Geschichte

Wie Langenhorn zu einer Schwarzwaldsiedlung kam

Ein NS-Propaganda-Foto mit Zwangsarbeiterinnen des Hanseatischen Kettenwerks

Ein NS-Propaganda-Foto mit Zwangsarbeiterinnen des Hanseatischen Kettenwerks

Foto: Willi-Bredel-Gesellschaft Geschichtswerkstatt

Willi-Bredel-Gesellschaft bringt Buch „Wohnungsbau für die Rüstungsindustrie – Siedlungen für das Hanseatische Kettenwerk und die Messap“ heraus.

Langenhorn.  Wie kommen die Häuser im Schwarzwälder Stil an die Essener Straße in Langenhorn? Warum liegen gegenüber dieser Siedlung in der für Norddeutschland ungewöhnlichen Architektur so viele Stolpersteine mit Namen, Lebens- und Todesdaten früh gestorbener, meist verhungerter Kinder? Warum gibt es am Käkenkamp zwei Reetdachhäuser? Die Willi-Bredel-Gesellschaft hat jetzt das Buch „Langenhorn und seine Bauten – Wohnungsbau für die Rüstungsindustrie – Siedlungen für das Hanseatische Kettenwerk und die Messap“ von Michael Holtmann herausgegeben. „Aufgrund ihrer ungewöhnlichen Gestalt hat die Siedlung an der Essener Straße schon immer mein Interesse geweckt, doch erst ein kurzer Artikel im Hamburger Abendblatt brachte mich auf die Spur ihrer Entstehungsgeschichte“, schreibt Michael Holtmann in seinem Vorwort.

Die Entscheidung zum Bau des Areals mit Fabriken, Strohdachsiedlung und Schwarzwaldsiedlung fiel am 19. Dezember 1934. Fünf Männer trafen sich an der Kreuzung Langenhorner Chaussee/Weg 4, heute Essener Straße, in unmittelbarer Nähe des 1921 erbauten Bahnhofs Ochsenzoll. Die fünf Männer suchten einen Standort für ein Zweigwerk der Metallwarenfabrik Pötz & Sand in Monheim bei Düsseldorf. Das Areal sollte ländlich aussehen und bis zu 12.000 Quadratmeter umfassen. Es durfte aus der Luft keinen erschlossenen Eindruck machen, und der Boden musste so beschaffen sein, dass er nicht gerammt werden musste, um extrem schwere Maschinen aufstellen zu können. Das Rammen wäre zu auffällig gewesen. Aber genau das wollten die fünf geheimnisvollen Herren unbedingt vermeiden, denn sie suchten einen Standort für die Rüstungsindustrie der Nazis, obwohl der Versailler Friedensvertrag von Juni 1919 Deutschland jegliche Rüstung verbot. Hitler sah diesen Vertrag als Schmach, die unbedingt zu tilgen war. Sein wahnsinniger Plan von der Welteroberung war schon 1934 beschlossene Sache.

Das Gelände erfüllte alle Wünsche des Nazi-Regimes

Hamburg war 1934 aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit Notstandsgebiet und unterstützte die Pläne der fünf Herren. Besitzer des Geländes war die Staatskrankenanstalt Langenhorn, heute Asklepios Klinik Langenhorn. Die Monheimer Fabrik stellte nicht nur Klo-Spülungen und Gliederketten für Handtaschen her, sondern auch Munitionshülsen. Ab 1936 rüsteten die Nazis auf. Das Gelände, das die Herren prüften, erfüllte alle Wünsche der Tarnung, sodass die Rüstungsbetriebe Hanseatischen Kettenwerke und die Messap, die Deutsche Messapparate GmbH, entstanden. Die Betriebe benötigten Tausende Menschen für die NS-Rüstungsaufträge. 1939 waren es 8500 Beschäftigte. Doch wo sollten sie wohnen? Die Bauherren bewiesen durchaus Fantasie. Die Siedlung an der Straße Tarpen, damals Garstedter Weg, gaben sie als Uhrenfabrik aus. Für die Arbeiter, die aus Süddeutschland kamen, entstanden die Strohdachsiedlung und die Schwarzwaldsiedlung. Die Strohdachsiedlung, genannt „Beamtenkolonie“, sollte Bäuerlichkeit vorgaukeln, um vom Zweck der Werke abzulenken, und war den leitenden Angestellten und Werkmeistern vorbehalten. Sie sind heute noch idyllische Kleinode zwischen Supermarkt und der Langenhorner Chaussee. Die Schwarzwaldsiedlung wurde im Stil der Heimat der Ingenieure, Angestellten und Arbeiter gebaut. Teilweise wohnten die Angestellten und Arbeiter auch in Garstedt in einer Siedlung mit kleinen Gärten, und in Harksheide.

Doch der Rüstungshunger des NS-Machtapparats stieg vor allem nach dem 1. September 1939, nach dem deutschen Überfall auf Polen, mächtig an. Und damit der Bedarf an Arbeitskräften. Die Nationalsozialisten rekrutierten Fremdarbeiter aus den inzwischen von der Wehrmacht besetzten Gebieten in Westeuropa und Zwangsarbeiter aus Osteuropa. Auch die Häftlinge im KZ Neuengamme mussten Rüstungsgegenstände anfertigen. Die Fremd- und Zwangsarbeiter wohnten in Baracken, teilweise von hohen Stacheldrahtzäunen umgeben. Die meist verschleppten Arbeiterinnen und Arbeiter, zumal aus dem Osten, litten unter Fronarbeit, Kälte im Winter, Hitze im Sommer und – Hunger. Viele Kinder starben. Ihre Mütter hielten die NS-Arbeitgeber aus menschenverachtendem Kalkül so knapp, dass sie ihre Neugeborenen weder ernähren noch versorgen konnten – sie starben. Ihnen setzten einige Initiativen, darunter die Willi-Bredel-Gesellschaft, ebenso Stolpersteine wie den Kindern, die die Nazi-Ärzte der Kinderfachabteilung der Pflege- und Heilanstalt Langenhorn ermordeten.

Am U-Bahnhof Ochsenzoll steht eine Gedenkstele

Eines der Barackenlager wurde zum Außenlager des KZs Neuengamme. Dort waren von September 1944 bis 3. Mai 1945 mehr als 740 Frauen untergebracht, die in den Werken arbeiten mussten. Anfang April 1945 lösten die Nationalsozialisten das Frauenlager auf, die Frauen deportierten sie erst ins Konzentrationslager Sasel, dann ins Vernichtungslager Bergen-Belsen.

In Erinnerung an 6000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter errichtete die Willi-Bredel-Gesellschaft eine Gedenkstele am Sandweg neben dem U-Bahnhof Ochsenzoll. Ein Gedenkstein an der Essener Straße 54 erinnert an die ermordeten 500 jüdischen Frauen des KZs Stutthof, die im Langenhorner Außenlager des KZs Neuengamme interniert waren.