Norderstedt

Wie aus einem Landei „die rote Edda“ wurde

Edda Lechner stellt am 23. September in der Norderstedter Johanneskirche ihr Buch „Jesus – Marx –  und ich“ vor.

Edda Lechner stellt am 23. September in der Norderstedter Johanneskirche ihr Buch „Jesus – Marx – und ich“ vor.

Foto: Christopher Herbst

Pastorin, Aktivistin, Schlosserin: Im Buch „Jesus – Marx – und ich“ schreibt die ehemalige Norderstedter Pastorin Edda Lechner über ihr Leben.

Norderstedt.  Schon früh konnte sie Ungerechtigkeit nicht ausstehen. Und ebenso früh hat sie gelernt, dass sie ihre Überzeugungen entschieden vertreten muss. Danach hat Edda Lechner gehandelt, konsequent und schnörkellos. Auch dann, als der Weg steinig und der Widerstand gewaltig war. Und das war oft der Fall im Leben einer Frau, die in der Kirche Meilensteine gesetzt und als kämpferische Theologin unter dem Spitznamen „die rote Edda“ über Jahre die Kirchenleitung in Schleswig-Holstein und die Medien beschäftigt hat.

Mitten reingefallen ist die heute 81 Jahre alte Norderstedterin in die „wilden 68er“. Die Studentenrevolte, die den „Muff aus den Talaren“ pustete und den Sozialismus propagierte, hat ihrem Leben eine entscheidende Wende verpasst: Weg von Gott und der Kirche, hin zu Mao und dem Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW). „Vor zwei Jahren hat sich das historische Phänomen der 68er-Jahre zum 50. Mal gejährt und brachte eine Reihe von Publikationen hervor. Dem möchte ich, wenn auch leicht verspätet, meine eigene Sicht hinzufügen“, sagt Edda Lechner. „Jesus – Marx – und ich, Wege im Wandel“, heißt ihr Buch, das sie am Mittwoch, 23. September, von 19 Uhr an in der Norderstedter Johanneskirche vorstellen wird.

Auf gut 400 Seiten zeichnet die Autorin ihren Weg vom „Landei“ bis zur streitbaren Pastorin, ihrem Kirchenaustritt, linker Politik und Ausbildung zur Schlosserin nach. 1939 wird sie als Edda Groth und fünftes von sechs Kindern in Rederstall mitten in Dithmarschen geboren. Wer sie kenngelernt hat, den verwundert nicht, dass sie ihre Autobiografie mit dem Hinweis auf die gewitzten und selbstbewussten Bauern beginnt, die sich mit Klugheit und List, aber wenn nötig auch mit Krieg und Gewalt gegen die Unterwerfung durch adlige Ritter, Herzöge und dänische Könige wehrten. Sozusagen Kleinbonum, das gallische Dorf, das sich in den „Asterix“-Bänden tapfer den Römern widersetzt.

Dieser Wille, über sein Leben selbst zu bestimmen, hat sich über Generationen fortgepflanzt. Bei Edda Groth spielten die Gene eifrig mit: Da ihr Großvater „nur“ eine Tochter hatte, erbte die „entgegen den üblichen Gepflogenheiten und Gesetzen“ den Hof, den sie gemeinsam mit ihrem Mann, Eddas Vater, bewirtschaftete. Wer besitzt, hat das Sagen – das mag der Grund sein, warum „wir Frauen des Hauses Groth, meine Mutter, zwei Schwestern und ich, uns lebenslang überdurchschnittlich selbstbewusst benahmen“, schreibt die Autorin.

Und die Familie hat ihr noch eine Prägung mitgegeben: sich für die einzusetzen, denen es schlecht geht, die wenig haben. Ihre Mutter versorgte nicht nur die große Familie, sondern auch die Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg. Misstrauen und Vorbehalte gegen die neuen Dorfbewohner gab es nicht, die Kinder saßen in der erst ein- dann zweiklassigen Dorfschule nebeneinander und spielten zusammen. Multikulti und Toleranz waren ganz selbstverständlich und sind es für Edda Groth geblieben.

