50 Jahre Norderstedt

Bei Ali Amiri kann man Wassermelone rauchen

Ali Amiri (32) stammt aus Kabul. Mit der First Lounge hat er in der Stadt einen Treffpunkt für junge Erwachsene geschaffen.

Ali Amiri (32) stammt aus Kabul. Mit der First Lounge hat er in der Stadt einen Treffpunkt für junge Erwachsene geschaffen.

Foto: Thorsten Ahlf

32-Jähriger betreibt Shishabar First Lounge an der Ohechaussee. Der gebürtige Afghane flüchtete als Kind – Deutschland ist seine Heimat geworden.

Norderstedt. Mazar-i-Sharif, im Norden von Afghanistan, vor knapp 22 Jahren. Ein kleiner Junge, zehn Jahre alt, besucht seine Großeltern. Es ist die Zeit der Taliban-Offensive in der Region, die radikalen Islamisten kämpfen gegen die Truppen des Milizenführers Dostum. Die Stadt fällt. „Die Taliban haben Mazar-i-Sharif eingenommen, sie haben Menschen misshandelt, verschleppt. Ich habe den Kontakt zu meinen Eltern verloren“, erinnert sich Ali Amiri. Seine Mutter, sein Vater, die Geschwister sind in Kabul geblieben.

Ali flieht zusammen mit seinen Großeltern, sie wollen auf keinen Fall den Taliban in die Hände fallen. Fast ein Jahr sind sie auf einer Landroute über Russland und die Ukraine unterwegs. Irgendwann kommen sie in Deutschland und schließlich in Hamburg an. Der mittlerweile elfjährige Ali wird von den Behörden registriert, er besucht fünf Monate einen vorbereitenden Sprachkursus, dann gelten die Deutschkenntnisse als ausreichend, um ab der sechsten Klasse eine Schule zu besuchen. Er ist ein guter Schüler, schließt die Realschule mit einem Schnitt von 1,0 ab, macht dann sein Fachabitur (3,2).

Heute, im Sommer 2020, sitzt Ali Amiri auf einer gemütlichen Couch in der First Lounge. Die Shishabar an der Norderstedter Ohechaussee ist sein Laden. Und sein ganzer Stolz. „Mich selbstständig zu machen, war immer, was mich interessiert hat. Ich komme aus einer Unternehmerfamilie.“ Bereits als 19-Jähriger habe er versucht, ein italienisches Restaurant in St. Georg zu etablieren. Ein Fehlschlag, das Konzept funktionierte nicht. „Danach habe ich jahrelang als Angestellter, als Minijobber gearbeitet.“

Er wartete auf die passende Gelegenheit für einen zweiten Anlauf. Diese kommt Ende 2015, als eine Immobilie, in der früher unter anderem die Commerzbank eine Filiale hatte, verfügbar wird. „Ich wollte einen Treffpunkt schaffen, und ich wollte auf eigenen Beinen stehen“. Verwandte und Freunde helfen mit Krediten, sodass er genügend Startkapital zur Verfügung hat.

Shishas, also Wasserpfeifen, gehören zu einer Kultur, die ihren Ursprung wohl im 15. und 16. Jahrhundert in Persien hat. Zusammen zu rauchen, schafft Gastfreundschaft und Zusammengehörigkeit, hat einen symbolischen Wert. Längst ist das Shisharauchen – gerade in Städten – etabliert, die Bars sind wichtige Bezugspunkte für junge Erwachsene. Im deutschen Rap hat sich sogar mehr oder weniger eine Art Subgenre mit relativ seichtem Sound entwickelt, das über die millionenfach verbreitete „Shishaclub Playlist“ des Streamingdienstes Spotify populär geworden ist. Für Künstler ist es von hoher Bedeutung, dort vertreten zu sein. Und nach dem rechtsextremistischen Terroranschlag im hessischen Hanau (19. Februar), bei dem auch eine Shishabar Ziel war, taten sich rund 20 Musiker zusammen und nahmen einen Song auf, dessen Einnahmen an die Hinterbliebenen gingen.

