Norddeutschland

So funktioniert das skrupellose Geschäft der Welpenhändler

Katja Vogel, Leiterin des Tierheims Henstedt-Ulzburg, mit einer kleinen Hündin, die todkrank aus einer illegalen Zucht kam.

Katja Vogel, Leiterin des Tierheims Henstedt-Ulzburg, mit einer kleinen Hündin, die todkrank aus einer illegalen Zucht kam.

Foto: Andreas Burgmayer

Mann aus Hamburg kauft Hunde in Polen und bietet sie in Online-Portalen an. Viele Welpen sind todkrank und landen im Tierheim.

Norderstedt.  Wer wissen will, wie die Folgen des gewissenlosen Treibens skrupelloser und illegaler Welpenhändler aussehen, und wissen will, was man damit anrichtet, wenn man Hundewelpen gedankenlos über Online-Kleinanzeigen bei Ebay oder anderen Portalen kauft – der findet im Tierheim Henstedt-Ulzburg derzeit Anschauungsmaterial.

Die Hündin, kaum zwei Monate alt, sitzt alleine in einer vergitterten Plastikbox in einem kleinen, von allen anderen Tieren abgetrennten Raum des Tierheims. Ein flauschiger Haufen Elend. Als Katja Vogel, die Leiterin des Heims, kommt und sie anspricht, beginnt der Welpe zu winseln. Das Tier sehnt sich offenbar nach Kontakt.

Als Vogel sie auf den Arm nimmt – in Schutzkleidung und mit Gummihandschuhen – wird die Hündin munter. Nur um kurz darauf, als sich das Gitter der Box wieder vor ihr schließt, erneut in ihre mitleiderregende Lethargie zu verfallen.

Zwei andere Welpen starben einen grausamen Tod

Das Tier sitzt in Quarantäne. Es hat gerade mit Mühe die für Welpen tödliche Parvovirose überstanden. Im Gegensatz zu den anderen beiden Welpen, mit denen sie im Tierheim eingeliefert wurde. Die schafften es nicht. „Wer das einmal gesehen hat, wie die Kleinen sich quälen, wie sie sich permanent übergeben, der Kot läuft in flüssiger Form, oft mit Blut durchsetzt, aus dem Hintern, sie sind schlapp, können nicht mehr schlucken – ein grausames Sterben“, sagt Katja Vogel.

Sieben Wochen bleibt das Hündchen in der Gitterbox. „Zunächst wegen der Parvovirose, im Anschluss wegen Tollwut.“ Es sei eine einzige Quälerei für das Tier. „Eigentlich braucht sie jetzt andere Welpen und ihre Mutter.“ Keine ausreichende Sozialisation, der Hund wird später verhaltensauffällig sein. Nicht ausgeschlossen, dass die Parvovirose auch noch nach Jahren zum Herzversagen führt. „Ein Kollege sagte, vielleicht wäre es besser gewesen, wenn sie auch gestorben wäre“, sagt Vogel.

Die Wut ist der erfahrenen Tierpflegerin anzumerken. Auf den Mann, der den Tieren das angetan hat. Und die selbsternannten Hundeliebhaber, die bei ihm tatsächlich Hunde kaufen.

Der Welpenhändler treibt sein mieses Geschäft seit Jahren

Sina Hanke vom Hamburger Tierschutzverein kennt den Mann seit Jahren. „Er kommt aus Hamburg-Billstedt. Und weil wir ihn schon so oft angezeigt haben und ihm allein seit Mai mehr als 30 Welpen abgenommen haben, weicht er jetzt ins Umland aus“, sagt Hanke. Zum Beispiel nach Norderstedt. Die drei Welpen, die später im Tierheim Henstedt-Ulzburg landeten, stammen aus einer Verkaufsaktion des Mannes am Sonntag, 9. August, in Norderstedt.

An diesem Fall lässt sich die Masche des illegalen Welpenhändlers nachvollziehen. „Zunächst kauft er die Welpen für 20 Euro pro Tier in Polen. Dort gibt es Anbieter, die Hündinnen laufend werfen lassen“, sagt Hanke. Die Welpen hätten nie einen Tierarzt gesehen, hätten also keinen Impfschutz. Sie werden viel zu früh von der Mutter weggenommen und landen unverzüglich auf dem Markt – meistens schon tödlich infiziert, weil sie in üblen Verhältnissen gehalten wurden.