Sie lernte schnell, besuchte in Heide das Gymnasium, entdeckte den christlichen Glauben für sich, gründete eine Jungschar, sang, betete und spielte mit den Kindern. Der Weg zum Theologie-Studium war vorgezeichnet, obwohl Frauen in Schleswig-Holstein nicht das volle Pfarramt übernehmen, sondern nur Vikarin werden durften. Für Edda Groth kein Hindernis, sondern Herausforderung, den Frauen gleiche Rechte zu verschaffen.

Doch Widerspruch und Kampf waren nicht nötig, die Evangelisch-Lutherische Kirche in Schleswig-Holstein ermöglichte den Frauen per Gesetz 1967 die berufliche Gleichberechtigung. Edda Groth war die Erste, die direkt nach dem Studium ordiniert wurde, am selben Tag wurden zudem sieben weitere Kolleginnen nachträglich ins Amt eingeführt. Die Kirchenleitung wies Edda Groth als vierte Pastorin der Simeon-Kirche in Hamburg-Bramfeld zu, die, historisch gewachsen, zur Propstei Stormarn und somit zum nördlichsten Bundesland gehörte.

Die Jugendlichen betreuen und für die Kirche gewinnen, das war die Aufgabe der jungen Pastorin, die sie gern übernahm und völlig neu gestaltete, offen und ohne „christliche Vereinnahmung“. Sie lud die Jugendlichen zu Gesprächen ein, ihre Wohnung stand ihnen jederzeit offen. Freizeiten, Ausflüge, Feste und ein Konfirmandenunterricht, in dem es nicht nur um die Bibel ging, sondern um alle möglichen Probleme, die die Jugendlichen umtrieben, eben „Gott und die Welt“ – das gefiel dem Nachwuchs und den Eltern.

Und dann kam der Kirchentag, der vieles veränderte. Im Juli 1969 trafen sich 17.000 Dauerteilnehmer und 28.000 Besucher in Stuttgart. Modernisierer und Konservative stritten über Themen wie „Gott wird rot“, Gerechtigkeit in einer modernen Welt und die Oder-Neiße-Linie. Mittendrin: Edda Groth und weitere „Simeonen“, die der Kirchentag zu neuem Denken und Handeln anstieß. Die bewusste Politisierung der Theologin hatte begonnen.

Wie immer ging sie den Dingen auf den Grund, begab sich drei Wochen in selbst gewählte Isolation und las Ernst Blochs „Im Christentum steckt die Revolte“, dazu Vertreter der „Kritischen Theorie“ wie Marcuse und Adorno. Die Pastorin fühlte sich gewappnet, um zusammen mit den Jugendlichen die Kirche zu entstauben. Mitsprache und Mitbestimmung setzten die Jugendlichen im Kirchenvorstand, mit dem neu gegründeten Jugendrat und in der Jugendvollversammlung durch. Auch alternatives Zusammenleben wurde getestet, nach dem Vorbild der Kommunen entstand die „Kommune S“, wobei das S für Simeon, Stuttgarter Kirchentag, sozial oder Sozialismus stehen konnte.

Nicht allen gefiel der neue Weg. Der Kirchenvorstand beschloss Ende November 1970 mit knapper Mehrheit die Versetzung der Reformpastorin und stellte den Antrag beim Landeskirchenamt in Kiel. Das war der Beginn eines vierjährigen Streits und Kleinkriegs zwischen Edda Groth und ihren zahlreichen Anhängern auf der einen sowie ihren Gegnern auf der anderen Seite. Immer wieder betonte die Theologin, dass sie im Einklang mit dem Evangelium handele: „Das heißt für mich, nicht nur etwas zu verkünden, sondern zugleich zum tätigen Handeln zu kommen.“ Schließlich hatte der massive Protest gegen eine Versetzung, über den die Medien intensiv berichteten, Erfolg. Die Kirchenleitung ließ das Gesuch ruhen.

