Schwierige Verkehrswende

Sicherheit für Radfahrer contra Autofahrer-Komfort

Parkplätze oder Radwege? Die Stadtvertreter Marc Muckelberg (Grüne, links) und Tobias Mährlein (FDP) auf der Marommer Straße.

Parkplätze oder Radwege? Die Stadtvertreter Marc Muckelberg (Grüne, links) und Tobias Mährlein (FDP) auf der Marommer Straße.

Foto: Andreas Burgmayer

Am Beispiel der Marommer Straße in Norderstedt wird gerade deutlich, wie schwierig die Verkehrswende sein kann.

Norderstedt. Geht das schon wieder los. „Wir müssen hier diese boshafte Ideologie loswerden, von wegen das Rad ist toll, und das Auto ist böse!“, ereifert sich FDP-Stadtvertreter Tobias Mährlein am Donnerstagabend im Verkehrsausschuss. Das ist die Retourkutsche in Richtung des grünen Stadtvertreters Marc Muckelberg, der nach der letzten hitzigen Sitzung des Gremiums Mährlein und CDU-Stadtvertreter Patrick Pender abschätzig als Vertreter der „Autofahrerparteien“ verunglimpft hatte. Der Ausschussvorsitzende Nicolai Steinhau-Kühl (SPD) mahnt zur Mäßigung im Ton. „Bitte nicht persönlich werden!“

Der Grund dafür, dass Kommunalpolitiker sich in leidenschaftlichen Debatten angehen und seit Wochen auf keinen gemeinsamen Nenner, geschweige denn zu einem Beschluss kommen, ist ein Radweg. Er soll auf der Marommer Straße entstehen. Da gibt es nur einen Radweg am südlichen Straßenrand. Auf der Nordseite sind Radfahrer gezwungen, die Straße zu nutzen. Der Fußweg dort ist zu schmal, damit Fußgänger und Radfahrer dauerhaft unfallfrei aneinander vorbeikommen. Im ersten Abschnitt der Marommer Straße zwischen Ulzburger Straße und Bogenstraße lässt sich der Radweg von der Straße abknapsen, als Schutzstreifen. Das politische Problem ergibt sich zwischen der Einmündung des Aurikelstiegs und dem Ende der Marommer Straße an der Kohfurth: Hier müssten 40 Parkplätze am Straßenrand weichen für den Bau eines Radweges. Und Parkplätze sind für überzeugte Autofahrer so etwas wie die heilige Kuh des Straßenraums.

Damit wird die Planung zum Exempel. Für den Kampf um die Flächen im öffentlichen Raum. Für die Gleichberechtigung zwischen allen Verkehrsteilnehmern und die Abwägung ihrer Interessen. Letztlich für die Frage, wie ernst es der „fahrradfreundlichen Stadt Norderstedt“ mit der Verkehrswende ist. Denn parteiübergreifend wird kaum in Abrede gestellt, dass sich was tun muss beim „Modal Split“ („Verkehrsmittelwahl“, siehe Text rechts) und sich die Verhältnisse in Richtung Radfahren, zu Fuß gehen, ÖPNV und weg von der Autonutzung verschieben müssten.

Sicherheit der Radfahrer gegen Komfort für Autofahrer

„Wir müssen auf der Marommer Straße alle Interessen unter einen Hut bekommen“, sagt Tobias Mährlein. Beim gemeinsamen Ortstermin mit Marc Muckelberg ein paar Tage vor der Sitzung, macht der FDP-Mann seine Bedenken klar. „Wenn wir hier 40 Parkplätze einfach wegnehmen – wo sollen dann zum Beispiel Pflegedienste parken, die zu den vielen älteren Menschen müssen, die hier leben, wo die Besucher der Häuser oder Lieferdienste?“ Dann zeigt Mährlein auf den Radweg, der auf der Südseite der Marommer Straße besteht. „Den könnte man doch prima zu einem Zweirichtungsradweg umbauen. Dann kommen alle Radfahrer sicher ans Ziel und die Parkplätze bleiben erhalten.“

Marc Muckelberg seufzt. „Ein Zweirichtungsverkehr auf dem Radweg ist das gefährlichste, was wir machen können.“ Er weiß, wovon er redet. „Ich hatte auf dem Rad einen Zusammenstoß mit einem entgegen der Fahrtrichtung auf dem Radweg fahrenden Radler – und zwei Wochen den Arm in Gips. Wenn sich Stadtverwaltung, Verkehrsaufsicht und die Polizei für den Bau des Radweges und die Wegnahme der Parkplätze aussprechen, dann sollte man endlich von der Stadt für Autos ablassen und an eine Stadt für Menschen denken, sagt Muckelberg. „Wir dürfen den Menschen nicht vorschreiben, welches Verkehrsmittel sie nehmen“, beharrt Mährlein. „Wir wollen keinen Zwang! Es geht um Angebotsplanung. Erst wenn die Radwege gut ausgebaut sind, werden sich viele Leute für das Rad und gegen das Auto entscheiden“, sagt Muckelberg.

Im Verkehrsausschuss scheitern Tobias Mährlein und Patrick Pender mit ihrem gemeinsamen Antrag, einen Zweirichtungsradweg einzurichten. Baudezernent Christoph Magazowski bemerkt, dass die Verkehrsaufsicht das kategorisch ablehne und die Stadt das nicht umsetzen könne. Im Übrigen, ergänzt die Radverkehrsplanerin Christine Haß, könne die Politik so einen Radweg gar nicht beschließen, der könne nur von der Verkehrsaufsicht angeordnet werden. Diese Lösung ist also keine. Das Parkplatzproblem muss gelöst werden – sonst scheitert der Radwegebau auf der Marommer Straße.

„Ein Vorschlag zur Güte“, sagt schließlich Mario Kröska, seit 26 Jahren mit Verkehrsplanung im Rathaus betraut. „Ich rede jetzt mal mit den Investoren der großen Wohnhäuser an der Nordseite der Marommer Straße.“ Denn die Stadtverwaltung hat den Eindruck, dass die 40 infrage stehenden öffentlichen Parkplätze auch von den Anwohnern belegt sein könnten. Denn: Die privaten Parkplätze auf den geräumigen Parkflächen direkt vor den Häusern – das ergab eine Prüfung in den letzten Tagen – stünden hingegen zu allen Tages- und Nachtzeiten fast leer. „Tiefgaragen gibt es dort auch noch. Aber vielleicht ist es bequemer für die Anwohner, direkt auf der Straße zu parken, statt in die Garage oder die beschrankten Parkplätze zu fahren“, mutmaßt Christine Haß. Das macht Nicolai Steinhau-Kühl (SPD) ungehalten: „Ein so großer Wohnungsbau darf sich bei den Stellplätzen nicht auf die Stadt verlassen.“ Kröska will nun schauen, ob die Eigentümer der Häuser bereit wären, auf den privaten Flächen Parkplätze für Pflege- oder Lieferdienste bereitzustellen.

Und so zeigt Kröska im Kleinen, wie die Verkehrswende im Großen gelingen kann. Denn in der Politik – außer bei der AfD, die eine Streichung der Parkplätze ablehnt – zeichnet sich nun eine mögliche Mehrheit für die Radwegeplanung ab. „Das ist das Augenmaß, das wir uns bei dieser Planung gewünscht haben“, sagt Patrick Pender. Der Beschluss über den Radweg wurde vertagt. Bleibt zu hoffen, dass nun die Hauseigentümer mitmachen beim Austarieren der Interessen aller Verkehrsteilnehmer.