bei der Freiwilligen Feuerwehr.

Wenn er zur Arbeit geht, wollen seine Kinder am liebsten mitkommen. Für sie arbeitet er in einem Paradies, wo es die schönsten Sachen gibt. Spielzeug und Bücher, Bälle und sogar Fahrräder. Und das alles so günstig, dass sie es sogar von ihrem Taschengeld kaufen könnten. Ein Kinderbuch und –kleidung gibt es ab 50 Cent. „Natürlich könnte man die Sachen auch teurer verkaufen – aber wir haben uns bewusst dagegen entschieden“, sagt Loock. Bei Hempels solle jeder einkaufen können. Deswegen verzichtet das Gebrauchtwarenkaufhaus derzeit auch auf den Verkauf über das Internet. „Weil nicht jeder einen Computer oder ein Handy hat“, so Loock.

Er hat ein Faible für die Buchabteilung, könnte stundenlang die Bücher sichten und sortieren. Knapp 50.000 Bücher werden jährlich verkauft – mehr als doppelt so viele bekommen sie gespendet. „Doch fast 60 Prozent müssen wir aussortieren, weil die Bücher vergilbt oder beschädigt sind – oder weil sie inhaltlich problematisch sind, also kriegsverherrlichend oder sexuell.“

Im vergangenen Jahr wurden etwa 468.000 Artikel verkauft. Am gefragtesten ist Bekleidung. Ab und zu bekommt Hempels auch richtige Schätze gespendet. Eine 150 Jahre alte Vitrine, die für 400 Euro verkauft wurde oder ein Sofa aus der Gründerzeit, das sogar 999 Euro einbrachte oder eine wertvolle Taschenuhr für 400 Euro. Sogar ein Auto wurde ihnen mal angeboten – das haben sie aber abgelehnt. „Die Gewährleistung ist zu komplex und kompliziert“, so der Kaufmann. Rentabel ist der Betrieb noch nicht. „Inklusion ist eben teuer“, sagt Loock. Doch es lohnt sich. Da ist er sich sicher.