50 Jahre Norderstedt

Diese Frau sorgt dafür, dass es draußen klappt

Carina Krause (32) vor der Justizvollzugsanstalt Glasmoor, wo sie seit zwei Jahren arbeitet.

Carina Krause (32) vor der Justizvollzugsanstalt Glasmoor, wo sie seit zwei Jahren arbeitet.

Foto: Thorsten Ahlf

Serie 50 Jahre – 50 Köpfe: Carina Krause arbeitet seit zwei Jahren als Entlassungsmanagerin in der Justizvollzugsanstalt Glasmoor in Norderstedt.

Norderstedt.  Wenn ihr jemand am Schreibtisch gegenübersitzt, in ihrem Büro mit der mintgrün gestrichenen Wand, zählt für sie nur der Moment. Das Hier und Jetzt. Der Mensch, der Hilfe braucht. An seine Vorgeschichte denkt sie nicht. An die Strafe, die er absitzt. An die Straftat, die er begangen hat. Für sie geht es nicht darum, warum jemand hier drinnen ist, sondern wie sie ihm bei der Rückkehr in das Leben draußen helfen kann.

Drinnen und draußen. Das sind für Carina Krause (32) zwei Welten. Drinnen – das ist in der Justizvollzugsanstalt Glasmoor, wo sie als Eingliederungs- und Entlassungsmanagerin arbeitet. Draußen – das ist die Welt jenseits der JVA. Eine Welt, die für viele Insassen fremd ist. Carina Krause ist so etwas wie das Verbindungsstück. Jemand, der drinnen hilft, damit es draußen klappt. Mit der Wohnung, dem Job, dem Geld, dem Leben. Sie unterstützt bei der Suche nach einer Arbeitsstelle und einer Wohnung, nimmt Kontakt zu Firmen und Behörden auf, hilft beim Schreiben von Bewerbungen und dem Stellen von Anträgen. „Wir bieten jede Hilfe an, die ein Gefangener braucht. Aber niemand muss sie in Anspruch nehmen“, sagt sie. Einige wollen alles selbst machen, andere stoßen schnell an ihre Grenzen und brauchen Unterstützung. Dann springt sie ein. Beantragt Arbeitslosengeld oder Hartz IV, kontaktiert Job-Center und Meldeämter.

Seit zwei Jahren macht Carina Krause den Job. Davor war sie beim Allgemeinen Sozialen Dienst und der Jugendgerichtshilfe der Stadt Norderstedt. „Da bin ich das erste Mal im Beruf mit der Justiz in Kontakt gekommen – und fand die Arbeit total spannend“, sagt die 32-Jährige und erzählt von der Begleitung straffällig gewordener Jugendlicher. Von den gemeinsamen Gesprächen und der Suche nach Einrichtungen, wo verurteilte Jugendliche Sozialstunden ableisten können.

Ganz neu war das Thema für sie aber nicht, schon im Studium hatte sie sich damit beschäftigt. Theoretisch. Nach einem Bachelor in Soziologie und Erziehungswissenschaft machte sie ihren Master in Präventiver Sozialer Arbeit. Ihr Schwerpunkt: Kriminalprävention und Kriminologie. „Das Thema hat mich irgendwie schon immer gereizt“, sagt die Wilhelmshavenerin, die nach der Schule eigentlich zur Polizei wollte und dann an der Aufnahmeprüfung und den Liegestützen scheiterte. Heute ist sie froh, dass es so gekommen ist. Dass sie „auf der anderen Seite arbeitet“, wie sie sagt. Auf der Seite, die den Straftätern hilft.

„Bessert die Erde durch den Menschen und ihr bessert den Menschen durch die Erde“, steht über der Eingangstür der JVA. Das war in den 1920er-Jahren das Motto der Gefängnisanlage, die 1928 nach einem Entwurf von Hamburgs Oberbaudirektor Fritz Schumacher fertiggestellt wurde und als Vorbild für die Resozialisierung diente. Denn ursprünglich war der Komplex ohne Mauern und Stacheldraht errichtet worden. Noch heute ist die JVA eine Haftanstalt des offenen Vollzugs, etwa 70 Prozent der Insassen arbeiten bereits außerhalb des Gefängnisses und sollen so wieder auf das freie Leben vorbereitet werden.

„Im Optimalfall sollte jeder Geeignete der zirka 2000 Inhaftierten am Ende seiner Haftstrafe über den offenen Vollzug entlassen werden“, sagt Carina Krause. Und meint wirklich: Jeder. Egal, welche Strafe er absitzt. „Im offenen Vollzug können die Insassen am besten auf das Leben nach dem Gefängnis vorbereitet werden“, sagt Krause. Es ist mehr als eine Feststellung, mehr als eine Aussage. Es ist ein Wunsch, ein Appell. Als Carina Krause vor drei Jahren nach Norderstedt gezogen ist, wusste sie noch nicht, dass es hier eine JVA gibt – und sie sich beruflich noch einmal umorientieren wird. „Doch dann habe ich diese Stellenausschreibung gesehen und war sofort Feuer und Flamme“, erinnert sich Carina Krause. Sie wohnt in der Nähe der JVA, fährt oftmals mit dem Rad.

Wenn sie morgens zwischen 7 und 8 Uhr anfängt, geht sie zunächst ins Meldezimmer zu ihrem Fach, entnimmt den Schlüssel und legt ihr Handy rein. Mobiltelefone sind in der JVA nicht erlaubt. Eine Sicherheitsmaßnahme. „Am Anfang war das schon eine Umstellung, plötzlich acht Stunden ohne Handy zu sein. Aber inzwischen wissen alle, dass sie mich übers Festnetz erreichen, wenn es etwas Dringendes gibt“, sagt Carina Krause.

Auch wenn die JVA relativ offen ist und es nicht viele Türen zum „Durchschließen“ gibt, hat jeder Mitarbeiter einen speziellen Schlüsselbund zum Auf- und Zuschließen. Mit diesem in der Hosentasche geht Krause als Erstes in den Postraum und leert ihr Fach, in dem ihr die Insassen Anträge mit ihrem Anliegen hinterlassen können. Danach beginnt die Arbeit – jeden Tag anders. „Mal hänge ich nur am Telefon und spreche mit Vermietern und Arbeitgebern, dann wieder gehen die Insassen bei mir ein und aus“, sagt Carina Krause und lacht. Sie mag das, die Abwechslung, den Kontakt zu den Menschen. Das Gefühl, etwas bewegen zu können. Helfen zu können. Neulich ist ein Häftling am Tag seiner Entlassung zu ihr ins Büro gekommen und hat sich von ihr verabschiedet. Sich bei ihr für alles bedankt. Warum er inhaftiert war? Sie winkt ab! Das spielt keine Rolle!