Norderstedt

„Hat die Kulturpolitik keine Bedeutung mehr?“

Friedhelm Voß (r.), kulturpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, und Gunnar Becker, bürgerliches Mitglied im Kulturausschuss, vor dem Kulturwerk Norderstedt.

Friedhelm Voß (r.), kulturpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, und Gunnar Becker, bürgerliches Mitglied im Kulturausschuss, vor dem Kulturwerk Norderstedt.

Foto: Heike Linde-Lembke

CDU-Politiker kritisieren Stillstand in der Norderstedter Kulturszene. Obwohl es genügend Themen gebe, falle der Kulturausschuss laufend aus.

Norderstedt.  „Es geht nichts voran“, sagt Gunnar Becker, CDU-Politiker und Trompeter im Symphonischen Blasorchester Norderstedt. Was Becker meint, ist die Kulturpolitik in Corona-Zeiten. Kultur sei gerade jetzt immens wichtig und müsse daher auch gefördert werden. Und genau in dieser Phase blieben die kulturpolitisch Verantwortlichen untätig, wie Becker findet. „Der Ausfall der Kulturausschuss-Sitzung hat mich wahnsinnig geärgert. Wenn der Amtsleiter keine Themen hat, dann finde ich das sehr traurig“, sagt Becker.

Gemeinsam mit seinem Fraktionskollegen Friedhelm Voß, dem kulturpolitischen Sprecher der CDU, stellt sich Becker die Frage, welchen Stellenwert die Kulturpolitik derzeit im Rathaus hat. Nicht nur im September fiel die Kulturausschusssitzung aus. Nur im Januar, Juni und August gab es Sitzungen, ansonsten Ausfälle, teilweise coronabedingt, teilweise wegen der Sommerpause. Daher hätte es für die September-Sitzung doch eigentlich genügend Themen geben müssen, sagen Becker und Voß.

„Es ist schon sehr verwunderlich, dass in einer Zeit, in der unsere Kulturträger ebenso wie unsere Volkshochschule und andere Bildungs- und Kultureinrichtungen der Stadt massiv von Einschränkungen und Problemen betroffen sind, die SPD und die Kulturamtsleitung scheinbar keine Notwendigkeit für Sitzungen sehen“, sagt Voß. Warum sei der September-Sitzungstermin nicht beispielsweise dafür genutzt worden, die Kulturvereine nach ihren Sorgen und Nöten zu fragen und gemeinsam kreative Lösungen zu finden?

Ein großes Thema sei es beispielsweise, das demnächst leerstehende Karstadt-Haus mit 10.000 Quadratmetern für Norderstedts Kultur zu nutzen. „Ich würde es sofort unterstützen, wenn wir das Bildungshaus in die Karstadt-Räume packen, das wäre günstiger und schneller und ein guter gesellschaftlicher Treffpunkt“, sagt Gunnar Becker. Der CDU-Politiker lobt aber auch das bislang in der Stadt Erreichte: „Wir leben in einem Kultur-Paradies, das sieht woanders ganz anders aus. Die Verwaltung leistet viel für die Kultur, und die Politik ermöglicht das.“

Corona habe die Kapazitäten im Kulturamt gebunden

Aber man müsse sich die Stadt einmal genau angucken. Es gebe beispielsweise in den Schulen Möglichkeiten, um Proben- und Aufführungsräume zu schaffen. Andererseits würden viele Kulturträger nicht wissen, wer für was Ansprechpartner in der Verwaltung ist. Die Hygieneregeln würden vom Ordnungsamt bestimmt, die Raumbeschaffung von der Abteilung „Räume und Organisation“ und weitere Themen im Kulturamt. „Einige Kulturträger haben auch Angst, auf die Verwaltung zuzugehen, es findet kein Dialog mehr statt“, moniert Becker. Im Rathaus stößt die Kritik der CDU bei Kulturamtsleiter Dieter Powitz auf Verständnis. Er stimmt der CDU zu, dass es jede Menge Themen gebe. Aber bisher habe das Kulturamt in der Corona-Pandemie eben vordringlich Hygiene-Konzepte für die Stadtbüchereien, die Volkshochschule, die Musikschule und den Festsaal am Falkenberg erarbeitet. Das hätte viel Zeit gekostet.

