Norderstedt

Quarantänetagebuch: Krönchen und Krawalle

Jan Schröter schreibt das Corona-Quarantänetagebuch.

Jan Schröter schreibt das Corona-Quarantänetagebuch.

Foto: Jan Schröter / Schröter

Verdammtes Coronavirus! Jan Schröter erfährt nichts mehr über die Skandale des Hochadels.

Ich kann nicht mehr mitreden. Weiß über gar nichts mehr Bescheid. Welcher Promi nimmt welche Drogen, wer hat was mit wem oder hat etwas gegen wen. Steuerskandale in der Wirtschaft, Dopingskandale im Sport, Mobbing, Murks & Mutationen. Und was in manchen Königshäusern so alles los ist, will man ja eigentlich gar nicht wissen, liest man dann aber doch ganz gern. Wenn man es denn kann.

Mein Zugang zu diesen Informationen ist leider gekappt, und daran ist Corona Schuld. Denn seit Ausbruch dieses leidigen Leidens fehlen sie in sämtlichen Arztpraxen und Frisiersalons: die im Wartebereich ausgelegten Zeitschriften. All die bunten Blätter, die wir niemals sonst und nirgendwo anders lesen. Aber beim Arzt oder beim Friseur, da muss es sein. Nachwuchs bei Prinzessin Sowieso, der alternde Schlagerstar und das blutjunge Model. Nun liegen dort keine Illustrierten mehr auf dem Tisch.

Überhaupt sieht man diesen Tisch zum ersten Mal, früher war der flächendeckend mit mehr oder weniger zerlesenem Druckwerk überhäuft. Wir dürfen zwar immerhin noch im Wartezimmer warten, im Durchzug bei geöffneten Fenstern und Türen, aber zu Lesen gibt’s nichts mehr. Dabei hat jeder der Anwesenden sich allein auf dem Weg von draußen bis zum Sitzplatz mehrfach die Hände desinfizieren müssen. Und das bisschen Aerosol, was noch durch die Maske dringt, wird von der prallen Enthüllungsstory über den Butler der Queen aufgesogen. Auf diese Weise wird das Virus sofort trockengelegt und damit unschädlich gemacht.

Um sich völlig abzusichern, könnte man neben der Klatschpresseauswahl einen Karton mit Einmal-Handschuhen aufstellen – einige dieser Blätter sind bekanntlich inhaltlich so schmierig, dass man sie ohnehin besser nicht mit bloßen Händen anfassen sollte. Es muss einfach eine Lösung geben, damit Ärzte und Friseure wieder diese Lektüre auslegen. Ich kann doch nicht meinen sowieso schon nicht allerbesten Ruf riskieren, indem ich im Laden mit dem „Goldenen Krönchen-und-Krawalle-Blatt“ an der Kasse stehe! In meinem Alter kann ich nicht mal mehr behaupten, das sei bloß für meine Oma – glaubt mir keiner, zu Recht.

Wenn das mit Corona noch lange dauert, bin ich komplett raus. In den Adelshäusern wächst eine mir unbekannte, namenlose Generation junger Blaublütiger heran. Ich weiß nichts vom neuen Sportwagen, den ich mir niemals leisten könnte und den ich sonst nur in der Autozeitschrift beim Arzt sähe, die ich mir niemals kaufen würde. Mir entgehen sämtliche pseudowissenschaftlichen Reportagen über mysteriöse, neuartige Syndrome. So kann ich mir keine exotischen Krankheiten einbilden und mit dem Arzt bloß über meine alten, langweiligen Gebrechen reden – das hat er nun davon, wenn er mein Konversationsfutter aus dem Wartezimmer verbannt. Mal abgesehen davon, dass eine Pandemie viel Aufregung verursacht, ist das Leben mit Corona vor allem eins: ziemlich langweilig. Zum Glück gibt’s Home-Office. Da lese ich das „Goldene Krönchen-und-Krawalle-Blatt“ online.