50 Jahre Norderstedt

Rebecca Lampen hat ein Herz für Schüler

Schulsozialarbeiterin Rebecca Lampen am Dino auf dem Geländes des Schulzentrums Süd in Norderstedt.

Schulsozialarbeiterin Rebecca Lampen am Dino auf dem Geländes des Schulzentrums Süd in Norderstedt.

Foto: Thorsten Ahlf

Die 46-Jährige arbeitet seit fast 20 Jahren als Schulsozialarbeiterin. Heute arbeitet sie an derselben Schule, wo sie selbst Abi machte.

Norderstedt.  Manchmal, so heißt es, muss man erst weggehen – um wiederkommen zu können. Um Heimzukommen, zu wissen, wo man hingehört.

Bei Rebecca Lampen war es genauso. Nachdem die Schulsozialarbeiterin jahrelang am Schulzentrum Süd im Einsatz war, wo sie selbst schon Abi gemacht hatte, verspürte sie irgendwann den Wunsch nach einer Veränderung. Nach einem Neuanfang. Sie war gerade sechs Jahre in Elternzeit gewesen, hatte zwei Jungs bekommen und lange pausiert – der ideale Zeitpunkt, um sich nach dem Wiedereinstieg zu verändern. So schien es. Also wechselte sie die Schule – um dann kurz danach zu erfahren, dass die neue und die alte Schule fusionieren und sie künftig wieder im Schulzentrum Süd eingesetzt werde. Für sie sei das fast so was wie Fügung gewesen. „Ich dachte: Wenn das Schicksal mich auf diese Weise zurückführt – dann gehöre ich hier auch hin – für immer“, sagt Rebecca Lampen.

Sie sitzt am Rand des Sportplatzes vom Schulzentrum Süd. Mögen andere stets von der Gemeinschaftsschule Ossenmoorpark und dem Lise-Meitner-Gymnasium sprechen – für sie ist das hier einfach das Schulzentrum Süd. Weil sie nichts davon hält, zwischen den Schulen zu differenzieren, schließlich gibt es bei beiden Schüler mit Problemen, die Hilfe brauchen. Ihre Hilfe. Und weil die Schule so schon hieß, als sie selbst hier Schülerin war.

1985 ist sie hier in die fünfte Klasse gekommen, da gab es die Bezeichnungen Ossenmoorpark und Lise-Meitner-Gymnasium noch gar nicht. „Wir waren einfach auf dem Schulzentrum Süd“, erinnert sich die 46-Jährige, die in den ersten Jahren mit dem Bus aus Itzstedt zur Schule fährt – bis die Familie 1989 nach Norderstedt zieht. Das Haus ist nur ein paar Meter von der Schule entfernt. Der Weg ist so kurz, dass es sich noch nicht mal lohnt, mit dem Fahrrad zu fahren. „Seit ich 15 Jahre alt bin, kann ich zu Hause das Läuten der Schulklingel hören.“ Andere mögen das nervig finden – sie nicht. Für sie ist es ein Zeichen von Beständigkeit, fast schon Heimat.

Während Rebecca Lampen erzählt, dass sich ihre Postleitzahl seit 30 Jahren nicht geändert hat, wird sie immer wieder von Schülern angesprochen. Viele winken ihr zu, rufen ein Hallo herüber. Die Jugendlichen kennen sie – und sie kennt die Jugendlichen. Die meisten von ihnen. 1200 sind es auf beiden Schulen zusammen. Ein paar Gesichter sind neu. Jetzt wurden die neuen Fünftklässler eingeschult – die muss sie erst noch kennenlernen.

Früher machten Familien Probleme unter sich aus

Seit 1999 ist sie Schulsozialarbeiterin. Sie hat die Anfänge dieses Berufes, den es so zu ihrer eigenen Schulzeit noch gar nicht gab, miterlebt und mitgeprägt. Manchmal wird sie von Eltern gefragt, ob eine Stelle wie die ihre an Schulen wirklich gebraucht werde. Ob sich die Welt so stark verändert, verschlechtert habe, dass das notwendig sei. Dann sagt sie, dass es den Bedarf schon immer gegeben hätte. Dass man sich früher aber nicht getraut habe, Hilfe einzufordern – und anzunehmen. „Früher haben die meisten Familien die Probleme unter sich ausgemacht und hätten die nie nach außen getragen. Heute sind die Menschen da offener geworden“, sagt sie und fügt entschieden hinzu: „Zum Glück.“

Sie selbst sei immer „wahnsinnig gerne“ zur Schule gegangen. „Deswegen war mir immer klar, dass ich mal in den Lehrdienst gehe“, sagt Rebecca Lampen, die an der Uni Hamburg Religion und Sozialwissenschaften studierte – auf Lehramt für Grund- und Mittelstufe. Da sie schon während des Studiums viel in Schulen und Jugendeinrichtungen jobbte, merkte sie schnell, dass ihr die Rolle des Beraters liegt. Fast noch mehr als das Unterrichten.