„Shishabars sind für jüngere Menschen, aber auch ältere, hier kann man sich entspannen, es entstehen soziale Kontakte“, sagt Amiri, „hier lernen sich viele Menschen kennen“. Das Vorurteil, wonach hier mehrheitlich Menschen mit Migrationshintergrund, vorzugsweise aus dem arabischen oder südeuropäischem Raum, zusammenkommen, kann er nicht bestätigen. „Zwei Drittel bei mir sind Deutsche ohne Migrationshintergrund.“

Amiri hat sieben Angestellte und täglich geöffnet

Gäste können aus rund 100 Sorten Tabak auswählen. Am beliebtesten derzeit? „Apfel, Traube, Wassermelone, Pistazie, Blaubeere“. Amiri will es nicht verherrlichen, natürlich ist Tabak per se nicht gesund. Alles sollte in Maßen gemacht werden. Zutritt bei ihm haben nur Volljährige. Er schenkt auch Alkohol aus, Cocktails und Milchshakes. Aber: „Der Unterschied zwischen Shisha und Schnaps? Nach einer Shisha bist du noch du selbst.“

Amiri hat sieben Angestellte, zahlt Steuern, arbeitet selbst sieben Tage in der Woche, hat immer von 13 Uhr bis in die Nacht auf. „Die Dankbarkeit gegenüber dem deutschen Staat ist mir sehr wichtig. Dafür, dass ich als Flüchtling in das Land kommen konnte, dass mir eine Möglichkeit gegeben wurde. Wenn man fleißig ist, bereit ist, für seinen Traum zu arbeiten, kann man alles erreichen.“ Er hat sowohl die afghanische als auch die deutsche Staatsbürgerschaft, „aber meine Heimat ist in Deutschland“.

Die Corona-Krise hat zwar auch ihn ausgebremst, doch in Schleswig-Holstein durften Shishabars weitaus früher (im Juli) wieder den Betrieb aufnehmen als in Hamburg. Mehr noch: Ali Amiri hat großen Anteil daran, dass seit dem 1. September auch die Bars in der Hansestadt wieder offen haben.

Wie es dazu kam? „Viele der Betreiber in Hamburg kenne ich persönlich.“ Letztlich wurden Politiker auf die First Lounge aufmerksam, die – direkt an der Landesgrenze – bei vollem Haus den Infektionsschutz gewährleistete. Die SPD-Bürgerschaftsabgeordneten Sarah Timmann und Alexander Mohrenberg kamen daher nach Norderstedt, um sich vor Ort zu informieren.

„Sie wollten sehen, wie wir das Infektionsrisiko minimieren. Wir haben gezeigt, wie man Shishapfeifen reinigen und desinfizieren kann. Und ich habe ihnen Einwegschläuche vorgeschlagen.“ Die Gäste werden zudem digital erfasst. „Die Stadt Norderstedt weiß, dass wir vernünftig arbeiten. Hier herrschen Ordnung und Sauberkeit. Stammgäste können eigene Schläuche haben, die anderen benutzen Einweg- oder gereinigte Schläuche.“ Die Mundstücke sind generell aus Einwegplastik, anders geht es nicht. Den Kollegen zu helfen, sei für ihn selbstverständlich gewesen. „Unser Umsatz war höher, aber ich wollte menschlich bleiben, wollte nicht, dass Leute pleitegehen.“

Ganz unten zu sein, wünscht er niemandem. „Ich bin ein Kämpfer, habe viel Leid gesehen in meinem Leben.“ Den Teil seiner Familie, der noch in Afghanistan lebt, unterstützt er finanziell, regelmäßig schickt er Geld. „Ich unterstütze dort auch arme Menschen, Waisenkinder.“ Es motiviert ihn weiterzumachen. Amiris nächstes Projekt: ein Lebensmittelmarkt. „Unabhängig zu sein, diesen Traum konnte ich mir erfüllen.“