Auf Ebay-Kleinanzeigen veröffentlicht der Billstedter betont blumige Anzeigen, spricht vom Familienhund, der geworfen hat und davon, nur liebevolle Haushalte für die Welpen zu suchen, um sie schweren Herzens abzugeben, sagt Sina Hanke. „Wir erleben derzeit einen Corona-Boom auf dem Welpenmarkt. Es gibt also genug Kundschaft.“

Beim Norderstedter Fall gaben sich Sina Hanke und Kollegen als Käufer aus – und rückten gleich mit Polizei zur Übergabe der Welpen an. Die läuft so dubios ab, dass spätestens hier im Vorfeld jeder verantwortungsvolle und denkende Mensch vom Kauf zurücktreten müsste. „Der Mann gibt nie eine exakte Adresse an, seine Telefonnummer rückt er nicht raus, ruft nur mit unterdrückter Nummer an“, sagt Hanke. Den Leuten erzählt er, er wolle sich vor der Tür seines Hauses treffen – wegen Corona.

„Und wenn jemand vor Ort das Muttertier sehen will, dann ist die Hündin gerade nicht da, beim Gassigehen oder bei Freunden untergebracht.“ In Norderstedt stand schließlich ein Strohmann des Händlers mit einem Welpe auf dem Arm an einer Bushaltestelle – als er die Polizei erkannte, ergriff er die Flucht und warf das Tier in ein Gebüsch. „Den Billstedter mit noch zwei Hunden im Auto fanden wir zwei Straßen weiter“, sagt Sina Hanke. Beide Männer wurden von der Polizei dingfest gemacht und wegen des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz angezeigt.

Ein Hundewelpe bringt 700 bis 1000 Euro

„Um 18 Uhr an jenem Sonntag hat der Händler die Polizeiwache in Norderstedt verlassen – um 19 Uhr stand er in Glinde schon wieder auf der Straße und verkaufte Welpen.“ Das Geschäft ist zu lukrativ für den Mann: 700 bis 1000 Euro nimmt er pro Tier. „Wir haben mal bei einer Hausdurchsuchung 13 Hunde aus seiner Wohnung geholt – die wollte er an dem Tag für 13.000 Euro verkaufen – schnelles Geld.“

Anzeigen wie die aus Norderstedt würden in der Regel gegen eine Geldstrafe eingestellt – das sei im Geschäft quasi eingepreist. „Manchmal verfolgt die Staatsanwaltschaft diese Anzeigen aber auch gar nicht, weil andere Verfahren gegen den Mann laufen, bei denen er eine höhere Strafe zu erwarten hat“, sagt Hanke. „Der Mann ist auch schon vorbestraft und hat ein Tierhaltungsverbot – trotzdem macht er immer weiter. Wir sind schon seit 2017 hinter ihm her.“ Und: Die Dunkelziffer seiner Verkäufe muss sehr hoch sein.

In den Tierheimen in Hamburg und jetzt auch im Umland, sammeln sich die erbärmlichen Ergebnisse seines kriminellen Geschäftsmodells, die auf Kosten der Allgemeinheit dann aufgepäppelt werden – wenn es denn gelingt. „Unfassbar, dass viele Käufer das zwar etwas merkwürdig finden, sich dann aber irgendwo im Nirgendwo einen winzigen Welpen gegen bis zu 1000 Euro übergeben lassen – natürlich ohne Schutzvertrag“, sagt Katja Vogel. Aktuell seien viele Tierkliniken in der Umgebung belegt mit eben diesen todkranken Welpen.

Käufer retten den armenWelpen nicht, indem sie dem Händler Geld zahlen

„Die Leute müssen endlich aufhören, diese Welpen zu kaufen. Sie machen sich auch strafbar“, sagt Vogel. Laut Tierschutzgesetz müssen Welpen mindestens bis zu einem Alter von acht Wochen bei der Mutter bleiben. Ins Land geholt werden dürfen sie erst nach einer erfolgten Tollwutimpfung, nicht vor dem dritten Lebensmonat.

Echte Züchter weisen das nach, der Käufer kann immer das Muttertier besichtigen, es gibt einen Schutzvertrag, und die Übergabe erfolgt natürlich nicht auf der Straße. „Skurrile Anbieter sollten sofort dem Veterinäramt gemeldet werden. Käufer retten den armen Welpen nicht, indem sie dem Händler auch noch Geld dafür zahlen.“