Henstedt-Ulzburg

Die größte Gemeinde im Norden hat Geburtstag

Das Spritzenhaus Wöddel in Henstedt-Ulzburg.

Das Spritzenhaus Wöddel in Henstedt-Ulzburg.

Foto: Thorsten Ahlf

In einer neuen Serie erzählt Frank Knittermeier, wie innerhalb von 50 Jahren aus mehreren kleinen Orten die Großgemeinde Henstedt-Ulzburg wurde.

Henstedt-Ulzburg.  2020 ist das Jahr der runden Geburtstage: Nicht nur Norderstedt ist am 1. Januar 50 Jahre alt geworden, auch die Gemeinde Henstedt-Ulzburg wurde vor einem halben Jahrhundert gegründet. Aus kleinen Ortschaften sind Einheiten geworden, die in den fünf Jahrzehnten zusammengewachsen sind – mal mehr, mal weniger und mit allen Vor- und Nachteilen, die sich daraus ergeben haben. Die geplanten Geburtstagsveranstaltungen fallen wegen der Corona-Pandemie leider aus. Das Hamburger Abendblatt stellt in einer sechsteiligen Serie die Gemeinde Hen­stedt-Ulzburg vor.

Henstedt-Ulzburg ist mit 28.606 Einwohnern (Stand 30. Juni) der zweitgrößte Ort im Kreis Segeberg und die größte Gemeinde ohne Stadtrechte in Schleswig-Holstein. Außerdem gehört sie zu den 36 größten Gemeinden ohne Stadtrechte in Deutschland. Im ersten Teil der Serie geht es um die Geschichte der Großgemeinde und die Entwicklung in den vergangenen 50 Jahren, in weiteren Folgen stellen Einwohner ihre Gemeinde vor. Außerdem gibt es einen Blick in die Zukunft: Wie entwickelt sich Henstedt-Ulzburg weiter?

Wer in Henstedt-Ulzburg wohnt, egal, ob schon immer oder erst später zugezogen, macht sich für das Gewohnheitsrecht stark: „Alles soll so bleiben, wie es ist“ und „Nicht vor meiner Haustür“. Das sind die Risiken, mit denen Kommunalpolitiker und Gemeindeverwaltung zu kämpfen haben. Das war in der Vergangenheit so und wird vermutlich auch in Zukunft so bleiben. Die Folgen des starken – und natürlich legitimen – Bürgerwillens sind in der Gemeindestatistik abzulesen: Mit sieben Bürgerentscheiden in den vergangenen 20 Jahren nimmt die Gemeinde eine Spitzenstellung in Schleswig-Holstein ein. Mit bislang sechs Fraktionen im Gemeindeparlament ist außerdem die Grenze zur Unregierbarkeit fast erreicht, weil sich die Politik gegenseitig blockiert. Auch das ist Ausdruck des Bürgerwillens: Neue politische Gruppierungen sind stets vor und nach schwerwiegenden Entscheidungen entstanden.

Rückblickend ist die Entwicklung von drei Einzelgemeinden (Ulzburg mit Ulzburg-Süd, Götzberg, Henstedt mit Rhen) zur heutigen Großgemeinde trotzdem rasant verlaufen: Nach der Gründung im Jahre 1970 wird Henstedt-Ulzburg zur am schnellsten wachsenden Gemeinde in Schleswig-Holstein. Während sie 1970 noch etwa 9500 Einwohner zählte, ist die Grenze von 30.000 Einwohnern jetzt fast erreicht.

„Die Politik war anfangs von einem großen, positiven Pioniergeist getragen“, stellt Volker Dornquast fest. Er war von 1988 bis 2009 Bürgermeister in Hen­stedt-Ulzburg und steuerte die Gemeinde während dieser Zeit durch eine stürmische Entwicklung. Andererseits war er auch der Hauptbremser, als es um die Frage ging, ob Henstedt-Ulzburg Stadtrechte bekommen sollte oder nicht. Volker Dornquast argumentierte lautstark dagegen, die Menschen folgten ihm: 2013 entschied sich eine Mehrheit der Hen­stedt-Ulzburger in einem Bürgerentscheid gegen die Stadtrechte.