Kulturpolitisch seien aus der Sicht von Powitz der Kulturentwicklungsplan, der Bau des Bildungshauses, die Probenräume für die Chöre, Orchester und Amateurtheater derzeit wichtig. Und er habe noch mindestens drei weitere große Themen, über die er jetzt aber noch nicht öffentlich sprechen möchte, sagt Powitz. Das Kulturamt würde derzeit die Tagesordnungspunkte für die nächsten Sitzungen am 22. Oktober und im November zusammenstellen und mit der Kulturdezernentin Anette Reinders und dem Ausschuss-Vorsitzenden Emil Stender (SPD) abstimmen. Zufrieden verwies Powitz auf den „Corona-Fonds“ von 380.000 Euro. Die Kulturträger können aus diesem Topf Zuschüsse für coronabedingte Ausfälle wie nicht durchführbare Aufführungen beantragen, um Mieten oder sonstige Kosten zu begleichen. Das Geld kommt aus dem Etat für das Stadtfest zum 50-jährigen Bestehen Norderstedts, das wegen Corona nicht stattfand – zustande kam der Fonds auf Anregung der CDU-Fraktion.

Der SPD-Kulturausschussvorsitzende Emil Stender sah keine andere Möglichkeit, als die Kulturausschusssitzung ausfallen zu lassen. Aus den Fraktionen lagen keine Anträge vor und aus der Verwaltung keine Beschlussvorlagen. „Wenn es den Mitgliedern der CDU-Fraktion ein großes Anliegen gewesen wäre, einen bestimmten Punkt in der September-Sitzung zu beraten, so hätten sie sicherlich einen Antrag auf Aufnahme dieses Punktes auf die Tagesordnung gestellt“, sagt Stender.

Im übrigen bedeute eine ausgefallene Sitzung nicht, dass sich in der Kulturpolitik nichts tue. Die Verwaltung sei in engem Austausch mit den Kulturträgern, sodass Stender keinen Bedarf für eine Sitzung mit den Vereinen sehe.

Zum CDU-Vorschlag, die Kulturträger nach ihren Sorgen und Nöten zu fragen, schreibt der SPD-Ausschuss-Vorsitzende: „Es gibt mehr als 30 Kulturträger in Norderstedt. Wenn wir zu einer Ausschusssitzung neben den Mitgliedern des Ausschusses und der Verwaltung auch noch die Vertreter der Kulturträger einladen, und zwar unter Berücksichtigung der derzeit bestehenden Abstandsregeln, dann müssten wir möglicherweise nach Hamburg in die Elbphilharmonie ausweichen.“

Die Kulturträger indes haben vielfach ihren eigenen Corona-Weg gefunden. Die niederdeutschen Amateurtheater haben ihre Herbst-Aufführungen bereits aufs Frühjahr 2021 verlegt, weil sie wegen der Abstandsregelungen zu wenig Publikum hätten und damit ihre Kosten nicht decken könnten. Das Theater Life probt nach einem Hygienekonzept im Steertpoggsaal, hätten allerdings Terminschwierigkeiten, weil der Raum jetzt auch für städtische und andere Sitzungen genutzt werden würde. „Unser Weihnachtsmärchen ,Prinzessin auf der Erbse’ ist ein Musical, wir haben die Musik wegen Corona aufgenommen und spielen sie Vollplayback“, sagt Regisseurin Silke Ahrens-Rapude. Sie hofft zudem auf weitere Lockerungen, um ohne Mundnasenschutz spielen zu können.

„Wir klären alles mit der Verwaltung und haben somit für ein Gespräch mit dem Kulturausschuss keinen Bedarf“, sagt Michael Scharbert, Leiter des Amateurtheaters Pur, der mit den Proben für das Weihnachtsmärchen „Cinderella“ befasst ist. Es sei aber ein harter Kampf um Proben- und Aufführungstermine. Auch er hofft auf weitere Lockerungen.

„Wir haben alle Aktivitäten runtergefahren, haben aber keine Miet- und sonstige Kosten und daher keinen Gesprächsbedarf mit dem Ausschuss“, sagt Rolf Krohn vom Fotoclub Norderstedt.