Schröters Wochenschau

In der Corona-Krise gilt: Nur gucken, nicht anfassen

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt.

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt.

Foto: Wolfgang Klietz

Zwar fielen alle Vorstellungen der Karl-May-Spiele aus, dafür durften die Zuschauer hinter die Kulissen schauen. Ein Modell für andere Branchen?

Kreis Segeberg.  Die 69. Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg fielen in diesem Jahr leider einem Virus zum Opfer, der „Ölprinz“ reitet erst im kommenden Jahr durch die Kalkbergarena. Das treue Publikum stürmte die Segeberger Wildwestkulisse trotzdem. Stadtführer und Kalkberg-Mitarbeiter boten den Fans nämlich regelmäßig „Backstage“-Touren an, die neben dem Blick hinter die Kulissen anekdotenreiche Informationen zu den Produktionen vermittelten. Während der Sommerferien gab es pro Woche bis zu 52 solcher Veranstaltungen, in der Regel gut gebucht.

Eigentlich sind solche Führungen das Modell der Zukunft. Das Publikum ist unter Kontrolle – es fällt sofort auf, wenn einer aus der Reihe tanzt, Sicherheitsabstände missachtet oder keine Maske trägt. Um Eintrittsgelder zu generieren, benötigen die Veranstalter nur noch wenige kundige Helfer, um die Massen durch die Kulisse zu schleusen. Diese Kulisse ist sowieso schon da und fordert keine Gage – im Gegensatz zu den Darstellern, die man aber in diesem Modell nicht mehr braucht, folglich nicht entlohnen muss und also ebenso einspart wie Pferde, Zugochsen und anderes Getier, welches in präcoronarer Ära zuhauf durch die Arena hoppelte. Vielleicht kommt bei besonders exklusiven Führungen mal ein Ex-Old Shatterhand zu Besuch und schreibt Autogramme, falls das Budget es erlaubt. Das war’s dann schon mit den Kosten.

Der Hamburger SV könnte sämtliche Spieler entlassen

Es wird nicht lange dauern, bis andere von der Krise gebeutelten Branchen dieses probate Modell adaptieren. Im Restaurant wird nicht mehr gegessen, dafür darf man anlässlich einer Küchenführung dem Chefkoch dabei zusehen (durch eine Virenschutz-Plexiglas-Installation, selbstverständlich), wie er ein Vier-Gänge-Menü zubereitet, welches anschließend umweltverträglich entsorgt wird. In ehemals angesagten Clubs beobachten Backstage-Touristen den DJ beim Verhunzen eines Disco-Krachers , Stroboskopgewitter und Tinnitus inklusive, alles vor leerer Tanzfläche.

Der HSV entlässt sämtliche Spieler, Stadionbesuchern bleibt lediglich die Führung durchs HSV-Museum und die Reminiszenz an glorreiche Meisterschaften und Pokale. Aus Industriebetrieben, Dienstleistungsunternehmen und Bühnen werden flächendeckend Unterhaltungstempel nach Art der „Schaubergwerke“. Und überall gilt: Nur gucken, nicht anfassen. Ach je. Gut, dass sich die Leute etwas einfallen lassen, um über die Runden zu kommen. Damit hoffentlich noch alles da ist, wenn wir endlich wieder soweit sein werden, es mit tosendem Leben zu füllen. Das wird ein Fest.