Die positiven und negative Folgen der stürmischen Entwicklung prägen den Ort bis heute: Es gibt eine gute Infrastruktur mit allen Schularten, Kindertagesstätten und vielfältigen Einkaufsmöglichkeiten, ein großes Angebot an Arbeitsplätzen im stetig wachsenden Gewerbegebiet im Norden der Gemeinde. Andererseits aber auch ein seit Jahrzehnten währender Umsetzungsstau von Verkehrsgroßprojekten, die zu einer Entlastung für die innerörtlichen Straßen führen könnten.

In der Gemeinde kommen auf 1000 Einwohner 650 Pkw

Die Lage von Henstedt-Ulzburg in der direkten Nachbarschaft zu Hamburg bringt erhebliche Verkehrsbelastungen mit sich. Dazu kommt ein Motorisierungsgrad, der deutlich höher ist als im übrigen Deutschland: 650 Pkw pro 1000 Einwohner (517 in Deutschland). Mehr als die Hälfte der Haushalte besitzt mindestens einen Zweitwagen. 78 Prozent der Einwohner nutzen das Auto für den Weg zur Arbeit – wesentlich mehr als der Durchschnitt der Einwohner in der Metropolregion Hamburg und in ganz Deutschland.

Immerhin besitzen 88 Prozent der Haushalte ein Fahrrad, aber es fehlen ausreichende Radwegeverbindungen. Jede öffentliche Debatte über die Entwicklung der Gemeinde wird daher in Verbindung mit Mobilität und Verkehr geführt. Aufgeschlüsselt ist das alles in einem Zwischenbericht zur Erarbeitung eines Gemeindeentwicklungskonzepts unter dem Titel „hu2030+“.

Diese Probleme haben die Gründer der Großgemeinde natürlich nicht auf sich zukommen sehen: Es herrschte Pionierstimmung. Im Laufe von fünf Jahrzehnten sind in allen Ortsteilen neue Baugebiete entstanden, aber ein Ortszentrum, wie etwa in Norderstedt, wurde nicht entwickelt.

Am Dammstücken war ein künstliches Zentrum geplant

Horst Ostwald, seit fast 40 Jahren aktiver und damit dienstältester Kommunalpolitiker in der Gemeinde, erinnert sich, dass ein künstliches Zentrum tatsächlich mal im Gespräch war: „Meiner Erinnerung nach sollte es am Dammstücken entstehen. Ich kann mich aber nicht erinnern, warum diese Idee damals nicht umgesetzt wurde.“ Heute gilt das Gebiet rund um das Rathaus in Ulzburg zumindest als eine Art Ortszentrum – wenngleich es von vielen Henstedt-Ulzburgern eher nicht so gesehen wird. „Die Hamburger Straße trennt den Ort ja auch“, sagt Horst Ostwald, der als SPD-Politiker und langjähriger Vorsitzender des Umwelt- und Planungsausschusses maßgeblich an der Entwicklung der Gemeinde beteiligt war.

Während der Wohnraum in den 60er-Jahren in Hamburg immer weniger und teurer wurde, schwärmten die Menschen ins Umland und lösten damit einen Siedlungsdruck aus, der durch die Ausweisung von immer neuen Baugebieten gelöst wurde. Götzberg behielt den dörflichen Charakter, in den anderen Ortsteilen veränderte sich das Bild. „Als Symbole einer zeitgemäßen Entwicklung galten die Hochbauten“, beschreibt Gemeindearchivar Volkmar Zelck die damalige Stimmung. In seinem Buch „Ortsgeschichte Henstedt-Ulzburg“ lässt er die Entwicklung der drei Einzelgemeinden zu einer Großgemeinde Revue passieren. Unter Bürgermeister Heinz Glück begann die Geschichte 1970, mit den Bürgermeistern – Volker Dornquast (1988-2009), Torsten Thormählen (2010-2013), Stefan Bauer (2014- 2020) und aktuell Ulrike Schmidt (seit Juni 2020) – geht sie weiter.

Während sich Verwaltung und Politik um die Entwicklung der Gemeinde kümmern, tragen die Vereine das gesellschaftliche Leben: Bürgeraktiv, Hen­stedt-Ulzburg bewegt, SV Henstedt-Ulzburg und viele andere sind Säulen des öffentliche Lebens im Ort.