Edda Groth brach munter weiter mit kirchlichen Regeln, lud zu politischen Gottesdiensten wie dem „Angola-Sonntag“ oder „Das Geschäft mit dem Öl“, bezog die Hörer ein, statt von der Kanzel zu predigen und begann, ein Netz mit Gleichgesinnten zu knüpfen. Da führte sie der Weg auch nach Norderstedt in die Schalomgemeinde, in der sich die Pastoren Sönke Wandschneider, Dietrich Frahm und Theodor Lescow mit dem Kirchenvorstand einig waren, „Herkömmliches zu verlassen“. Ihr Engagement galt den Entrechteten und Unterdrückten, sie organisierten Schularbei­tenhilfe und Ausländerbetreuung, betrieben einen Kinderladen und kümmerten sich um psychisch Kranke. Statt Kanzel und Altar gab es einen zentralen Raum für Versammlungen, der auch eifrig von allen möglichen Gruppen für soziale und politische Treffen genutzt wurde. Das war der Kirchenleitung ein Dorn im Auge, sie sprach von „linkem Unwesen in der roten Kapelle“.

Marx, Engels und Mao waren Groths nächste Wegbegleiter. Die Pastorin sprach sich in einem offenen Brief zur Frage der Zusammenarbeit mit Kommunisten in der Kirche für den Sozialismus aus und fand in ihrem späteren Mann Helmut Lechner und Eckardt Gallmeier zwei Pastoren mit gleicher Anschauung. Lechner wirkte an der Christuskirche in Norderstedt, Gallmeier in Ellerau, wo er sich gleich Gegner machte, als er in einem Flugblatt die „Verflechtung von Kapital und Kirche“ aufdeckte. Fabrikbesitzer Artur. A Erlhoff „herrscht über ganz Ellerau“, alle müssten nach seiner Pfeife tanzen, er habe überall seine Finger drin. Sein leitender Angestellter Günther Blechschmidt sei zweiter Bürgermeister und Mitglied im Kindergarten-Ausschuss. Seine Frau gehöre dem Kirchenvorstand an, beide stellten den Vorstand des Bürgervereins. Widerstand war mit solchen Aussagen programmiert. Obwohl sich viele Ellerauer für den neuen Pastor einsetzten, wurde er seines Amtes enthoben.

„Mit allem, was er für das chinesische Volk und mit ihm getan hat, steht Mao Gott näher als alle Bischöfe der letzten 1000 Jahre zusammen.“ Das sagte Edda Groth zum Schluss eines Gottesdienstes, ein Satz wie ein Erdbeben, der natürlich die Kirchenleitung auf den Plan rief. Sie setzte einen „Theologischen Beirat“ ein, der die Predigt darauf hin prüfen sollte, ob und inwieweit sie als Verkündigung des Evangeliums anzusehen ist. Die Prüfer entdeckten positive wie negative Aspekte und wiesen darauf hin, dass der Fall Groth grundsätzlich geklärt werden müsse.

Das Landeskirchenamt suspendierte Edda Groth am 19. September 1974. Gut zwei Monate später trat sie aus der Kirche aus, Gallmeier hatte den Schritt schon vorher getan, Lechner folgte wenig später. Das Trio wurde arbeitslos und bekam „eine nicht die Existenz sichernde Arbeitslosenhilfe“. Edda Groth ließ sich zur Schlosserin umschulen, absolvierte noch eine kaufmännische Umschulung und fand doch immer nur kurzfristig Arbeit. Politisch blieb sie aktiv, gründete die Norderstedter Ortsgruppe der PDS und kandidierte mehrfach für den Landtag – erfolglos. Sie war Landesvorsitzende der PDS, später der Linken und trat nochmals in die Öffentlichkeit, als sie mit der Mieterinitiative unter anderem eine moderate Mieterhöhung nach der Sanierung der Wohnungen am Fried­richsgaber Weg durchsetzte.

Edda Lechners 68er-Fazit: „Die 68er-Bewegung hatte eine entscheidende Wirkung auf unseren politischen Lebensweg. Das einmal erkannte entscheidende Ziel, in dieser Welt für Gerechtigkeit einzutreten, haben wir eindeutig jener Bewegung zu verdanken.“