Sie sorgt für ein Klima, in dem sich die Schüler wohlfühlen

Das erkannte auch Siegfried Kröger, ein Mitarbeiter des Jugendfreizeitheims des Schulzentrum Süds – dem heutigen Atrium. Nachdem die Jugendeinrichtung jahrelang nur nachmittags geöffnet hatte, begann er Mitte der 90er-Jahre damit, die Räume auch vormittags zu öffnen. Seine Intention: Die Kinder, die nachmittags kommen, sind die gleichen, die vormittags hier zur Schule gehen. Mit den gleichen Problemen und Sorgen. Warum also sollte man nur nachmittags für sie da sein?

Aus heutiger Sicht sei das die Keimzelle von Schulsozialarbeit gewesen, sagt Rebecca Lampen, die eng in den Prozess eingebunden war. Da sie schon als Schülerin viel Zeit im Jugendfreizeitheim verbracht hatte, hielt sie auch während des Studiums engen Kontakt zu Siggi, wie Siegfried Kröger von allen nur genannt wird - und wurde von ihm nach dem Studium als Jugendsozialarbeiterin angeworben. Das Besondere: Die neu ausgeschriebene Stelle war nicht mehr allein in der nachmittäglichen Jugendarbeit angesiedelt, sondern auch in der Schule. „Das heißt, plötzlich war man ganz eng an den Schülern und ihren Problemen dran“, sagt Rebecca Lampen, die heute gemeinsam mit ihrem Kollegen Björn Lange-Kröger im Team arbeitet. Ihre Aufgabe: „Für ein Schulklima zu sorgen, in dem sich die Schüler wohlfühlen und gerne zur Schule gehen“, sagt die Pädagogin und erklärt, was das genau bedeutet: „Dass wir Ansprechpartner für alle Probleme von Kindern, Eltern und Lehrer sind und gemeinsam versuchen, Lösungen für die Probleme zu finden.“ Die Probleme, um die es geht, sind vielfältig: Streit mit Mitschülern oder Lehrern, psychische Probleme, Depressionen, Sucht, Missbrauch, Mobbing und sexuelle Identität. „Die Bandbreite hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert“, so die Beobachtung der Experten. „Früher konnten wir in vielen Fällen mit einem Gespräch helfen – heute sind immer öfter intensive Hilfen gefragt.“

Rebecca Lampens Söhne besuchen ebenfalls die Schule

Da die Schulsozialarbeiter selbst nicht therapieren, stellen sie Kontakt zu Beratungsstellen oder dem Jugendamt her und begleiten die betroffenen Schüler auf Wunsch zu den Terminen.

Rebecca Lampen blickt auf die Uhr, gleich hat sie noch einen Termin. Ein Elterngespräch. Sie liebt die Vielfältigkeit in dem Job, die Abwechslung. Kein Tag ist wie der andere. Sie veranstaltet mit den Schülern einen Klassenrat, spricht mit Lehrern über Kinder, die Probleme haben, steht im Austausch mit verschiedenen Beratungsstellen, hilft nach längerer Abwesenheit von Schülern bei der Wiedereingliederung in den Alltag, hält Kontakt zu der Polizei oder springt bei akuten Notfällen ein.

Nur in einem Fall ist sie nicht die richtige Ansprechpartnerin: Wenn es um einen ihrer Söhne geht, die ebenfalls auf der Schule sind. „In diesem Fall bin ich einfach nur Mutter, und mein Kollege muss übernehmen“, sagt Rebecca Lampen. Sie hätte sich gewünscht, dass die Jungs auf eine andere Schule gehen. Doch die beiden wollten davon nichts hören und haben den gleichen Weg eingeschlagen wir ihre Eltern. Ja, Eltern. Denn der Mann von Rebecca Lampen war auch schon auf dem Schulzentrum Süd, im gleichen Jahrgang wie sie, und wohnte ebenfalls im direkten Umfeld der Schule – und arbeitet heute als Steuerberater ebenfalls in Norderstedt. „Man kann also sagen, dass die Liebe zu dieser Schule und zum Stadtteil bei uns in der Familie liegt“, sagt sie und lacht. In diesem Moment läutet die Schulglocke.