Arbeitswelt

Homeoffice und Videokonferenzen: Wie digital werden wir?

Die Digitalisierung ist ein Megatrend, auch schon vor Corona. Doch die Pandemie hat dem digitalen Wandel der Arbeitswelt noch einmal einen gewaltigen zusätzlichen Schub gegeben.

Die Digitalisierung ist ein Megatrend, auch schon vor Corona. Doch die Pandemie hat dem digitalen Wandel der Arbeitswelt noch einmal einen gewaltigen zusätzlichen Schub gegeben.

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Gewerkschaft warnt vor „alarmierenden Zahlen“. In Norderstedt fordern Experten derweil beim Zukunftsdialog neue Ideen.

Kreis Segeberg. Wenn der Kollege Computer übernimmt: Der digitale Umbruch in der Arbeitswelt könnte im Kreis Segeberg Tausende Jobs kosten. Davor warnt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und verweist auf eine Regionalstudie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Danach sind im Kreis Segeberg 24 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze in hohem Maße durch die Digitalisierung bedroht. Bei diesen Stellen könnten bereits heute mindestens 70 Prozent aller Tätigkeiten von computergesteuerten Maschinen erledigt werden. Grundsätzlich könne die Digitalisierung sowohl zur Aufwertung von Berufen führen als auch zu deren Abbau, so die Forscher des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Die Gewerkschaft NGG spricht in einer Pressemitteilung von „alarmierenden Zahlen“, warnt jedoch auch vor „Schwarzmalerei“: „Vom Homeoffice bis zur Videokonferenz: Die Corona-Pandemie hat dem digitalen Wandel der Arbeitswelt einen zusätzlichen Schub gegeben. Ob Computer aber tatsächlich so viele Jobs ersetzen, das liegt auch an den Unternehmen und den Beschäftigten. Dort, wo Mitarbeiter für die digitale Zukunft fit gemacht werden, kann die Industrie 4.0 eine große Chance sein“, sagt Silke Kettner, Geschäftsführerin der NGG Hamburg-Elmshorn.

Nötig sei eine Qualifikationsoffensive. Wer seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jetzt nicht fortbilde, der verschlafe die Veränderungen in der Arbeitswelt, so Kettner. Außerdem notwendig sei eine ernsthafte Debatte über Arbeitszeitverkürzung, um das vorhandene Arbeitszeitvolumen auf mehrere Schultern zu verteilen und Arbeitnehmer am Produktivitätsgewinn teilhaben zu lassen.

Die Ernährungsindustrie sei dabei mit rund 2600 Beschäftigten ein „wichtiger Wirtschaftsfaktor“ im Kreis Segeberg. Der digitale Wandel in der Branche müsse aktiv mitgestaltet werden – mit dem Ziel, Beschäftigung zu sichern. „Dabei sollten auch die Betriebsräte ein Wort mitreden. Sie wissen, wo der Bedarf in der Firma am größten ist und was aus Sicht der Beschäftigten getan werden muss. Viele Beschäftigte, die früher am Fließband standen, arbeiten heute in der Qualitätskontrolle. Und Lagerlogistiker bauen auf die Unterstützung von vernetzten Computern, die Zutaten automatisch dann bestellen, wenn sie zur Neige gehen“, erklärt Kettner.

Die vorhandene Arbeit auf mehrere Schultern verteilen

Nach Angaben des IAB hat die Digitalisierung in den vergangenen Jahren deutlich an Fahrt gewonnen: Allein zwischen 2013 und 2016 stieg der Anteil der Arbeitsplätze, die potenziell zu einem Großteil durch Maschinen ersetzbar sind, bundesweit von 15 auf nunmehr 25 Prozent. Berufe in der Fertigung sind demnach besonders betroffen.

Doch wie dramatisch die Folgen tatsächlich sind, das hängt laut IAB nicht nur von den Unternehmen und den Beschäftigten ab. „So wird es weiterhin Handwerksbäckereien geben, wenn Verbraucher ein handgebackenes Brot mehr wertschätzen als ein maschinell gefertigtes“, schreiben die Forscher.

Expertenrunde wurde per Livestream übertragen

Um das Thema Digitalisierung ging es auch beim ersten hybriden Zukunftsdialog, den die Stadtwerke Norderstedt und die Entwicklungsgesellschaft Norderstedt (EGNO) ausgerichtet haben. „Von Homeoffice bis Industrie 4.0 – wie digital werden wir?“, lautete die Frage, auf die Professor Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, Theo Weirich, Geschäftsführer von wilhelm.tel in Norderstedt, und Bernd Mähnss, Geschäftsführer Hanseatic Power Solutions, versuchten, Antworten zu geben. Moderiert wurde die Expertenrunde, die per Livestream aus dem Norderstedter Kulturwerk am See übertragen wurde, von der Fernseh-Moderatorin Susanne Stichler.

„Die Unsicherheit wird nicht gehen, wir werden lernen müssen, damit umzugehen“, sagte Henning Vöpel. Er erwartet von den Menschen und Unternehmen agilere Strukturen, mehr Konnektivität und neue Geschäftsmodelle. „Viele Meetings finden digital statt, wir schicken bereits eine Eye-Tracking-Brille anstelle eines Mitarbeiters zu unseren Kunden“, ergänzte Bernd Mähnns. Dennoch müsse es auch reale Treffen geben, um soziale Kontakte zu pflegen. Als Eyetracker werden Geräte und Systeme bezeichnet, die die Aufzeichnung vornehmen und eine Analyse der Blickbewegungen ermöglichen.

„Bestimmte Branchen brauchen Nähe, und wir werden auch in Zukunft reisen“, betonte Theo Weirich. Der wilhelm.tel-Geschäftsführer fordert den digitalen Stresstest: Zu gucken, wo es richtig ist zu digitalisieren und wo nicht. Dafür brauche es mehr Start-up-Kultur, neue Ideen und Menschen, die bereit sind, Dinge neu zu entwickeln und vorhandene Systeme zu stürzen, um neue aufzubauen.

Alternative zum Büro: Neue Zentren vor der Stadt

Professor Vöpel sieht als Alternative zum Büro nicht nur das Homeoffice, sondern neue Zentren vor der Stadt, in kleineren Orten, digital angebunden. Dort könnten neue soziale Räume entstehen, in denen Kinder auch fürs Mittagessen und Hausaufgaben einen Platz haben.

Der erste Norderstedter Zukunftsdialog ersetzte den ursprünglich im September geplanten Kongress mit 400 Gästen im Kulturwerk. „Mit dem hybriden Format und der anschließenden Ausstrahlung im Internet für alle Norderstedterinnen und Norderstedter wollten wir den Dialog beginnen“, sagt Jens Seedorff, Werkleiter der Stadtwerke Norderstedt. Und EGNO-Geschäftsführer Marc-Mario Bertermann ergänzt: „Dies war der erste Test. Wir werden das neue Format weiter ausbauen, die Interaktion stärken.“

Erste Zuschauerreaktionen unterstreichen dies. „Gutes Format, Themen enger eingrenzen, Netzwerkbildung möglich machen“, so einige Kommentare im Netz.