Norderstedt

„Die Zeit hat uns noch enger zusammengeschweißt“

Yi-Ling und Thorben von Mackensen mit ihrem Sohn Mika, der das Down-Syndrom hat. Wegen der Corona-Pandemie fielen wochenlang alle Betreuungs- Therapie- und Pflegeangebote für den Sechsjährigen weg – es war eine sehr anstrengende Zeit für die Norderstedter Familie.

Yi-Ling und Thorben von Mackensen mit ihrem Sohn Mika, der das Down-Syndrom hat. Wegen der Corona-Pandemie fielen wochenlang alle Betreuungs- Therapie- und Pflegeangebote für den Sechsjährigen weg – es war eine sehr anstrengende Zeit für die Norderstedter Familie.

Foto: Annabell Behrmann

Eine Familie berichtet von den Herausforderungen, die sie in Zeiten der Pandemie mit ihrem behinderten Sohn erlebt.

Norderstedt.  Die Corona-Krise hat viele Familien vor eine große Herausforderung gestellt. Als die Schulen und Kitas geschlossen waren, mussten Eltern einen Spagat zwischen Homeoffice und Homeschooling meistern. Nicht selten turnten bei Videokonferenzen die Kinder im Hintergrund herum. Sie langweilten sich, vermissten die gewohnte Struktur und ihre Freunde. „Ganz viele Eltern hatten genau die gleichen Probleme wie wir. Unsere Situation war nichts Besonderes. Vielleicht war die Intensität bei uns nur ein bisschen höher“, sagt Thorben von Mackensen.

Der 41-Jährige ist Vater eines behinderten Sohnes. Mika ist mit Down-Syndrom zur Welt gekommen und litt als Säugling unter einer frühkindlichen Epilepsie. Noch spricht der Sechsjährige nicht, arbeitet aber regelmäßig mit einer Logopädin zusammen. Allerdings konnte Mika während der Pandemie für viele Wochen nicht mit seiner Therapeutin üben. Nicht nur die Betreuung in der Kita ist weggefallen, sondern auch jegliche Therapie- und Pflegeangebote. „Als die Logopädin wieder zu uns nach Hause kam, wurde Mika zum ersten Mal seit Wochen nicht von uns betreut. Das war herrlich“, sagt Mutter Yi-Ling von Mackensen.

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Viele Familien mit behinderten Kindern fühlen sich in der Pandemie überfordert

Familie von Mackensen aus Norderstedt gewährt einen Einblick in ihren Corona-Alltag mit einem behinderten Kind. In einer Online-Umfrage haben das Inclusion Technology Lab Berlin und das Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT in einer Online-Umfrage erforscht, wie Familien mit behinderten Kindern die Pandemie erleben. Mehr als 46 Prozent der Befragten fühlen sich in der Betreuung überfordert. Die von Mackensens gehören zur anderen Hälfte. Das liegt vor allem daran, dass sie sich gut organisieren konnten.

Yi-Ling von Mackensen arbeitet als Hausärztin in der klinischen Forschung, ihr Mann ist Ingenieur. Beide haben verständnisvolle Arbeitgeber und konnten während des Lockdowns viel von zu Hause arbeiten. „Wir haben viel Glück“, sagen sie. Eine enorme Hilfe war ihnen Mikas großer Bruder. Der Zwölfjährige wurde häufig eingespannt, um auf den Jüngeren aufzupassen. „Er hat uns oft über den Tag gerettet, wenn wir Telefonkonferenzen hatten“, berichtet die 42 Jahre alte Mutter mit sehr viel Dankbarkeit.

Mit den ersten Lockerungen ist die Erschöpfung eingetreten

Nichtsdestotrotz sei die Situation natürlich nicht einfach gewesen. „Man hatte keine andere Wahl. Wir mussten funktionieren“, sagt Thorben von Mackensen. „Das zehrte. Aber es hat erstaunlich gut geklappt. Das Loch kam erst mit den ersten Corona-Lockerungen. Dann ist die Anspannung ein wenig abgefallen und die Erschöpfung eingetreten.“ Als die Familie nach vielen Wochen in einer kritischen Phase an ihre Grenzen geriet, bekam sie zweimal in der Woche Unterstützung von der Lebenshilfe.

Familie von Mackensen hat eine sehr enge Bindung zueinander. Besonders während der langen Wochen ohne andere soziale Kontakte war dies ein großer Vorteil. „Weil wir als Familie so sind, wie wir sind, haben wir alles gut hinbekommen“, sagt Yi-Ling von Mackensen. Wenn sie der Corona-Krise etwas Positives abgewinnen kann, dann das: „Die Zeit hat uns noch enger zusammengeschweißt.“ Auch das Verhältnis der Geschwister hätte sich positiv entwickelt, berichten die Eltern. „Natürlich ist es für den Großen manchmal nicht ganz einfach, weil Mika mehr Aufmerksamkeit braucht“, sagt Thorben von Mackensen. „Aber sie haben sich durch die intensive Zeit, die sie miteinander verbracht haben, viel besser kennengelernt.“

Inzwischen wurde Mika eingeschult. Er besucht nun die Förderschule am Hasenstieg in Norderstedt. Die Auswirkungen des Lockdowns habe man ihm zwar nicht extrem angemerkt, sagen seine Eltern. „Aber er ist nun viel ausgelasteter.“ Auch jegliche Therapie- und Pflegeangebote finden wieder statt. „Als Mika nach rund acht Wochen seine Verhinderungspflege wiedergesehen hat, haben seine Augen geleuchtet.“